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TV-Kritik: MDR - "Echt" zum Azubi-Mangel im Handwerk Erfolglose Azubi-Suche: Woran Betriebe scheitern

Im Rahmen der ARD-Themenwoche Zukunft Bildung beschäftigt sich der MDR mit dem Nachwuchsmangel im Handwerk. Die Reportage "Dringend gesucht: Azubis", die am heutigen Mittwoch ausgestrahlt wird, geht das Thema aus verschiedenen Blickwinkeln an und zeigt entsprechend differenziert auf, woran es liegt, dass Betriebe und potenzielle Auszubildende immer öfter nicht zueinander passen. Eine empfehlenswerte Sendung.

Von einer guten Fernsehreportage sollte zumindest ein Kernpunkt, ein zentrales Argument, eine wichtige These beim Zuschauer hängen bleiben. So gesehen, haben die Journalisten der MDR-Reihe "Echt" mit ihrem Stück zum Azubimangel einiges richtig gemacht. Denn das "Passungsproblem", wie es in der 30 Minuten dauernden Sendung immer wieder genannt wird, hat offenbar einen gewichtigen Anteil daran, dass Betriebe und potenzielle Auszubildende nicht mehr so oft zusammenkommen wie noch vor einigen Jahren.

Mit dem Ausdruck ist das Phänomen gemeint, dass es rein rechnerisch - zumindest für Mitteldeutschland, also das Sendegebiet des MDR aus Sachsen, Thüringen und Sachsen-Anhalt, für das die Reportage die Zahlen erhoben hatte - beinahe ein ausgeglichenes Verhältnis zwischen der Anzahl der freien Lehrstellen und der Zahl der unvermittelten Bewerber geben müsste. Nur 44 Bewerber blieben laut einer Studie der Bertelsmann-Stiftung zum Azubi-Mangel übrig, wenn man deren Gesamtzahl von der Zahl der offenen Stellen abzöge.

Doch die Realität - das weiß so gut wie jeder Handwerker - sieht ganz anders aus. Jahr für Jahr bleiben Stellen in der Ausbildung frei - und diesem Ungleichgewicht, dem "Passungsproblem", gehen die MDR-Journalisten routiniert auf den Grund.

Die Ansprüche der Generation Z

Das sind zunächst die Probleme, die so mancher Chef oder Ausbildungsleiter mit der Generation Z hat. Hohe Ansprüche, nicht allzu viel Lust auf harte körperliche Arbeit. Matthias Forßbohm, Maurermeister und in der Vollversammlung der Handwerkskammer zu Leipzig, muss eingestehen, dass trotz intensiver Versuche, Nachwuchs zu finden, dabei nur ein mäßiger Erfolg zu verzeichnen sei. Gerade auf dem Bau bekomme man das Fitnessstudio und das Solarium praktisch jeden Tag gratis, scherzt er, weiß aber natürlich um die Vorurteile, die rund um den Beruf bestehen. Nichtsdestotrotz sagt er: "Ich finde Maurer den schönsten Beruf der Welt."

Schüler der achten Klasse einer Oberschule - das ist eine Kombination aus Haupt- und Realschule in Sachsen - allerdings sind bei einem Schnuppertag bei der Kammer skeptischer, während sie dort an Übungswänden erste kleine Maurer-Tätigkeiten ausführen. "Es macht Spaß, aber es ist auch anstrengend", sagt ein Mädchen, das durchaus Talent für den Beruf des Maurers mitzubringen scheint. Das Tragen der Steine gehe auf die Arme, das Bücken sei sehr belastend.

Und der zuständige Ausbildungsmeister Rene Dittrich fügt zu diesem Eindruck hinzu: "Die wenigsten Schüler sind später in der Lage, eine Lehre durchzuziehen, einfach mal drei Jahre lang zu beißen. Die wenigsten schaffen das auf Anhieb, so ist es heutzutage", sagt er. Immerhin: Die Schüler wissen nun wenigstens, dass sie nicht Maurer werden wollen und gehen nicht in eine Ausbildung, die sie hinterher vorzeitig abbrechen.

Und in der Tat: 40 Prozent aller "Passungsprobleme" liegen nach den dargestellten Zahlen daran, dass die Bewerber und Betriebe sich im Vorfeld voneinander kein aussagekräftiges Bild machen können. Doch auch wenn die Einblicke fundiert sind, muss es nicht passen. Eine Schule im thüringischen Warza beispielsweise schickt ihre künftigen Absolventen alle 14 Tage in Betriebe, wo sie sogar einen befristeten Arbeitsvertrag erhalten.

Doch der gezeigte potenzielle Auszubildende wird bei Velux mit strengen Regeln, unter anderem beim Arbeitsschutz und in Sachen Pünktlichkeit und Zuverlässigkeit konfrontiert. Eine gute Erfahrung, wie er sagt, aber am Ende steht auch hier kein Ausbildungsvertrag. Stattdessen will er Polizist werden, was die Stimme aus dem Off nur mit einigen Hinweisen kommentiert: Gehalt als Anwärter 1.200 Euro, Beamtenstatus, geregelte Arbeitszeiten.

Gewerkschaft über Azubis: leisten viele Überstunden, werden nicht auf Augenhöhe behandelt

Es sind aber nicht nur die Ansichten der Generation Z, sondern zum Gesamtbild des "Passungsproblems" gehört mehr, wie der MDR gut herausarbeitete. Schlechte Bezahlung in der Lehre in bestimmten Gewerken, Überstunden und unklare Jobaussichten: Das prangert auch die Gewerkschaft in der Reportage an.

"Das Dogma: Lehrjahre sind keine Herrenjahre, muss endlich raus aus den Köpfen", bringt es Marlen Schröder, Landesjugendsekretärin des DGB Sachsen, auf eine griffige Formel. Azubis leisteten viele Überstunden, auch am Wochenende oder feiertags, und würden als unterster Teil der Hierarchiekette nicht auf Augenhöhe behandelt. Der Bertelsmann-Studie zufolge sind die inakzeptablen Arbeitsbedingungen und damit die Nicht-Vereinbarkeit von Angebot und Nachfrage auf dem Ausbildungsplatz-Markt für weitere 40 Prozent des "Passungsproblems" verantwortlich.

Die in der Reportage angebotenen Lösungen dafür können indes alleine nicht überzeugen: Der Azubi-Mindestlohn in Höhe von 515 Euro ab 2020 sowie die Forderung nach einer klaren Übernahmeperspektive für die Auszubildenden. Und sonst? Gestreift wurden noch die fehlende Mobilität der potenziellen Azubis sowie der starke Trend hin zu akademischen Abschlüssen und weg von der klassischen Ausbildung. "Wir müssen aber in den Betrieben auch die Bestenauslese beenden", mahnt in diesem Zusammenhang DGB-Landesjugendsekretärin Schröder. Zwei Drittel der Lehrstellen seien so ausgeschrieben, dass sich Hauptschüler mit ihrem Abschluss darauf nicht bewerben könnten.

Dass es auch heutzutage doch noch funktionieren kann mit den Azubis, zeigen indes ein Malermeister und sein Azubi. Danny Stier aus dem sachsen-anhaltinischen Leuna hat zwar auch ein Problem mit der Zahl der Bewerbungen von Azubis - dieses Jahr gab es gar keine -, aber er ist heilfroh, seinen Azubi Lukas zu haben. Der beteuert denn auch, dass er eben keiner sei, der wegen etwas Kopfweh daheim bleibe. Und auch ein Schreiner-Azubi schwärmt in der Reportage geradezu für seinen Beruf, den Geruch des Holzes, die körperliche Arbeit, das Schuften.

Löbliche Ausnahmen? So sieht es jedenfalls aus. Denn die MDR-Journalisten haben direkt die nächsten Zahlen parat, um die Euphorie zu dämpfen: Denn in Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen bricht im Schnitt jeder dritte Azubi seine Lehre ab. Das leidige "Passungsproblem" - es stört wohl nicht nur bei der Lehrlingssuche, sondern auch noch bis weit in die Ausbildungszeit hinein.

Echt: "Dringend gesucht: Azubis": Mittwoch, 13. November 2019, 21:15 Uhr, MDR

Schon zuvor online: Link zur Sendung

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