Die Leiche eines Schreinermeisters, ein Sohn, der lieber studieren möchte, und eine Jugendliebe in den 80er-Jahren – davon handelt der neue "Tatort: Vergebung". In unserer TV-Kritik erfahren Sie, ob sich der Film lohnt – und wie viel Handwerk tatsächlich darin steckt.

Selbstbestimmter Suizid eines todkranken Schreinermeisters? Aktive Sterbehilfe der betrogenen Unternehmergattin? Oder gar ein kaltblütiger Mord des potenziellen Betriebsübernehmers? Mit diesen und weiteren Theorien müssen sich die Stuttgarter Kommissare in ihrem neuen "Tatort: Vergebung" auseinandersetzen, der am 19. November 2023 um 20.15 Uhr seine TV-Premiere im Ersten feiert. Dabei ermitteln sie diesmal unter erschwerten Bedingungen: Ausgerechnet ihr langjähriger Kollege aus der Rechtsmedizin spielt nicht mit offenen Karten und hält wichtige Informationen zurück.
Eine besondere Auftaktleiche
Fast jeder "Tatort" beginnt mit dem Fund einer Leiche, und so ist es auch hier. Der tote Schreinermeister Matthias Döbele (Volker Muthmann) wird am Neckarufer in Stuttgart angeschwemmt. Der Handwerker ist offenbar ertrunken – aber wurde er vorsätzlich getötet? Und ist der Fundort der Tatort? Die Hauptkommissare Thorsten Lannert (Richy Müller) und Sebastian Bootz (Felix Klare) sind sich da nicht so sicher. Und auch Rechtsmediziner Dr. Daniel Vogt (Jürgen Hartmann) hält es für möglich, dass der krebskranke Verstorbene schon viele Kilometer flussaufwärts im Landkreis Esslingen im Wasser gelandet ist.
Für Vogt ist Döbele kein gewöhnlicher Toter – das merken wir sofort an seinem überraschten Blick. Er kennt den rothaarigen Tischler bestens aus seiner Jugend, hat ihn aber rund 40 Jahre nicht gesehen. Den Kommissaren verschweigt er das. Stattdessen besucht Vogt die Witwe, in die er selbst einmal verliebt war. Sandra Döbele (Ulrike C. Tscharre) ist heute als mobile Pflegekraft tätig und bereits damit beschäftigt, den Handwerksbetrieb ihres Mannes abzuwickeln. Ihr Sohn Thomas (Tim Bülow) hat wenig Lust dazu, die traditionsreiche Firma seines Vaters im Dorf zu übernehmen. Der junge Mann will lieber in Hamburg studieren, wie seine Mutter Lannert und Bootz verrät. Natürlich.
Handwerk nur bei genauerem Hinsehen
Die entlarvende Befragung der Kommissare, die auf ihrer Suche nach dem Täter bei den Döbeles im (fiktiven) Vorort Leimingen anklopfen, ist einer der wenigen Momente, in denen das Hand- und Lebenswerk des Verstorbenen wirklich Einzug ins Drehbuch hält. Wenig würde sich ändern, wenn der Ermordete eine Werbeagentur führen oder als Physiotherapeut seine Brötchen verdienen würde. Immerhin: Ein wichtiges Gespräch zwischen Vogt und der Witwe findet direkt in der Schreinerwerkstatt statt. Ein Käffchen zwischen Holzbalken, Kreissäge und Werkbank.
Auch sonst blitzt das Tischlerhandwerk hier und da auf. Das Schild des Meisterbetriebs prangt vor der Einfahrt, die Firmenwebsite (mit kleinem Verweis auf die Stuttgarter Handwerkskammer) steht auf einem Bildschirm und die Urkunde über die Teilnahme an einer Sicherheitsschulung hängt neben der Haustür, vor der das Lieferfahrzeug steht. Ansonsten steht aber das Handwerk des Rechtsmediziners im Mittelpunkt. Vogt muss Leichen aufschneiden, Körperteile reinigen und Schädel aufsägen. Doch keine Sorge: Dieser "Tatort" ist auch für zartbesaitete Mägen geeignet. Die Kamera schwenkt schnell weg.

Ein Liebeskrimi mit viel Nostalgie
Hauptdarsteller Jürgen Hartmann bezeichnete den Film, zu dessen besonderer Geschichte er selbst die Idee hatte, bei der Vorpremiere auf dem SWR Sommerfestival als "Liebeskrimi". Und traf den Nagel damit auf den Kopf, denn der Film hat vor allem eines: Herz. Wer elektrisierenden Thrill, eine knifflige Mördersuche oder gar spektakuläre Actionmomente erwartet, erlebt hingegen eine Enttäuschung. Der 31. "Tatort" mit Lannert und Bootz hat andere Stärken. Das tiefsinnige Krimidrama bietet große Gefühle, eine mitreißende Geschichte mit Rückblenden in die Vergangenheit und nicht zuletzt den typisch-trockenen, schwäbischen Humor. Etwa dann, wenn die Kommissare über Feinstaub aus Lannerts braunem Porsche oder die Vorteile einer gemeinsamen Alters-WG witzeln.
Unter Regie von Rudi Gaul, der (wie 2022 beim tollen Stuttgarter "Tatort: Videobeweis") mit Katharina Adler auch das Drehbuch zum Film aus dem Ländle geschrieben hat, durchzieht die sommerliche Story auch eine wunderbare 80er-Jahre-Nostalgie. Bravo-Heftchen in der Nachttischschublade, Bonnie Tylers "Total Eclipse of the Heart" von 1983 aus dem Walkman und ein "Tron"-Poster an der Wand von Vogts Jugendzimmer: Wer die Zeit der Röhrenjeans und Schulterpolster selbst miterlebt hat, wird sich im Film wiederfinden. Dass einmal mehr ein Kriminalist höchstpersönlich in den Mordfall verstrickt ist, wird den Filmemachern im Jahr 2023 allerdings keinen Innovationspreis mehr bescheren.
>>> Der TV-Termin ist der 19. November 2023 um 20:15 Uhr im Ersten. Der Film ist anschließend in der ARD-Mediathek verfügbar. Den Trailer und weitere Informationen zum Film finden Sie hier: Tatort: Vergebung