"Babyboomer" vor Renteneintritt Weil Fachkräfte fehlen: Deutschland droht "Wohlstandsverlust"

Schon jetzt fehlt dem Handwerk in zahlreichen Berufen ausgebildetes Personal. Eine Besserung ist nicht in Sicht. Im Gegenteil: "Ab 2025 kommt die demografische Wende", warnt Arbeitgeberpräsident Rainer Dulger. Was das bedeuten könnte – und welche Lösungen er sieht.

Die Generation "Babyboomer" steht vor dem Renteneintritt. - © Svitlana - stock.adobe.com

Arbeitgeberpräsident Rainer Dulger warnt vor massiven Folgen des Fachkräftemangels in Deutschland. Dulger sagte der Deutschen Presse-Agentur: "Der Fachkräftemangel ist so bedrohlich, dass wir wahrscheinlich in den nächsten zehn Jahren einen Wohlstandsverlust hinnehmen müssen." Der richtige Weg wäre, die Zuwanderungspolitik sofort hoch flexibel anzugehen und schnelle und unkomplizierte Zuwanderung für Qualifizierte zu ermöglichen. Dulger hält mindestens 500.000 mehr Fachkräfte pro Jahr für nötig. Allein dem Handwerk fehlen laut Zentralverband des Deutschen Handwerks schon jetzt rund 250.000 Fachkräfte.

Schon bald 5 Millionen weniger Erwerbstätige

"Ab 2025 kommt die demografische Wende", sagte Dulger mit Blick auf die sogenannten Babyboomer-Jahrgänge, die zunehmend in Rente gehen. "Wir haben zurzeit eine Rekordzahl von rund 45 Millionen Erwerbstätigen in der deutschen Wirtschaft. Davon werden wir in den nächsten zehn Jahren rund fünf Millionen Menschen verlieren, die in den wohlverdienten Ruhestand gehen."

Auf der Internationalen Handwerksmesse (IHM) in München betonte auch Wirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne), dass es wichtig sei, mehr Geflüchtete ins Handwerk zu bringen. Der Staat habe seit fünf Jahren in diese Leute investiert, man müsse ihr Potenzial für das Handwerk besser nutzen. Auch einige Handwerksvertreter sprachen sich für eine "mittelstandsfreundliche Zuwanderungspolitik" aus. Das geplante Migrationspaket der Ampel-Regierung sei ein Schritt in die richtige Richtung. Für langjährig Geduldete soll es verbesserte Bleibeperspektiven geben. Fachkräfte sollen zudem leichteren Zugang zu Integrations- und Sprachkursen erhalten.

Sigmar Gabriel für Verlängerung der Wochenarbeitszeit

Neben Zuwanderung müssten inländische Potenziale gehoben werden, sagte Arbeitgeberpräsident Dulger. "Es sollte allen, die noch keinen Abschluss geschafft haben, noch mal eine zweite und dritte Chance gegeben werden. Wir müssen auch Tempo machen bei der Vereinbarkeit von Beruf und Familie. Seit Jahren fehlen Betreuerinnen und Betreuer in den Kindergärten." Es sei an der Zeit, endlich die Kinderbetreuung substanziell zu verbessern.

Der frühere SPD-Vorsitzende Sigmar Gabriel bringt eine erhöhte Wochenarbeitszeit ins Spiel, um dem demografischen Wandel zu begegnen. "Wollen wir Menschen nicht lieber wieder mehr verdienen lassen, indem wir etwas länger arbeiten?", sagte er der "Bild am Sonntag". "Das ist eine Frage, die man in Tarifverhandlungen klären muss, denn mit Zuwanderung allein werden wir das Fachkräfteproblem nicht lösen." Industrie-Präsident Siegfried Russwurm, der sich für eine 42-Stunden-Woche ausgesprochen hatte, habe "zu Recht darauf hingewiesen, dass die Verkürzung der Arbeitszeit vor mehr als 25 Jahren mit der damals steigenden Arbeitslosigkeit begründet wurde", so Gabriel weiter. "Heute haben wir das genau entgegengesetzte Problem."

Weniger Steuereinnahmen, höhere Ausgaben für Rente & Co.

Wohlstandsverluste seien unvermeidbar, wenn fünf Millionen Erwerbstätige weniger Steuern bezahlen und in die Sozialkassen einzahlen. "Dieses Geld wird fehlen", warnte Arbeitgeberpräsident Dulger. "Unserem Sozialstaat stehen dann nicht mehr die Mittel zur Verfügung, die bisher zur Verfügung standen." Der Staat könnte sich dann nicht mehr die Hilfen von heute für Arme und Bedürftige leisten."

"Wenn wir jetzt auch unsere Renten nicht reformieren, dann werden wir zukünftig nicht mehr rund 100 Milliarden Euro in die Renten stecken müssen, sondern wir werden 180 und 200 Milliarden in die Renten stecken müssen – einfach weil wir mehr Rentner sind." Stünden dem immer noch niedrigere Beiträge gegenüber, müsste der Staat immer mehr aus Steuermitteln ausgleichen. "Was er dann in Zukunft nicht mehr so gut kann, weil immer weniger Steuern zufließen, weil immer weniger Erwerbstätige da sind", so Dulger.

Die Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände hatte Vorschläge gemacht, wie mehr Einwanderer schneller nach Deutschland kommen können. So müssten Verfahren digitalisiert und dadurch beschleunigt werden. Lange Wartezeiten bei der Vergabe von Visaterminen müssten ein Ende haben. Dulger schlug eine zentrale Agentur vor, die dafür zuständig sei, dass sich Interessierte aus der ganzen Welt online bewerben können – "und dann von dieser Agentur genau informiert werden, was sie alles brauchen, welche Unterlagen sie einreichen müssen." dpa/fre