Projekt für Schlüsselnotdienst Wie ADAC und Co. dem Handwerk Konkurrenz machen

Ob Stadtwerke, Bundeswehr oder Verkehrsbetrieb: Bund, Kommunen und fachfremde Unternehmen machen dem Handwerk immer wieder Konkurrenz. Neuestes Beispiel ist der Schlüsseldienst des ADAC.

Türschloss wird ausgewechselt
Tür zu, Schlüssel weg: Der ADAC bietet in einem Pilotprojekt jetzt einen Türöffnungsservice an. Diese Konkurrenz von unerwarteter Seite gefällt einigen Handwerksvertretern nicht. - © rh2010 - stock.adobe.com

Von Max Herrmannsdörfer

Sie sind Autofahrern als die "Gelben Engel" auf der Straße bekannt. Bei Problemen mit dem Fahrzeug ist der ADAC meist schnell zur Stelle. In einem Pilotprojekt bietet der ADAC jetzt auch einen Schlüsseldienst in Großstädten an. Das gefällt nicht allen. Gunter Arnold, Kreishandwerksmeister für die Region Südsachsen, sieht dieses neue Tätigkeitsfeld des Automobilclubs kritisch. Der Automobilclub greife damit in die Handwerksbranche ein und nehme in bestimmten Segmenten Aufträge weg. "Wir haben deshalb das Handwerksrecht im Blick und lassen prüfen, ob der ADAC diese Tätigkeit überhaupt ausüben darf und kann", sagt Arnold.

Nur Bruchteil schwarze Schafe

Der ADAC bietet in seinem Pilotprojekt derzeit in sieben Städten einen Schlüsseldienstservice auch für Nichtmitglieder an. Nach eigenen Angaben laufen die Vorbereitungen für einen Rollout in einigen Städten im Ruhrgebiet. Der ADAC verfolgt mit seinem Service das Ziel, durch transparente Festpreise "den Markt für unseriöse Unternehmen (sogenannte schwarze Schafe) unattraktiv zu machen".

Tatsächlich sind unseriöse Schlüsseldienste immer wieder in den Schlagzeilen. Dass es sich dabei allerdings nur um einen Bruchteil der Unternehmen handelt, wird oft ausgeblendet. Daran stört sich auch Bernd Sockel. Er ist Landesfachgruppenleiter Schließtechnik beim Fachverband Metall Sachsen und sagt: "Eine ganze Berufsgruppe wird zu schwarzen Schafen erklärt, weil es eine Handvoll Unternehmen gibt, die die Notsituationen der Menschen ausnutzen." Die Branche werde verteufelt, obwohl die allermeisten Anbieter fair und anständig arbeiten würden. Sockel kritisiert auch die Politik, die es nicht schaffe, den wenigen unseriösen Betrieben „das Handwerk zu legen“.

Einfache Tätigkeiten, aber auch Austausch defekter Schlösser

Laut ADAC werden die Dienstleistungen im Rahmen des Pilotprojekts überwiegend von ortsansässigen Partnerunternehmen des ADAC erbracht. Zu den Leistungen zählen einfache Türöffnungen und gegebenenfalls weiterführende Tätigkeiten, falls eine Tür nicht ohne Beschädigung geöffnet werden konnte. Der Autoclub führt darunter den Einbau von Profilzylindern und den Austausch defekter Mechanik an. In Einzelfällen werden auch Mitarbeiter der ADAC-Pannenhilfe eingesetzt. Die Straßenwachtfahrer würden allerdings nur einfache Türöffnungen durchführen. Eingriffe in die Branchentätigkeit des Metallbau-Handwerks sieht der ADAC nicht. "Der ADAC arbeitet mit den seriösen Partnern aus dem Metallbau-Handwerk wie beispielsweise Interkey intensiv zusammen", so eine Sprecherin.

ADAC kein Einzelfall

Der ADAC ist nicht das einzige Unternehmen, das auf Handwerksmärkten tätig wird. Immer mehr Kommunen und staatliche Unternehmen versuchen, eigene Kompetenzbereiche auszureizen. Das bestätigt auch Sabine Drüppel, Abteilungsleiterin Recht des Baden-Württembergischen Handwerkstages (BWHT). Zwar gilt in Baden-Württemberg die in Paragraf 102 der Gemeindeordnung verankerte Subsidiaritätsklausel. Sie besagt, dass sich die wirtschaftliche Tätigkeit der Kommunen nur auf die Daseinsvorsorge beschränken darf. "Jedoch haben wir große Befürchtungen, dass sich daran in Zukunft etwas ändern könnte", so Drüppel.

Die Grünen wollen beispielsweise die Gründung von Stadtwerken zur Förderung der Elektromobilität unterstützen. Dies hätte unter Umständen Auswirkungen auf das Elektrohandwerk. "Im Bereich Elektro sind bereits im letzten Jahr verstärkt Tätigkeiten von Stadtwerken gemeldet worden, die versucht haben, neue Geschäftsfelder zu generieren", sagt Sabine Drüppel. Sie nennt noch weitere Beispiele. So würden Wohnungsbaugesellschaften mit ihren Verwaltungsgesellschaften Hausmeisterdienste anbieten. "Da gehören auch Malerarbeiten dazu, die dann von eigenen Mitarbeitern durchgeführt werden, obwohl diese Tätigkeiten normalerweise dem Handwerk vorbehalten sind."

Der BWHT möchte dieser Entwicklung entgegensteuern und das Gespräch mit den neuen Koalitionären suchen. Denn "es soll weiterhin keine Verschiebungen der Tätigkeitsbereiche geben", so Drüppel. Es ginge darum, in guter Kooperation gemeinsam zu arbeiten.


Bundeswehr und Co. werben Handwerker ab

Ein weiteres Beispiel für die Aufweichung der Grenze zwischen Handwerk und kommunalen Unternehmen zeigt sich in Riesa in Sachsen. Dort ist die Abstimmung im Stadtrat über einen neuen Gesellschaftsvertrag für die Wohnungsgesellschaft Riesa (WGR) im Dezember 2020 abgesagt worden. Wie die "Sächsische Zeitung" berichtet, seien kritische Stellungnahmen vonseiten der Industrie- und Handelskammer (IHK) sowie der Handwerkskammer ursächlich gewesen.

Besonders eine Formulierung in den Vertragsunterlagen sei den Kammern aufgestoßen. Darin hieß es unter anderem, die WGR könne "Gemeinschaftsanlagen und Folgeeinrichtungen, Läden, Gewerbebauten, wirtschaftliche, soziale und kulturelle Einrichtungen bereitstellen, errichten, unterhalten, bewirtschaften und veräußern". Die Kammern sehen darin eine Erweiterung der bisherigen Aufgaben. Sie befürchten, dass die städtische Gesellschaft dadurch mit der privaten Wirtschaft konkurrieren könnte, etwa mit der Bau- und Immobilienbranche, aber auch mit anderen Dienstleistern. Laut "Sächsischer Zeitung" will die Stadt zu den Bedenken der beiden Kammern Stellungnahmen erarbeiten.

Mit dem Slogan "Gas, Wasser, Schießen" versuchte die Bundeswehr 2019, gezielt Handwerker zu werben. Den Präsidenten des Zentralverbandes des Deutschen Handwerks (ZDH), Peter Wollseifer störte nicht nur der Tonfall der Kampagne, er verwies auch auf den Fachkräftemangel. Dass gerade die Bundeswehr, die schon genügend Fachkräfte aus dem Handwerk bekomme, "uns jetzt mit einer derart offensiven Abwerbekampagne das Leben schwer machen will, ist schon bemerkenswert", sagte Wollseifer den Zeitungen der "Funke-Mediengruppe". Eine ähnliche Aktion hatte die Münchner Verkehrsgesellschaft an den Start gebracht. "Tausche Putzmittel gegen Sicherheit" oder "Tausche Kamm & Schere gegen Fahrersitz" lauteten die Werbesprüche. Kritik äußerte unter anderem der Bayerische Handwerkstag.

Dass Kommunen oder Unternehmen der öffentlichen Hand in Konkurrenz zum Handwerk treten, ist kein neues Phänomen. Wie stark die Grenzen allerdings aufgeweicht werden, hängt von den Entscheidungen der Bundes- und Landesregierungen ab. Laut Sabine Drüppel wird in anderen Bundesländern ebenfalls darauf hingewirkt, eine Subsidiaritätsklausel zu bekommen, so wie sie in Baden-Württemberg besteht.