Tipps und Strategien Clevere Entscheidungen im Arbeitsalltag treffen

Schwierige Entscheidungen am Arbeitsplatz werden oft aufgeschoben, weil Arbeitgeber Angst haben, die falsche Wahl zu treffen. Aber warum ist das so? Ist es klug, sich auf sein Bauchgefühl zu verlassen? Und was erleichtert die Entscheidungsfindung? Zwei Expertinnen klären auf.

Alle Optionen durchspielen: Was sind die Vor- und Nachteile, welche Konsequenzen haben sie? - © Alrika - stock.adobe.com

Currywurst oder Salat in der Mittagspause? Die Büroarbeit noch heute erledigen oder auf morgen schieben? Ein neues Betriebsfahrzeug kaufen oder sparen? Der Job-Alltag von Arbeitgebern ist voller Entscheidungen, manche banal, manche gravierend. Manche einfach, manche so schwierig, dass man sie immer wieder aufs Neue hinauszögert. Denn wer sich festlegt, riskiert, falsch zu wählen. Wie kommen wir aus dem Dilemma? Antworten auf wichtige Fragen:

Warum fällt es oft so schwer, sich zu entscheiden?

Unser Gehirn sei evolutionär auf einfachere, vorhersehbare Situationen ausgelegt, während die heutige (Berufs)-Welt komplexer ist, so Eva Lermer, Professorin für Organisationspsychologie und soziale Kompetenzen an der Technischen Hochschule Augsburg. Entscheidungen seien mit Unsicherheiten verbunden, potenziellen Verlusten und meist einer Vielzahl von Möglichkeiten: "Das überfordert unser intuitives Entscheidungssystem oftmals."

Hinzu kommt die Angst vor Konsequenzen: Was passiert, wenn das angestoßene Projekt scheitert? Oft warten wir deshalb, bis es gar nicht mehr anders geht. Das erlebt auch Saskia Bülow, Jobcoach und Wirtschaftspsychologin, immer wieder, wenn Klienten um ein Notfall-Coaching bitten, weil sie sich ohne Unterstützung nicht in der Lage sehen, eine dringend notwendige Entscheidung zu treffen. Entsprechende Kompetenzen würden oft nicht ausreichend vermittelt, beobachtet die Trainerin. Gut entscheiden – das könne man nicht einfach so, "aber man kann es lernen".

Wie kann man sich die Entscheidungsfindung erleichtern?

Entscheidungsschwäche resultiere aus der Tatsache, "dass die jeweiligen Themen nicht gut bearbeitet wurden", sagt Bülow. Denn Entscheidungen – zumindest diejenigen, in denen es um mehr geht als um Currywurst oder Salat – sollte man nicht mal eben schnell aus dem Bauch heraus treffen. Sondern auf Basis von Wissen, Erfahrung und Fakten.

Bülow empfiehlt folgende Schritte: "Zunächst das Problem definieren, dann möglichst viele Informationen sammeln, Experten befragen und mehrere Optionen gedanklich durchspielen: Was sind die Vor- und Nachteile, welche Konsequenzen haben sie?"

Bei Entscheidungen, die vor allem die eigene Person betreffen, etwa die Vereinbarkeit von Beruf und Familie oder eine Weiterbildung, rät Bülow zusätzlich zu einem Abgleich mit den persönlichen Werten. Stimmt die Entscheidung mit ihnen überein? Und welches Szenario zahlt auf welchen Wert ein? Bei unternehmensbezogenen Entscheidungen wie etwa Investitionen oder Umstrukturierungen sollte geprüft werden, welche Kriterien aktuell Priorität in der Firma haben: Steht der Erhalt von Arbeitsplätzen im Vordergrund oder muss gespart werden?

Hat man alle Informationen zusammen, kommt die Intuition ins Spiel. Kombiniert mit Fakten könne das Bauchgefühl ein guter Ratgeber sein, sagt Bülow, denn es bezieht unbewusst individuell bewährte Entscheidungsregeln ein. Ausschließlich auf den Bauch zu hören – davon rät Bülow ab: "Beim schnellen, spontanen Bauchgefühl spielt Angst eine große Rolle – und führt möglicherweise zu schlechten Entscheidungen."

Wie lernt man, Risiken eigener Entscheidungen abzuschätzen?

Zu wenig Risikobereitschaft ist ebenso wenig hilfreich wie zu viel Wagemut. "Um Risiken besser einzuschätzen, hilft es, rationale und intuitive Ansätze zu kombinieren", sagt Hochschulprofessorin Lermer, zu deren Forschungsschwerpunkten die Entscheidungspsychologie gehört. Methoden wie etwa die Szenariotechnik, bei der man Best- und Worst-Case-Szenarien erarbeitet, machen mögliche Gefahren sichtbar.

"Gleichzeitig sollte man sich bewusst machen, wie leicht unser Urteil beispielsweise durch Emotionen oder Routinen verzerrt wird", sagt Lermer. Wiederholtes riskantes Verhalten ohne negative Folgen könne ein trügerisches Sicherheitsgefühl schaffen. Mit regelmäßiger Reflexion eigener Entscheidungen wirke man diesem Effekt entgegen. Das helfe, Risiken realistischer einzuschätzen und diese Kompetenz schrittweise zu stärken.

Unsicherheit im Zusammenhang mit Entscheidungen habe im Übrigen auch ihre positiven Seiten, betont Lermer: "Sie ist auch ein Zeichen von Freiheit, weil sie uns verdeutlicht, dass wir es sind, die die Entscheidung treffen und Verantwortung übernehmen dürfen." Unsicherheit eröffne Gestaltungsräume, erlaube Kreativität und neue Wege.

Wie geht man mit Zeitdruck beim Thema Entscheidungen um?

Wenn es schnell gehen muss, neigt man zu impulsiven Reaktionen. Die erste Intuition könne zwar durchaus wertvoll sein, sagt Eva Lermer, sollte aber nicht allein entscheidend sein. Stattdessen gehe es darum, den Fokus gezielt zu schärfen. Fragen wie "Was hat in ähnlichen Situationen funktioniert?" oder "Welche Option erfüllt die zentralen Kriterien?" bieten hier Orientierung und helfen der Psychologin zufolge, vorschnelle Entscheidungen zu vermeiden. Zeitdruck könne dabei auch als Katalysator dienen: "Er zwingt dazu, sich auf das Wesentliche zu konzentrieren." dpa

4 Strategien zur schnellen Entscheidungsfindung

1. Pro- und Contra-Listen 

Bei schwierigen Entscheidungen kann man immer auf das klassische Instrument der Pro- und Contra-Liste zurückgreifen. "Das bewusste Abwägen von Vor- und Nachteilen schafft Struktur und hilft, rationale Klarheit zu gewinnen", sagt Eva Lermer.

2. "Satisficing" statt Perfektionismus

Mit "Satisficing" wird eine Entscheidungsstrategie beschrieben, bei der die erstbeste Möglichkeit, die den angestrebten Zweck erfüllt, gewählt wird. Der Begriff setzt sich dabei aus den englischen Wörtern "satisfy" (deutsch: befriedigen) und "suffice" (deutsch: genügen) zusammen.

Statt auf die perfekte Lösung zu hoffen, genügt es oft, eine "gut genug"-Entscheidung zu treffen. "Die 80-20-Regel besagt: Sobald 80 Prozent der relevanten Informationen vorliegen, kann man handeln – das spart Zeit und Energie", so Psychologin Eva Lermer. 

Denkbar ist etwa, dass ein Unternehmen eine offene Stelle mit einem Kandidaten besetzt, der die grundlegenden Anforderungen erfüllt, anstatt die Suche nach dem idealen Bewerber fortzusetzen. Das Unternehmen stellt so sicher, dass die Position zeitnah besetzt wird, auch wenn der ausgewählte Kandidat womöglich nicht alle gewünschten Qualifikationen perfekt erfüllt.

3. Entscheidungsgefühle prüfen

Stellen Sie sich einfach mal vor, die Entscheidung sei bereits gefallen. "Fühlt es sich richtig an, könnte das ein gutes Zeichen sein. Empfindet man Unbehagen, ist eine andere Option womöglich besser", so Lermer.

4. Schnell entscheiden bei Routinefragen

Nicht jede Entscheidung erfordert stundenlange Überlegungen. Bei täglichen Entscheidungen wie Terminabsprachen oder Mail-Antworten kann es helfen, die Wahl innerhalb von 60 Sekunden zu treffen. Das beugt Entscheidungsmüdigkeit vor. 

Auch Routinen tragen dazu bei: So manche alltägliche Entscheidung lässt sich automatisieren. Die Frage "Jetzt die Mails bearbeiten oder in einer Stunde?" stellt sich nicht mehr, wenn es dafür jeden Tag einen festen Zeitpunkt gibt. "Jede Entscheidung, die gar nicht erst gefällt werden muss, entlastet", sagt Job-Coachin Saskia Bülow. dpa