Folgen der HwO-Novelle 2004 Wenn Meister Mangelware werden

Gut zwei Jahrzehnte nach Abschaffung der Meisterpflicht leiden Uhrmacher sowie Gold- und Silberschmiede unter den Folgen. Dass beide Gewerke mittlerweile zum immateriellen Kulturerbe gehören, nährt die Hoffnung auf eine Rückkehr in die Anlage A der Handwerksordnung.

Uhrmachermobil
Uhrmachermeister Michael Manßhardt will in der mobilen Werkstatt ­Jugendliche für das Uhrmacherhandwerk begeistern. - © Manßhardt

Mehr als 20 Jahre sind vergangen, seit die Meisterpflicht für Gold- und Silberschmiede sowie für Uhrmacher aufgehoben wurde. Unter den Langzeitfolgen der Novellierung der Handwerksordnung im Jahr 2004 leiden beide Ge­­werke gleichermaßen.

Die Zahl der Absolventen an den Meisterschulen ist drastisch zurückgegangen. In der Folge bilden immer weniger Betriebe aus. Gleichzeitig verabschieden sich viele gestandene Meister in den Ruhestand, ohne Nachfolger zu finden. Wertvolles Wissen und handwerkliches Können droht verloren zu gehen.

Inzwischen gehören beide Gewerke zum immateriellen Kulturerbe. Da­­mit erfüllen sie eine wichtige Voraussetzung für die Wiedereinführung der Meisterpflicht, wie sie 2020 bereits für zwölf Berufe vollzogen wurde – mit Erfolg, wie ein Bericht des Bundeswirtschaftsministeriums im vergangenen Jahr bescheinigte. Seither keimt die Hoffnung auf eine Rückkehr zur Meisterpflicht auch im Goldschmiede- und Uhrmacherhandwerk.

So tickt das Uhrmacherhandwerk

Die Uhrmacher wissen, was die Stunde geschlagen hat. Seit in ihrem Gewerk die Meisterpflicht abgeschafft wurde, hat sich die Zahl der Betriebe in etwa halbiert, ist die Berufsausbildung um ein Drittel eingebrochen und es gibt heute nur noch halb so viele Meister wie im Jahr 2004. Mit einer Förderung für ausbildende Betriebe will der Bundesinnungsverband den Abwärts­trend stoppen.

"Pro Ausbildungsplatz erhalten unsere Mitglieder bis zu 7.000 Euro, teils als Prämie, teils als Zuschuss für Werkzeuge oder als Nachlass bei der Anschaffung von Werktischen", er­klärt Albert Fischer, Präsident des Zentralverbands der Uhrmacher. Seit gut einem Jahr betreibt der Verband zudem eine rollende Schauwerkstatt, mit der die Uhrmacher auf Berufsmessen bundesweit auf ihr Gewerk aufmerksam machen. "Wir arbeiten in einem Nischenberuf, verborgen vor der Öffentlichkeit. Kaum jemand kann sehen, was wir in der Werkstatt tun. Deshalb ist das Uhrmachermobil eine ideale Werbeplattform, um jungen Leute zu zeigen, wie wir ticken", sagt Fischer.

Beruf auf Augenhöhe vermitteln

Albert Fischer
Albert Fischer - © Ulrich Steudel

Ins Rollen gebracht wurde das Uhrmachermobil vom Lauinger Uhrmachermeister Michael Manßhardt, zur Hälfte finanziert über Sponsoring. Die Werbeflächen auf dem Transporter werden jährlich vermietet. Die Resonanz auf die rollende Werkstatt sei sehr gut, zumal neben einem Meister stets auch ein Lehrling mit an Bord ist. "Wir wollen unseren Beruf auf Augenhöhe vermitteln, flankiert von einer Social-Media-Kampagne", sagt Albert Fischer.

Der Verbandspräsident schätzt, dass rund 300 bis 400 Meister für die duale Ausbildung fehlen. Die Möglichkeit, den Ausbildereignungsschein auch ohne Meisterbrief zu er­­werben, werde kaum genutzt. Auch Betriebsgründungen ohne Meisterbrief seien im Uhrmacherhandwerk sehr selten. Und wenn doch, dann meist nur mit einer kurzen Verweildauer am Markt. Dabei geht den Uhrmachern die Arbeit nicht aus.

Mechanische Uhren erleben einen Boom

Das Premiumsegment boomt. Die mechanischen Uhren erfordern einen höheren Wartungsaufwand als die günstigen Quarzuhren, bei denen meist nur die Batterie ge­­tauscht werden muss. Lediglich die immer restriktivere Belieferung mit Ersatzteilen durch Hersteller und Filialisten, die am wachsenden After-Sales-Markt stärker mitverdienen wollen, ärgert die handwerklichen Uhrmacher. Den Trend zur Smartwatch sieht Fischer hingegen eher positiv. "Er befördert auch die Rückbesinnung zu traditionellen Uhren, weil die Leute es wieder ge­wohnt sind, etwas am Handgelenk zu tragen."

Insgesamt blickt der Uhrmachermeister aus Mainburg positiv in die Zukunft. "Unser Handwerk ist so ge­­fragt wie selten zuvor. Jugendliche, die sich für unseren Beruf entscheiden, haben gute Perspektiven, auch was den Verdienst angeht."


Gold- und Silberschmieden fehlt es an Ausbildern

Gold- und Silberschmiedemeister Zeno Ablass
Zeno Ablass, Restaurator im Gold- und Silberschmiedhandwerk, mit einer Auszubildenden in seiner Werkstatt in Essen. - © Ablass

Über fehlenden Berufsnachwuchs können die Gold- und Silberschmiede nicht klagen."Es gibt genügend Bewerber, aber es fehlt an Ausbildern. Das ist unser großes Problem", klagt Michael Seubert. Die Ursache dafür sieht der Präsident des Zentralverbandes der deutschen Goldschmiede und Silberschmiede in den rückläufigen Zahlen bei der Meisterausbildung.

Haben 2004 noch 174 Gold- und Silberschmiede die Meisterprüfung bestanden, so waren es 2024 nur noch 44. Schon seit geraumer Zeit schwankt die Zahl der Meisterabsolventen zwischen 30 und 50 pro Jahrgang. Den Rückgang wertet Seubert als schlechtes Signal für die Zukunft seines Gewerks. In der Folge mussten erste Berufsschulen schließen, auch die Fortbildung zum Restaurator im Handwerk steht auf der Kippe. "Aufgrund mangelnder Nachfrage bietet die Handwerkskammer Koblenz den Kurs aktuell nicht mehr an", bedauert Goldschmiedemeister Zeno Ablass aus Essen.

Als Restaurator hat er sich vor allem dem Er­­halt historischer Schützenketten verschrieben. Die älteste, die er unter seinen Fittichen hatte, stammt von 1492, jenem Jahr, in dem der Seefahrer Christoph Kolumbus Amerika entdeckte. "Restauratoren er­­halten wertvolles Kulturgut. Es wäre sehr schade, wenn das Know-how in historischen Handwerks­techniken nicht weiter gepflegt wird", sagt Ablass.

Lange Wartezeiten bei Sachverständigen

Michael Seubert
Michael Seubert - © Ulrich Steudel

Der Mangel an Meistern wirkt sich auch auf die Arbeit der Sachverständigen aus. "Bei mir liegt die Wartezeit inzwischen bei sechs bis sieben Wochen", erklärt Michael Seubert, der von der Handwerkskammer für München und Oberbayern öffentlich bestellt und vereidigt wurde. Die Gutachten der Goldschmiede sind unter anderem wichtig, weil vom Wert eines gestohlenen Schmuckstücks das Strafmaß für den Dieb abhängt. "Und ein hoher Goldpreis zieht mehr Kriminelle an."

In der Branche bewirkt der aktuell hohe Goldpreis zweierlei. Einerseits sei er positiv fürs Geschäft, weil Schmuck als wichtiges Statussymbol beim materiellen Wert zulegt. Andererseits steigen auch die Investitionen für das Meisterstück. Und Existenzgründer ohne Goldvorräte müssen tiefer in die Tasche greifen. Übrigens kommt der Schmuckmarkt laut Seubert nahezu ohne neues Gold aus. "Wir verarbeiten fast ausschließlich Recyclingmaterial", verweist der Verbands­präsident auf die Nachhaltigkeit im Goldschmiedehandwerk.

Für Michael Seubert ist es ohnehin das schönste Gewerk der Welt. "Wir erzeugen bei unseren Kunden freudige Emotionen, denken Sie nur an den Trauring für die bevorstehende Hochzeit“, sagt der Gold- und Silberschmiedemeister.

Insgesamt zählt das Goldschmiedehandwerk in Deutschland rund 6.500 Betriebe, von denen jedoch nur rund zehn Prozent in Innungen organisiert sind. Etwa 80 Prozent aller Beschäftigten sind weiblich.