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TV-Kritik: RTL/Bild online - "Stern TV" und "Die richtigen Fragen" über die Situation der Friseure im Lockdown Vor Lockdown-Entscheidung: Wie Friseure für die Öffnung kämpfen

Die Situation vieler Friseure im zweiten Corona-Lockdown ist dramatisch und existenzgefährdend, viele fordern die sofortige Wiedereröffnung ihrer Salons. Kein Wunder, dass sich auch die Medien dieses Gewerks annehmen und die Politiker mit den Aussagen von Betroffenen konfrontieren - so geschehen bei Stern TV und einem Talk-Format von Bild online, wo SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach und vor allem Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU) keinen leichten Stand haben. Prädikat: emotional, aber nah dran an der Realität.

Bianka Bergler ist Ende Januar zu einer kleinen Berühmtheit geworden. Die Friseurin wurde mit ihrem Instagram-Video, in dem sie unter Tränen über ihre finanzielle Situation berichtet, und das viral ging, zum Gesicht einer Branche, die im Lockdown in großen Teilen um das wirtschaftliche Überleben kämpft. "Meine Zündschnur ist abgelaufen", sagte sie in dem Video, staatliche Hilfen seien nicht angekommen, sie sei faktisch pleite. Eindringliche Worte, die in diesen Zeiten gerade in den sozialen Medien viele Menschen emotional aufwühlen. Und weil jeder derzeit auch ganz plastisch sehen kann, welche Spuren die Schließung der Friseursalons auf den Köpfen der meisten Menschen hinterlässt - von wilden Mähnen bis zu leichten Kräuseln im Nacken - ist das Thema in aller Munde. Am Mittwoch geht es bei den Beratungen des Bundes und der Länder zum weiteren Verlauf des Lockdowns offenbar auch um die Frage, ob die Salons in Deutschland bald wieder öffnen dürfen. Es ist also alles vorbereitet für große Aufmerksamkeit für diese Branche.

Auch die TV-Landschaft kam deshalb letztlich an der angesprochenen Friseurin aus Dortmund nicht mehr vorbei, und so saß sie in der vergangenen Ausgabe des RTL-Magazins Stern TV im Studio. Dort schilderte sie, dass das Video nach einem frustrierenden Telefonat mit der Arbeitsagentur entstanden sei. Sie habe dort kein Entgegenkommen von der Mitarbeiterin gespürt, sei vielmehr als Reaktion auf ihre Kritik an den schleppenden Hilfszahlungen und ihre Frage, ob die Mitarbeiterin wisse, wie es sei, wenn am Ende des Monats kein Geld auf dem Konto ankomme, abgekanzelt worden mit dem Hinweis, sie solle sich doch an die Politiker wenden. Dann sei sie ins Nebenzimmer gegangen und habe das Video aufgenommen und direkt auf Instagram hochgeladen.

"Bin ich nur eine Zahl?"

Ihr Auftritt war indes nicht der einzige tränenreiche der Sendung. Salvatore Brancato aus Köln, seit 2009 mit eigenem Salon, sagte in einem eingespielten Beitrag unumwunden: "Wenn das alles noch bis März, April geht, dann werde ich schließen müssen." Wenn er 15 Mitarbeiter untergehen lasse, und da seien auch Kinder in deren Familien betroffen, bringt er noch über die Lippen, bevor auch bei ihm die Tränen fließen. Sein Lebenswerk sei bedroht, für das er gekämpft und Stunde um Stunde, Tag um Tag durchgearbeitet habe, sagte er, und fragte mit Blick auf die Politik: "Bin ich nur eine Zahl auf dieser Erde?" Bei Nannette Alb aus Quedlinburg ging es auch um Zahlen, nämlich um die Höhe der Rücklagen für die Rente. Die müsse sie nun investieren, sie finde deshalb kaum Schlaf und forderte: "Wir brauchen von der Politik eine Aussage, wie geht es weiter."

Lauterbach: Ich weiß, wie es den Menschen derzeit geht

Für die Politik saß der in der Pandemie omnipräsente SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach im Studio, und im Gegensatz zu manchen sehr zahmen Fragen in öffentlich-rechtlichen Talkshows wurde er bei Stern TV mit durchaus kritischen Fragen konfrontiert. Ob Politiker und Beamte mit ihrer Vollversorgung überhaupt nachempfinden könnten, wie es Selbstständigen in der Krise gehe, deren Geschäfte geschlossen seien, wollte Moderator Steffen Hallaschka wissen - und ob es nicht sehr gefährlich sei, wenn die Menschen sich zunehmend im Stich gelassen fühlten. Lauterbach betonte, dass er über seine Familie, eine Arbeiterfamilie, wisse, wie es den Menschen derzeit gehe. Man müsse entscheiden zwischen der Frage, ob wir den Lockdown brauchten, die er bejahe, und der Frage, ob wir den Betroffenen schneller und unbürokratischer helfen könnten - was er ebenfalls finde. Doch Bergler blieb hart. Es könne nicht angehen angesichts der Probleme, dass Systeme in Behörden erst "neu bespielt" werden müssten - gemeint waren Computer. Lauterbach versuchte abzulenken mit Hinweisen darauf, dass er schon früh vor der zweiten Welle gewarnt hatte. Doch Hallaschka ließ ihn nicht heraus, bat ihn, die Probleme mitzunehmen, bei Arbeitsminister Heil zu adressieren - und stellte klar, dass es sich bei Bergler und auch anderen Kritikern nicht um Lockdown-Gegner oder gar Corona-Leugner handelte, sondern um Menschen, die sich im Stich gelassen fühlten. Das war wohltuend angesichts der in der Debatte zu oft pauschal vorgenommenen Abwertung kritischer Stimmen als eben jene Leugner.

Und es sind ja auch beileibe nicht die einzigen Stimmen - auch abseits der großen medialen Präsenz kämpft die Branche darum, unter sicheren hygienischen Bedingungen wieder arbeiten zu dürfen. Die Online-Petition #NurSicherBeimFriseur hat derzeit bereits rund 50.000 Unterzeichner. Im Vordergrund steht dabei nicht die finanzielle Situation der Branche - denn nicht allen Salons geht es bis an die Existenz. Vielmehr fordert die Initiative eine Öffnung der Salons, weil sonst der Schwarzmarkt boome und eben in einem hygienisch zweifelhaften, privaten Rahmen Haare geschnitten würden. Diese Problematik hatte sich schon seit Januar immer weiter verstärkt. Auch in den Sozialen Medien, forciert mitunter auch durch einzelne Salon-Inhaber oder lose Kooperationen, machen Friseure, aber auch Kosmetiker, die gerne in der Debatte übersehen werden, auf verschiedene Arten mobil gegen die Schließung. Kritische Stimmen, die an der vermeintlichen Ansteckungsfreiheit beim Friseur zweifeln und für Vorsicht und eine längere Schließung werben, gibt es zwar auch, sie sind jedoch eher Einzelfälle.

Altmaiers Bankrotterklärung

Eine große Internet-Bühne indes bekamen drei Friseurinnen bei Bild online. In dem Talk-Format "Die richtigen Fragen" trafen sie mit Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier aufeinander, der vor der Konferenz von Bund und Ländern am Mittwoch die Frage beantworten sollte, wie lange der Lockdown noch dauert. Schon im Gespräch mit dem Moderator kam Altmaier - zugegebenermaßen aus einer undankbaren Position heraus - ein ums andere Mal argumentativ ins Schlingern. Für die Gastwirte sei es wichtig, wieder öffnen zu können, so Altmaier, "wenn die Sonne scheint, wenn man Tische draußen aufstellen kann, wenn die Leute das Bedürfnis haben, (...), Pizza zu essen" - nun ja. Er wand sich fast noch mehr, als die drei Friseurinnen zugeschaltet wurden, die - wie so viele - derzeit heftig unter dem Lockdown leiden. Nach den Aussagen Altmaiers zuvor habe sich ihre Frage, ob sie am 15. Februar wieder öffnen könnten, offenbar erledigt, sagte die Münchner Stylistin Renate Klingspor. Doch anstatt zu antworten, lobte Altmaier die Friseure für ihre Hygienekonzepte - und gestand ein, dass die Friseurschließungen eigentlich nur deshalb erfolgt sind, damit nicht zu viele Menschen etwa mit öffentlichen Verkehrsmitteln in die Stadt führen und sich dann dort oder auf dem Weg dorthin ansteckten. Das war - gelinde gesagt - schwach und eine Bankrotterklärung. Denn warum bestimmte Branchen - beim Handel dürfte die Begründung ganz ähnlich schräg ausfallen - etwa für die Versäumnisse im öffentlichen Nahverkehr, der zumeist in staatlicher Hand liegt, büßen müssen, das konnte Altmaier natürlich nicht sagen.

In Sachen Öffnungen ist gar nichts klar

Zu den stockenden Hilfszahlungen, die Friseurin Aysel Selcik aus Hattingen bei Essen ansprach, meinte der Minister nur, dass er hoffe, dass noch im Februar erste Abschlagszahlungen kämen - auch das ein Armutszeugnis, obwohl Altmaier das Vorgehen aufgrund der notwendigen Prüfungen als schnell bezeichnete. Er schob die Verantwortung den Ländern zu, obwohl sein Ministerium für die misslungene Schneckentempo-Programmierung der entsprechenden Plattform zur Beantragung verantwortlich ist. Das war exakt der Entschuldigungs-Sound, den viele Menschen angesichts des harten Lockdowns immer weniger hören wollen. Dezemberhilfen, Überbrückungsgeld II und III - es ging munter und etwas krawallig durcheinander in der Folge, und irgendwann war klar, dass in Sachen Öffnungen ab dem 15. Februar genauso wenig entschieden ist wie bei der Frage, wann endlich die versprochenen Hilfen kommen. Schließlich sorgte noch ein zugeschalteter Kartbahn-Betreiber für Aufsehen, der Altmaier mit ausgestrecktem Zeigefinger Richtung Kamera vorwarf, er müsse entschlossener für den Mittelstand kämpfen als Wirtschaftsminister. Auch das ließ Altmaier mehr oder weniger über sich ergehen und war auf Schadensbegrenzung aus.

Öffnung wäre Zeichen gegen ambitionslose Politik

Am Mittwoch wird es nun ernst, wenn Bund und Länder mal wieder tagen und über das weitere Schicksal ganzer Branchen entscheiden. Ob im Rahmen möglicher Lockerungen auch die Friseure bald wieder öffnen dürfen, ist im Vorfeld keineswegs ausgemacht. Angesichts der fatalen Situation in weiten Teilen der Branche stünde eine Öffnung unter den bewährten, strengen Hygienestandards einer Politik, die sich abseits von recht pauschalen Schließungen in der Krise bisher zu oft als ambitionslos und wenig kreativ erwiesen hat, nicht schlecht zu Gesicht. Und auch den Frisuren der Deutschen täte es ganz gut, wenn die Salons bald wieder ihre Türen öffnen würden.

Link zu den Beiträgen:

Stern TV (evtl. anmelde- und bezahlpflichtig)

Die richtigen Fragen (evtl. anmelde- und bezahlpflichtig)

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