Weibliche Unternehmensnachfolge Wenn Frauen Familienbetriebe übernehmen

Frauen sind bei der Unternehmensnachfolge immer noch unterrepräsentiert – dabei bringen sie oft frischen Wind und innovative Ideen mit. Wie Tradition und moderne Ansätze Hand in Hand gehen können – und warum weibliche Nachfolge für die Zukunft vieler Familienbetriebe entscheidend ist.

Weibliche Unternehmensnachfolge: Immer noch selten, aber oftmals sehr erfolgreich.
Weibliche Unternehmensnachfolge: Immer noch selten, aber oftmals sehr erfolgreich. - © Yuri Arcurs/peopleimages.com - stock.adobe.com

130 Jahre Tradition: Auto-Scholz aus Bamberg ist der zweitälteste Mercedes-Benz-Handelsbetrieb der Welt. Das Familienunternehmen besteht seit mittlerweile fünf Generationen. Zusammen mit Senior-Chef Michael Eidenmüller führt seit fast vier Jahren dessen Tochter Fiona Eidenmüller die Autohausgruppe mit rund 1.500 Mitarbeitenden. Eine große Verantwortung sei dies, sagt sie – aber auch eine "Wahnsinns-Chance": "Mich reizen diese Aufgaben sehr. Auch die Wandlungen, die wir gerade im Markt haben, finde ich sehr spannend."

Weibliche Unternehmensnachfolge: Jedem Mitarbeiter auf Augenhöhe begegnen

Dabei ist es auch eine Herausforderung, sich als jüngere Frau in einem so männerdominierten Feld wie der Kfz-Branche zu behaupten – und gestandenen Mechanikern und langjährigen Mitarbeitenden als Chefin gegenüberzutreten. Bevor sie zu Auto-Scholz gestoßen ist, hat Fiona Eidenmüller drei Jahre lang das andere Extrem kennengelernt: Sie war bei L’Oreal Deutschland beschäftigt – einem Unternehmen, bei dem fast ausschließlich Frauen arbeiten, auch in Führungspositionen.

Anpassungsschwierigkeiten hatte sie bei der Rückkehr zu Auto-Scholz nicht: "Jede Person ist ja individuell. Und da kommt es weniger auf das Geschlecht an als auf das, was man beizutragen hat", sagt sie. Und da ist es natürlich wichtig, Ahnung zu haben, wovon man spricht – und welche Ideen für die Zukunft man mitbringt. Hilfreich sei es auch gewesen, allen Mitarbeitenden das Du anzubieten – und so einander auf Augenhöhe zu begegnen.

Handwerk und Familie gehören in Deutschland fest zusammen. Viele Betriebe werden über Generationen fortgeführt. "Das Handwerk ist seit jeher familienorientiert", betont Anne Dohle, Referatsleiterin soziale Sicherung beim Zentralverband des deutschen Handwerks (ZDH). So seien über drei Viertel aller Betriebe Familienbetriebe, die von einem Ehepaar geleitet werden – "und in denen oft auch die eigenen Kinder ausgebildet und beschäftigt werden", so Dohle. Auch mit dem Ziel, dass sie irgendwann einmal das Ruder übernehmen und die Unternehmensnachfolge antreten.

Weibliche Unternehmensnachfolge: Eine Frage der Gleichstellung und eine wirtschaftliche Notwendigkeit

Die Unternehmensnachfolge ist von zentraler Bedeutung für den Erfolg des deutschen Mittelstands. Bis Ende 2028 suchen jährlich rund 106.000 kleine und mittelständische Unternehmen eine Nachfolgerin oder einen Nachfolger und haben häufig Schwierigkeiten, eine geeignete Person zu finden. Gleichzeitig ist der Anteil von Frauen, die ein Unternehmen übernehmen, mit 21 Prozent recht gering – was viel mit Vorurteilen und überkommenen Rollenbildern zu tun haben dürfte.

Es sei nicht nur eine Frage der Gleichstellung, sondern auch eine wirtschaftliche Notwendigkeit, Frauen stärker an der Unternehmensnachfolge zu beteiligen, betont Evelyne de Gruyter, Geschäftsführerin des Verbandes der Unternehmerinnen in Deutschland (VdU). "Der erfolgreiche Generationswechsel im Mittelstand ist eng mit der Frage verbunden, wie wir als Gesellschaft die Potenziale von und für Frauen stärker in den Mittelpunkt stellen wollen."

Manchmal sind auch Geschwisterkonstellationen aus Bruder und Schwester eine gute Lösung für Familienbetriebe. Bei der Schaaf GmbH aus Stuttgart beispielsweise, einem mittelständischen Betrieb, der Klempner, Zimmerer und Dachdecker unter einem Dach vereint, ist Hanna Schaaf seit 2016 Teil der Unternehmensführung. Im Folgejahr kam ihr Bruder David hinzu. Hanna Schaaf ist Raumaustattermeisterin, ihr Bruder Zimmerer. "Ich interessiere mich außerdem sehr für betriebswirtschaftliche Prozesse und Themen wie Controlling und Personalführung", sagt Hanna Schaaf. So konnten die beiden die Aufgaben anhand ihrer unterschiedlichen Schwerpunkte gut aufteilen.

Und auch auf der zwischenmenschlichen Ebene klappt es. "Man muss lernen, Kritik richtig zu äußern und aufzunehmen, ohne das persönlich zu nehmen", so die Unternehmerin. "Der professionelle Umgang miteinander ist wichtig, fernab der familiären Bande." Zu Beginn dieses Jahres übernahmen die beiden nun den Familienbetrieb als Leitungsteam von ihrem Vater.

Nachfolgeplanung: Potenzial der Frauen noch immer unterschätzt

Frauen in Führungspositionen würden neue Ideen und Ansätze mitbringen – und so zur Weiterentwicklung der Unternehmen beitragen, sagt VdU-Geschäftsführerin de Gruyter. "Sie spielen eine Schlüsselrolle in den großen Transformationsprozessen der deutschen Wirtschaft, sei es in Bezug auf die Digitalisierung, nachhaltige Geschäftsmodelle oder die Verbesserung der Arbeitskultur." Denn gerade Nachfolgerinnen würden verstärkt auf eine werteorientierte Unternehmensführung, agile Arbeitsstrukturen und integrative Führungskulturen setzen.

Der langfristige Erfolg mittelständischer Unternehmen hänge stark von einer effektiven Nachfolgeplanung ab, sagt Brigitte Waffenschmidt, Personalberaterin und Auditorin aus Nürnberg. In Zeiten des Fachkräftemangels sei es dabei unumgänglich, auch Frauen als potenzielle Nachfolgerinnen stärker in den Blick zu nehmen – egal ob aus der eigenen Familie oder als Externe. "Viele potenzielle Nachfolgerinnen sind top ausgebildet und bestens geeignet, um die Nachfolge im Unternehmen anzutreten", so Waffenschmidt, die gemeinsam mit Joachim Gutmann den Sammelband "Frauen führen" herausgegeben hat.

Führen in einem Familienunternehmen bedeute immer, Tradition und Zukunft in Balance zu halten, erklärt Waffenschmidt. "Für viele Frauen kommt eine zusätzliche Dimension hinzu: die familiäre Rolle als Tochter, Schwester oder Nachfolgerin." Zwischen unausgesprochenen Erwartungen, Loyalität und dem Wunsch, eigene Akzente zu setzen, könne schnell ein sehr herausforderndes Spannungsfeld entstehen.

"Frauen zweifeln schneller daran, ob sie den hohen Erwartungen gerecht werden oder die langjährigen Mitarbeitenden des Unternehmens sie als fähige und kompetente Nachfolgerin akzeptieren", so die Personalberaterin. Nach wie vor existiere auch das Vorurteil, dass Frauen zu emotional für Führungspositionen seien. "Dabei ist emotionale Intelligenz längst als wichtiger Faktor für erfolgreiches Leadership anerkannt." Ein empathischer Führungsstil könne Teams motivieren, Konflikte reduzieren und die Unternehmenskultur positiv beeinflussen.

"Wir sind Chefs zum Anfassen"

Evelyne de Gruyter pflichtet ihr bei: Viele Frauen würden nicht nur frischen Unternehmergeist, sondern auch neue Führungsansätze mitbringen, die traditionelle Strukturen hinterfragen und zukunftsweisende Entwicklungen anstoßen. Von partizipativer Führung über flexible Arbeitsmodelle bis hin zu innovativen Diversity-Strategien – "Nachfolgerinnen gestalten Unternehmenskulturen aktiv mit und tragen so zur nachhaltigen und innovativen Weiterentwicklung des Mittelstands bei", so die Verbands-Geschäftsführerin.

Auch Fiona Eidenmüller hat sich mit neuen Führungsansätzen bei Auto-Scholz eingebracht. "Gleich in meinem ersten Jahr haben wir eine Mitarbeiterumfrage eingeführt, in der jeder Mitarbeiter zu unterschiedlichen Bedürfnissen seine Anliegen mitteilen kann." An diese Umfrage schließen sich Workshops an, so dass gemeinsam Lösungen für potenzielle Probleme gefunden werden können. "Ziel ist es, langfristig die Mitarbeiterzufriedenheit zu steigern", so die Junior-Chefin. Nahbar zu sein und sich um die Mitarbeitenden zu kümmern – diese Eigenschaft teilt Fiona Eidenmüller mit ihrem Vater: "Wir sind Chefs zum Anfassen."