Schnell und richtig entscheiden Was Selbstständige von Schiedsrichtern lernen können

Entscheidungen unter hohem Druck treffen? Damit kennt sich Bundesliga-Schiedsrichter Patrick Ittrich aus. Beim Handwerker-Event "HEROcon" in Dortmund zog er Parallelen zwischen Sport und Selbstständigkeit – und verriet Strategien, mit denen auch Führungskräfte in stressigen Situationen einen kühlen Kopf bewahren können.

Patrick Ittrich auf der Bühne der HEROcon Dortmund
Patrick Ittrich trifft als Bundesliga-Schiedsrichter Entscheidungen unter dem Druck von Millionen. Der Kommunikationsexperte weiß daher, wie man auch in brenzligen Situationen einen kühlen Kopf bewahrt. - © HEROcon

Bundesliga-Schiedsrichter Patrick Ittrich kennt Drucksituationen aus 83 Spielen in der ersten Liga. Seine Erfahrungen bei Führung, Kommunikation und schnellen Entscheidungen können auch Handwerksbetrieben helfen. Denn Selbstständige und Schiedsrichter arbeiten oft unter ähnlichem Stress.

Klarer Kopf für klare Entscheidungen

Alles beginne im Kopf, sagt Ittrich. "Wer nicht klar im Kopf ist, kann keine klaren Entscheidungen treffen." Das sei im Handwerksalltag oft eine Herausforderung, etwa durch Termindruck, private Sorgen oder ständige Anrufe. Deshalb rät Ittrich, körperlich und mental fit zu bleiben, um entscheidungsfähig zu sein.

Er betont: Es ist wichtig, das Team in Entscheidung miteinzubeziehen und anzuhören. Aber: Die finale Entscheidung trifft der Chef, nicht das Team. Starke Führung bedeute auch, Verantwortung zu übernehmen. "Wer sich zu viele Meinungen einholt, riskiert Verwirrung statt Klarheit", so Ittrich. Sein Schlüssel: eine "starke Einzelleistung, eingebettet in ein verlässliches Miteinander". Diese Balance bräuchten auch Unternehmer, um erfolgreich zu sein.

Kommunikation, die wirkt

Im Umgang mit Spielern, Trainern und Medien habe Ittrich gelernt, wie wichtig es ist, zu verstehen, "wie der andere tickt". Das gelte auch für Mitarbeiter, Kunden oder Partner im Handwerk. Wer klug kommuniziere, könne Konflikte vermeiden, Erwartungen steuern und brenzlige Situationen entschärfen, erklärt Ittrich. Auch klare Grenzen und Konsequenzen gehören dazu. Kritik sei unvermeidlich. Dann zähle ein sachlicher Umgang – "Reden statt ausrasten, ehrlich, ohne Drama". Das halte das Team stabil, so der Schiedsrichter.

Klare Rollen im Team

"Im Team ist es wie auf dem Platz – es muss klar sein, wer entscheidet", sagt Ittrich. Rollenklarheit sei wichtig. Der Schiedsrichter treffe die finale Entscheidung, das Team unterstütze ihn. Das müsse jedem klar sein, betont Ittrich. Er nennt ein Beispiel: Einmal habe er auf dem Platz überlegt, ob er etwas am Rasen fixieren solle. "Aber das ist eigentlich nicht meine Aufgabe. Sondern die des Greenkeepers", habe er dann erkannt. Wer führe, müsse in seiner Rolle bleiben und Aufgaben gezielt delegieren, so Ittrich. Nur so behält man die Autorität.

Wertschätzung motiviert

Emotionale Wertschätzung sei wichtig, sagt Ittrich. Lob koste nichts, wirke aber oft stärker als jedes Geschenk. Auch kleine Gesten zählten. Er erzählt: "Nach einem Spiel hat mein Assistent mal gesagt: 'Das war gut, Junge. Hab ich gesehen.' – Mehr brauchte ich nicht." Für das 250. Spiel eines Kollegen fertigte Ittrich ein Video an. "War mir ein bisschen peinlich – aber ihm hat’s was bedeutet". Emotionen hätten Platz, aber der Ton mache die Musik. Wer Anerkennung "mit Augenmaß" zeige, stärke den Teamgeist und motiviere nachhaltig, so Ittrich.

Souveränität ist Übungssache

Souveränität komme nicht von allein, sagt Ittrich. Sie sei das Ergebnis von Vorbereitung, Selbstreflexion und ständiger Weiterentwicklung. Er arbeite mit Sportpsychologen, visualisiere Spielsituationen und trainiere seinen Vagusnerv, um die körperliche Reaktion auf Stress abzumildern und schneller zur Ruhe zu finden. Ein konkretes Werkzeug sei, den Griff zur Pfeife mit dem Impuls "herunterfahren" zu verknüpfen. Das klinge simpel, sei aber das Ergebnis harter Übung. Für Handwerker sei das übertragbar: Wer seine Stressmuster kenne, könne gezielt gegensteuern.

Mental frei dank imaginärer Liste

Vor jedem Spiel mache er gedanklich "klar Schiff" mit seiner "imaginären Liste", sagt Ittrich. Alles, was ihn störe – Erkältung, privater Ärger, körperliche Beschwerden – werde innerlich "abgelegt" und auf eine gedankliche Wand geschrieben. Ziel sei, frei im Kopf und auf die Aufgabe fokussiert zu sein. Das sage er sich jedes Mal aufs Neue. Diese einfache Übung könne auch im Handwerk wirken: Notieren, ablegen, durchatmen – und loslegen, so Ittrich.

Schiedsrichterei als Führungsschule

Für Ittrich ist die Schiedsrichterei eine Lebensschule. Er lerne dabei Führung, Selbstorganisation, Kritikfähigkeit und Entscheidungsstärke. Das seien Fähigkeiten, die jeder Unternehmer brauche und die in jedem Betrieb zählten. Er gibt den Tipp: Unternehmer sollten Beschäftigte unterstützen, die nebenbei selbst pfeifen. Schiedsrichter brächten wertvolle Kompetenzen mit, die sich im Berufsleben auszahlten.