Rohrreinigung „Kanal-Mafia“: Sachverständiger warnt vor Betrügern

4.000 Euro für eine verstopfte Toilette? Bundesweit verlangen Betrüger, die sich als seriöse Rohrreinigungs-Monteure ausgeben, horrende Geldbeträge von ahnungslosen Verbrauchern. Die sogenannte „Kanal-Mafia“ ist auch eine Gefahr für Handwerker, warnt der Paderborner Sachverständige Maik Menke.

Eileen Wesolowski

„Es rollt derzeit eine gigantische Betrugswelle über das ganze Land“, warnt der Verband der Rohr- und Kanal-Technik-Unternehmen. – © iiievgeniy – stock.adobe.com

Es ist schnell passiert: Die Toilette ist verstopft, droht überzulaufen. Panisch sucht man über Google nach dem Stichwort „Rohrreinigung“ und landet – scheinbar – auf der Website eines regionalen, seriös wirkenden Betriebs. Sind die Handwerker vor Ort, läuft aber alles anders als gedacht: Statt einer funktionierenden Toilette ist plötzlich der Garten umgegraben und die Rohre darunter freigelegt. Zuvor hat man eine Vorauszahlung von mehreren Tausend Euro gezahlt. Die vermeintlichen Monteure jedoch sind längst über alle Berge.

VDRK spricht von landesweiter gigantischer Betrugswelle

So oder ähnlich erging es in der Vergangenheit Verbrauchern, die Opfer von betrügerischen Rohreinigungsfirmen geworden sind. Die Verbraucherzentrale spricht in diesem Zusammenhang von „Kanal-Haien“, der Paderborner Sachverständige Maik Menke sogar von der „Kanal-Mafia“: „Es handelt sich dabei um ein Betrügernetzwerk“, sagt der Baugutachter und Inhaber der Menke Unternehmensgruppe, die auf die Bereiche Rohrreinigung, Kanalreinigung und Schadenssanierungen spezialisiert ist. Regelmäßig würden auf seinem Tisch Schadensfälle landen, verursacht durch die „Kanal-Mafia“. Zurzeit seien es an die 60. Auch der Verband der Rohr- und Kanal-Technik-Unternehmen (VDRK) warnt auf seiner Website vor dem landesweiten Ausmaß der Betrügereien: „Es rollt derzeit eine gigantische Betrugswelle über das ganze Land. 4.000 Euro für zwei Stunden Arbeit sind keine Seltenheit.“

So geht die „Kanal-Mafia“ vor

Betroffene fänden sich in allen Gesellschaftsschichten. „Ich habe erst letztens einen Fall gehabt, bei dem es ein Professorenpaar aus Bielefeld getroffen hat“, erzählt Menke, der sich schon seit Jahren in diesem Bereich engagiert und bereits in verschiedenen TV- und Videoformaten die Masche der Betrüger aufgedeckt hat.

Schadensfälle wie diese sind typisch für die „Kanal-Mafia“.

Der Sachverständige schildert, wie die „Kanal-Mafia“ in der Regel vorgeht: Kunden werden z. B. über Google-Anzeigen auf die dubiosen Firmen aufmerksam. Bei einem Anruf landen sie über gekaufte 0800er Telefonnummern in einem Callcenter. Von dort aus werden Monteure beauftragt und in alle Teile Deutschlands geschickt, teilweise nehmen sie stundenlange Fahrten auf sich. „Um den Kunden die Wartezeit zu erklären, wird dann zum Beispiel behauptet, dass der Monteur im Stau stand“, erläutert Menke.

Angekommen, fordern die Betrüger meist eine Anzahlung und weisen auf weitere vermeintliche Probleme hin, die unbedingt behoben werden müssen. „Sie kommen aber nicht, um zu helfen, sondern um möglichst viel Schaden zu produzieren. So können sie mehr Geld verlangen“, erklärt Menke. Oft würden die Täter auch zu mehreren anreisen und Ablenkungsmanöver starten, um in Ruhe den Schaden anzurichten. Das ZDF berichtete in einem TV-Beitrag etwa über einen Fall, in dem die Betrüger mitten in der Nacht Rohre im Keller des Geschädigten freilegten und dann verschwanden.

Auch seriöse Handwerker sind von Betrügereien betroffen

Menke berichtet von weiteren Fällen, in denen Opfer Rechnungen in Höhe von Zehntausenden Euro zahlen mussten. Oftmals seien dabei Leistungen berechnet worden, die unüblich sind. Auch völlig überzogene Preise wurden verlangt: „In einem Fall kostete die Hochdruckreinigung 2.618 Euro. So viel Geld würde ein seriöser Handwerker niemals nehmen“.

Auch nach Jahren melden sich Betroffene bei ihm, oftmals sei die Scham bei den Geschädigten groß. Menke setzt sich aber nicht nur für Verbraucher ein. „Ich kämpfe auch für ehrliche Handwerker“, so der Sachverständige. Denn auch das Ansehen seriöser Handwerksunternehmen leide unter den Machenschaften. Er nennt das Beispiel eines Kollegen. Der Handwerker hatte Menke verzweifelt angerufen, nachdem Kunden über Google nach seinem Betrieb gesucht hatten. Stattdessen landeten sie auf der Website der Betrüger und wurden Opfer der Pseudo-Handwerker.

Maik Menke kennt das Problem aus eigener Erfahrung: „Gibt man bei Google die Stichworte ‚Menke‘ und ‚Paderborn‘ ein, ist der erste Treffer die ‚Rohrreinigung Schneemann'“, so der Baugutachter. Dabei handele es sich um einen der Namen, unter denen die Betrüger firmieren. Der VDRK nennt auf seiner Website weitere Firmenbezeichnungen – „Rohr- und Kanalreinigung MAX“ und „Rohr- und Kanalreinigung 24H“.

So sollten Verbraucher handeln, wenn vermeintliche Betrüger vor der Tür stehen

Maik Menke zeigt eine überteuerte Rechnung der „Kanal-Mafia“. Der Sachverständige setzt sich für Verbraucher und Handwerker ein, die Opfer der Betrüger geworden sind.

Während der Corona-Pandemie arbeiten viele Menschen im Homeoffice, die eigenen sanitären Anlagen werden häufiger genutzt. Menke befürchtet, dass dadurch die Anzahl an sanitären Notfällen steigt – und mehr Menschen an die „Kanal-Mafia“ geraten. Doch was können Verbraucher tun, wenn sie beim Eintreffen der Monteure Bedenken haben? Der VDRK rät auf seiner Website dazu, zu prüfen, wie dringlich der Notfall tatsächlich ist und nicht überstürzt zu handeln. Bei der Bezahlung sollte zudem auf Vorauskasse verzichtet werden – seriöse Firmen würden Zahlungen nach Rechnungsstellung anbieten. 

Menke empfiehlt, die vermeintlichen Handwerker etwa zu fragen, woher genau sie kommen und welche Stundensätze sie nehmen. Kritische Fragen könnten bei den Betrügern für erste Verunsicherung sorgen. Ein Warnzeichen sei auch, dass die Monteure oftmals in nicht beschrifteten Fahrzeugen anreisen. Der Sachverständige rät zudem, Nachbarn als Zeugen hinzuzuziehen und die Polizei zu rufen, wenn Verbraucher sich bedrängt oder zur Zahlung genötigt fühlen. Betrugsopfern und geschädigten Handwerkern bietet er an, sich jederzeit an ihn zu wenden.

Der VDRK empfiehlt für die Wahl eines seriösen Rohrreinigungsbetriebs seine Mitgliedersuche.

Mehr Infos dazu, welche Abrechnungen beim Einsatz eines Rohreinigungs-Notdienstes berechtigt sind, gibt zudem die Verbraucherzentrale.