Reparieren statt wegwerfen Warum Massivholz nie Abfall ist

In einer Werkstatt in Fellbach werden alte Stühle, Schränke und Balken nicht entsorgt, sondern weitergedacht. Zwei junge Schreiner zeigen, warum Massivholz reparierbar bleibt, Recycling im Handwerk anspruchsvoll ist – und warum genau das immer mehr Kunden und Nachwuchskräfte überzeugt.

Ökologische Werkstatt
Ein Bein locker, kein Grund zum Wegwerfen: Niklas Kunze beim Aufarbeiten der Oberfläche eines Stuhls, indem er mit der Ziehklinge die alte Öloberfläche entfernt. - © Peter Hartung

Niklas Kunze beugt sich über einen umgedrehten Stuhl, die Hände fest an der Ziehklinge, während sich hauchdünne Holzspäne zu kleinen Locken auf der grauen Decke sammeln. Neben den Schraubzwingen liegen Schleifpapier und Stechbeitel bereit – sie warten auf ihren Einsatz bei der weiteren Verwandlung.​

"Ein Bein war locker, das haben wir neu verleimt. Danach bekommt der Stuhl seine frische Oberfläche", erklärt Niklas Kunze, während er das Bild vor sich betrachtet. In ruhigen Bewegungen zieht er die Klinge in Richtung der Holzfaser über die Sitzfläche, schält die matte, alte Ölschicht ab und legt die hellere Maserung frei, die darunter lange verborgen war.

Massivholzmöbel: Ausbessern einfach möglich

Wer die Ökologische Werkstatt in Fellbach betreten will, muss zunächst eine schmale Treppe an der Außenfassade hinuntersteigen. Durch einen schlichten Flur, vorbei an einer kleinen Kaffeeküche, in der noch der Geruch vom Vormittagskaffee hängt, gelangt man bis zum Herzstück der Werkstatt – dem Maschinenraum mit Kreissäge, Schleifmaschinen und Pressen. Es dominiert das Brummen von Motoren und der süßlich-scharfe Geruch von Holzstaub.

Der Weg nach oben führt durch einen leicht beleuchteten Industriefahrstuhl ins Materiallager. Mittendrin ein Stapel Bretter, die noch fast wie der ganze Baumstamm wirken. Die Rinde sitzt an den Kanten, das Holz ist rau und unbehandelt. Niklas Kunze bleibt vor einem großen Schrank aus einer alten Baureihe des Seniors stehen. "Die Kundin baut um und hat keinen Platz mehr dafür", erklärt der Schreiner. Er schlägt die Decke zurück und streicht mit der Hand über die glatte Oberfläche der Tür. Sein Finger zeigt auf eine kleine Macke an der unteren Ecke, die im Alltag kaum auffallen würde. Solche Stellen lassen sich bei Massivholz einfach ausbessern, bevor eine neue Deckplatte montiert und aus einem großen Kleiderschrank eine platzsparende Kommode wird.

Ökologische Werkstatt
Niklas Kunze (links) und Felix Völz (rechts) führen seit Anfang 2026 die Ökologische Werkstatt Fellbach weiter. Ein Betrieb, in dem Reparatur, Massivholz und Recycling seit 30 Jahren zum Alltag gehören. - © Peter Hartung

Viele Projekte in der Werkstatt beginnen mit solchen Geschichten. Eine Kundin möchte ihren Einbauschrank loswerden, ein Nachbar schafft seinen Kleiderschrank nicht mehr in die neue Wohnung, "Die Leute sagen oft: Es ist viel zu schade, um es wegzuschmeißen, und genau da setzen wir an", erzählt Felix Völz, der gemeinsam mit Niklas Kunze seit Anfang Januar die Werkstatt leitet.

Reparieren statt wegwerfen

Die Ausrichtung ist klar: In Fellbach entstehen fast ausschließlich Möbel aus Massivholz, die nur geölt und gewachst werden. Die lösemittelfreien Öle sorgen nicht nur für ein angenehmes Raumklima beim Kunden, sondern lassen sich auch nach Jahren noch auffrischen oder ausbessern. Ein Kratzer ist hier kein Makel, sondern ein Anlass, das Möbelstück wieder in die Hand zu nehmen.

"Das Tolle an Massivholz ist, dass wir von einem möglichst unverarbeiteten Produkt ausgehen", sagt Felix Völz. Anders als bei Spanplatten, die aus geschreddertem und neu verleimten Material bestehen, kann ein massiver Tisch oder Schrank mehrfach umgebaut, verkleinert und angepasst werden, bevor das Holz irgendwann ganz am Ende der Nutzungskette doch noch zu Spanplatte oder Brennstoff wird. Beim Recycling spricht man auch von Kaskadenstufen, und Massivholz erlaubt besonders viele dieser Stufen.

Dass diese Herangehensweise den Beteiligten einiges abverlangt, verschweigen die beiden nicht. Bei jedem Recyclingprojekt müssen Materiallängen geprüft werden, Risse und Schadstellen entscheiden darüber, ob ein Balken weiterverarbeitet werden kann oder doch nur noch als Brennholz taugt. Holz mit vielen Nägeln und Schrauben zu bearbeiten, ist mühsam; oft muss großzügig Material entfernt werden, bevor ein tragfähiges Stück übrig bleibt. "Alte Balken können toll aussehen und richtig Geschichte mitbringen", sagt Niklas Kunze, "aber bei manchen Stücken muss man vorher ehrlich abwägen."

Auch organisatorisch ist Recycling aufwendiger. Für gebrauchtes Holz gibt es keinen etablierten Markt, niemand kann einfach "Recyclingholz" in der gewünschten Dimension bestellen. Stattdessen leben die Projekte von Hinweisen, Sperrmüllterminen und Kunden, die wissen, dass in dieser Werkstatt aus vermeintlichem Abfall wieder etwas Neues entsteht.

Emotionale Werte im Möbelstück

Als Gegenleistung erhalten die Kundinnen und Kunden Möbel mit biografischer Tiefe. "Wenn da der Schrank vom Großvater drinsteckt, an dem man hängt, auch wenn er optisch gar nicht mehr gefällt, ist das eine super Lösung", sagt Felix Völz. "Die Leute wollen diesen emotionalen Wert erhalten, das ist der Mehrwert." Ein neu gebautes Möbel aus anonymen Platten kann das kaum leisten.​

Ökologische Werkstatt
Niklas Kunze vor dem alten Kleiderschrank aus der Baureihe des Seniors. Er wird zerlegt, aufgearbeitet und als Kommode weiterleben. - © Peter Hartung

Für Niklas Kunze ist der Recyclingaspekt außerdem eine Frage des Respekts. "Die Wertschätzung des Materials ist sehr wichtig", sagt er mit einem Leuchten in den Augen. "Man muss sich vor Augen halten: Das war irgendwann ein Lebewesen, das viel Zeit und Energie investiert hat, um zu wachsen und so groß zu werden." In der Werkstatt versuchen sie, diesen Einsatz ernst zu nehmen, ob beim Reparieren eines alten Stuhls, beim Umbau eines Schranks zur Kommode oder beim Entwurf eines neuen Massivholzmöbels, das von Anfang an so geplant ist, dass es sich später noch verändern lässt.

Viele Anfragen für Praktika und Ausbildungsplätze

Während viele Betriebe im Handwerk händeringend nach Fachkräften und Auszubildenden suchen, kennt die Werkstatt in Fellbach dieses Problem kaum. Seit es auf der Website ein eigenes Formular gibt, stapeln sich die Anfragen für Praktika und Ausbildungsplätze. Vor allem von jungen Leuten, die "richtig mit Holz arbeiten" wollen und nicht nur vor einer CNC-Maschine stehen. Für Niklas Kunze und Felix Völz ist das ein weiteres Zeichen dafür, dass ihr Weg richtig ist.

Am Ende des Tages hängt noch feiner Staub in der Luft. Zwischen den Maschinen liegt der Geruch von frisch geschliffenem Massivholz und warmem Öl – schwer und zugleich frisch. Und irgendwo im Lager wartet ein weiterer Schrank unter einer Decke darauf, noch einmal in Form gebracht zu werden. Nicht als Wegwerfprodukt, sondern als nächstes Kapitel eines Baumes, der längst gefällt ist und doch noch immer weiterlebt.

Dieser Beitrag ist im Rahmen eines Reportage-Projekts des Master-Studiengangs Fachjournalismus und Unternehmenskommunikation an der Technischen Hochschule Würzburg-Schweinfurt entstanden. Die Deutsche Handwerks Zeitung ist Kooperationspartner für dieses Seminar.