Experten aus dem Handwerk sehen eine abgespeckte Lehre kritisch, wollen aber über Ausbildungswege diskutieren. Die Industrie hingegen hätte gerne schnell ausgebildete Spezialkräfte. In der Diskussion geht es um die Zukunft der Dualen Ausbildung in Deutschland.

Das Klima macht bekanntlich keine Kompromisse. Das veranlasst einige Manager, Politiker und Aktivisten, im Kampf gegen die Erderwärmung bewährte Ausbildungsgänge infrage zu stellen. Was dabei herauskommen kann, führt "Fridays for Future" selbstbewusst vor: Die Klimaschützer boten in einem Sommercamp eine Schulung zur Photovoltaikhilfskraft in zwei Wochen.
Erfahrene Meister und Betriebsinhaber aus dem Bereich Sanitär, Heizung, Klima (SHK) betrachten solche Entwicklungen mit Magengrummeln. Sie benötigen in der Regel keine rasch angelernten Helfer, sondern solide ausgebildete Generalisten. "In der Mehrzahl der Betriebe herrscht ein sehr hoher Bedarf an hochqualifizierten Mitarbeitern, die an die Auftragslage angepasst in unterschiedlichen Geschäftsbereichen einsetzbar sind", teilt der Zentralverband Sanitär Heizung Klima (ZVSHK) mit.
Generalisten statt Spezialisten
Das bestätigt auch Joachim Krimmer, Zentralheizungs- und Lüftungsbaumeister und Präsident der Handwerkskammer Ulm. "Ich stehe der Teil-Qualifizierung skeptisch gegenüber. Unsere Handwerker sind breit ausgebildet und auch in der Breite einsetzbar" Für seinen Betrieb könne er ein Beispiel geben: "Wir bauen Wärmepumpen ein und, falls die Wärmepumpe aufgrund von Lieferschwierigkeiten nicht kommt, dann macht der gleiche Monteur eben Bäder. Das wäre mit einem teilqualifizierten Mitarbeiter nicht möglich.“
"Jetzt jungen Menschen nur noch eine Schmalspur-Ausbildung anzubieten, das sehe ich sehr kritisch."
Joachim Krimmer, Präsident der Handwerkskammer Ulm und Heizungsbaumeister
So wie Krimmer sehen es viele Meister und Betriebsinhaber. "Wir sollten unsere Handwerker weiterbilden, so dass sie die moderne Technik hervorragend beherrschen und einbauen können." Das gelte auch für Zugewanderte, die in ihrem Heimatland einen entsprechenden Beruf ausgeübt haben. Sie ließen sich über Weiterbildungskurse gut qualifizieren. Krimmer warnt: "Doch jetzt jungen Menschen nur noch eine Schmalspur-Ausbildung anzubieten, das sehe ich sehr kritisch. Was passiert, wenn die Technik, für die sie ausgebildet sind, nicht mehr gefragt ist? Dann landen sie in der Arbeitslosigkeit. Das ist in vielen anderen Ländern in Europa, die die duale Ausbildung nicht kennen, zu sehen. Also ich bin weiterhin dafür, dass wir eine starke duale Ausbildung bei uns erhalten."
Angriff auf die Duale Ausbildung
In der Vergangenheit gab es unter verschiedenen Vorzeichen immer wieder Vorstöße, die anspruchsvolle Ausbildung in einzelnen Handwerksberufen zu vereinfachen – oder härter gesagt: zu verwässern. Während der Flüchtlingskrise 2015/16 etwa wurde gefordert, handwerkliche Vorkenntnisse von Flüchtlingen in vereinfachten Anerkennungsverfahren zu berücksichtigen. Als Lehrstellen knapp und Arbeitgeber damit im Vorteil waren, forderte ein Werkstattdienst eine Ausbildung zum Reifenmonteur - mit nur zweijähriger Ausbildung.
Bisher hat sich das Handwerk dagegen gestemmt, seine Ausbildung aushöhlen zu lassen, wo es in aller Welt dafür berühmt ist. Handwerker werden in Deutschland traditionell ganzheitlich ausgebildet und nicht nur für eng begrenzte Tätigkeiten ihrer Gewerke qualifiziert. Doch immer mehr Experten verstehen die Diskussion um Wärmepumpenmonteure auch als Chance, Berufsbilder und Ausbildungswege umzugestalten.
Es darf allerdings daran gezweifelt werde, ob ausgerechnet die Wärmepumpe als Aufhänger taugt, um die Ausbildung zu verschlanken. Denn die Installation einer Wärmepumpe ist mitunter eine komplexe Angelegenheit. Der Einbau kann drei Mal so lang dauern wie die Installation einer Öl- und Gasheizung – und Monteure können dabei viele Fehler begehen.
Warnung vor abgespeckter Lehre
"Es ist falsch gedacht, die Ausbildung nur wegen der Wärmepumpe von dreieinhalb auf zwei Jahre zu verkürzen", sagt Ralf Suhre, Hauptgeschäftsführer der SHK-Innung München. "Aber wir müssen auf jeden Fall über die Ausbildung reden. Da sind wir uns einig mit Thermondo: Wir müssen in kurzer Zeit zu mehr Fachkräften kommen." Die Spezialisierung, wie es sie jetzt gebe, reiche bei weitem nicht aus.
"Es ist falsch gedacht, die Ausbildung nur wegen der Wärmepumpe von dreieinhalb auf zwei Jahre zu verkürzen."
Ralf Suhre, SHK-Innung München
Bildungsexperte Axel Kaufmann vom Bundesinstitut für Berufsbildung (BIBB) führt ein Argument an, warum es sehr wohl eine Überlegung wert sein könnte, die Ausbildung zu verkürzen. Es bestehe überall im Handwerk großer Bedarf an Arbeits- und Fachkräften. Zugleich verschlechtere sich die Ausbildungsreife junger Leute tendenziell. Bei den Anlagenmechanikern SHK und Mechatronikern für Kältetechnik gebe es hohe Vertragslösungs- und Durchfallquoten. Bisher habe der Auszubildende nichts in der Hand, wenn er nach dreieinhalb Jahren durchfällt. Einen Ausweg könnten zweijährige Berufsausbildungen bieten.
Zweijährige Ausbildung kann motivieren
In anderen Gewerken habe es die Motivation der Auszubildenden gehoben, dass sie nach zwei Jahren schon einen Abschluss in der Hand haben, beobachtet Kaufmann. Dabei sei die zweijährige Berufsausbildung keine Endstation, sondern es bestehe immer die Möglichkeit, die Ausbildung fortzuführen.
Der Bundesindustrieverband Technische Gebäudeausrüstung (BTGA) hat genau ein solches Konzept für Anlagenmechaniker erstellt: "Wir haben die Ausbildungsverordnung angesehen und gefragt, wie wir ein sinnvolles Konzept erstellen können, ohne ein komplettes Neuordnungsverfahren zu starten, denn das dauert Jahre, das wollten wir mit unserem Konzept vermeiden", erklärt Stefan Tuschy vom BTGA.
Das BTGA-Konzept sieht vor, dass Auszubildende zum Anlagenmechaniker nach zwei Jahren eine Prüfung zum "Anlagenmonteur SHK" ablegen. Diese Prüfung wäre der Abschlussprüfung Teil 1 des Anlagenmechanikers SHK gleichgestellt. Anlagenmonteure SHK könnten damit die Ausbildung zum Anlagenmechaniker SHK fortführen (2. Stufe) und dann die Abschlussprüfung Teil 2 ablegen. Wer diese Abschlussprüfung Teil 2 nicht besteht, würde dennoch den Abschluss "Anlagenmonteur SHK" anerkannt bekommen und könnte in diesem Beruf tätig sein.
Industrie will schnell ausbildete Spezialkräfte
Die Qualifizierungsmodelle, mit denen die Heizungsindustrie aktuell Fakten schaffen will, gehen wesentlich weiter. In Pilotprojekten experimentieren Hersteller von Wärmepumpen und Plattformanbieter mit verkürzten Qualifikationswegen, die sich von der grundständigen handwerklichen Ausbildung weit entfernen. So gibt es im niedersächsischen Goslar die Initiative "Helfende Hände“ für die Klimawende. Dabei sollen Ungelernte in sechsmonatigen Schulungen zu qualifizierten Helfern ausgebildet werden, um handwerkliche Fachkräfte von Zuarbeiten zu entlasten. Unterstützt wird das Vorhaben von der Bundesagentur für Arbeit.
Thermondo wiederum unterstützt den Verein "Ohne Hände keine Wende". Unter der Abkürzung #OHKW bezeichnet er sich selbst als "Umsetzungsplattform für den Fachkräftemangel in der Energiewende". Dahinter steht ein Bündnis verschiedener Startups, Plattformen und Energiewende-Unternehmen. Deren Ziel ist es, auch mit unkonventionellen Maßnahmen außerhalb der klassischen Ausbildungsordnung mehr Fachkräfte für die Energiewende zu gewinnen, ähnlich wie es das Gutachten von Thermondo vorschlägt. Vorstandschefs von Ökounternehmen hatten genau das auch im Februar in einem offenen Brief an Bundeswirtschaftsminister Habeck gefordert.
Kritischer sieht hingegen BIBB-Experte Kaufmann solche Teilqualifikationen. Hier bestehe zwar das hehre Ziel, dass die Teilnehmenden einen Berufsabschluss erreichten. Aber Studien zeigten, dass sie nur ein bis zwei Teilqualifikationen machten. Damit fänden sie zwar Arbeit und seien gut für eine bestimmte Tätigkeit gerüstet. Für einen anerkannten Berufsabschluss aber bräuchten sie mehr Teilqualifikationen. Im schlimmsten Fall blieben sie an einen Betrieb oder Arbeitgeber gebunden – genau das also, was die Gewerkschaft befürchtet.