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Umgang mit psychischen Belastungen Lockdown und Quarantäne: So lassen sich Chefs nicht unterkriegen

Von jetzt auf gleich musste Bäckermeister Roland Ermer in Corona-Quarantäne. Die Geschäfte in seinem Bäckereibetrieb konnte er in dieser Zeit nur eingeschränkt regeln. Eine Bewährungsprobe: Nicht nur für sein Unternehmen, sondern auch die persönliche Belastbarkeit. Wie schaffen Handwerker es, in Situationen wie diesen nicht zu verzweifeln? Personal Life Coach Frank Fuhrmann gibt Tipps.

Dieser Artikel ist Bestandteil des Themenpakets Coronavirus

Buchstäblich von einer Minute auf die andere ist es passiert. Nachdem Bäckermeister Roland Ermer einen Telefonanruf vom Gesundheitsamt erhielt, mussten er und seine Frau sich unverzüglich in Corona-Quarantäne begeben. Der Inhaber der Bäckerei Ermer in Bernsdorf (Landkreis Bautzen) hatte zuvor eine Veranstaltung besucht, auf der es unwissentlich einen Corona-Fall gegeben hatte.

Um einer weiteren Ansteckung vorzubeugen, musste sich Ermer 14 Tage in Quarantäne begeben. Während dieser "Zwangspause" konnte er keine seiner Filialen betreten. Seine Frau, die auch im Unternehmen arbeitet, musste für 17 Tage in Quarantäne bleiben. "Aus dem Tagesgeschäft waren wir zu hundert Prozent raus", so Ermer. "Für einen kleinen Bäckereibetrieb wie unseren war das ein ziemlicher Hammer, auch weil es ausgerechnet in der Urlaubszeit passiert ist."

Während der Quarantäne-Zeit konnte der Bäckermeister nur eingeschränkt weiterarbeiten. "Ich habe mich hauptsächlich um Büroarbeiten gekümmert und meinen Mitarbeitern übers Telefon Anweisungen gegeben", sagt Ermer. Da seine Frau und er als Unterstützung im Betrieb fehlten, war der Handwerker sogar dazu gezwungen, sein Sortiment zeitweise zu verkleinern.

Psychische Belastungen haben seit erstem Lockdown zugenommen

"Schlecht" und in der Situation gefangen, habe sich der Bäckermeister in diesen Tagen gefühlt – "auch, weil alles so schnell passiert ist und der Anruf vom Gesundheitsamt aus heiterem Himmel kam", erzählt er. Gefühle, die in der heutigen Zeit scheinbar zur Normalität gehören: Viele Menschen stellt die Corona-Krise auf eine wirtschaftliche und damit auch auf eine psychische Probe. Das zeigen erste Teilergebnisse der Nako-Gesundheitsstudie, über die die "Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung" bereits Ende Oktober 2020 berichtet hat.

Im Rahmen der Studie haben Forscher den Gesundheitszustand von fast 200.000 Deutschen untersucht. Das Ergebnis: Allein durch den ersten Lockdown hat sich die psychische Gesundheit vieler Menschen in Deutschland verschlechtert. Seit dem Frühjahr würden immer mehr Deutsche an depressiven Symptomen leiden, auch Stress- und Angstsymptome hätten teils deutlich zugenommen, verriet Klaus Berger, Studienleiter des Themenbereichs neurologisch-psychiatrische Erkrankungen, im Interview. Vor dem Hintergrund des November-Lockdowns und den anhaltenden Corona-Maßnahmen raten auch Psychiater davor, psychische Belastungen nicht zu unterschätzen und warnen sogar vor einer dritten Welle – die der psychischen Erkrankungen.

>>> Lesetipp: Psychische Belastungen in der Krise: Wo Betroffene Hilfe finden

Positive Grundeinstellung kann helfen

Vor allem Handwerker gelten als Macher. Im schlimmsten Fall können die Corona-Maßnahmen sie komplett ausbremsen und die eigene Psyche hart treffen. Was also tun, wenn sie in eine ähnliche Situation geraten wie Bäckermeister Roland Ermer oder sich davor fürchten? "Bloß nicht den Kopf in den Sand stecken, sondern erst recht über den Tellerrand hinausschauen", sagt Frank Fuhrmann. Der Buchautor und ehemalige Tennis-Leistungssportler coacht Unternehmen im Bereich der positiven Psychologie. Er rät Handwerkschefs, sich eine positive Grundeinstellun g anzutrainieren. Dazu gehöre es nicht nur, positiv denken zu können, sondern auch eine psychische Widerstandsfähigkeit zu entwickeln.

Auch in der aktuellen Zeit könne man zu einer positiven Grundeinstellung finden. "Handwerksunternehmer sollten sich bewusst machen, was sie bereits bewegt haben und was ihre Stärken sind", sagt der Personal Life Coach. "Was habe ich in den letzten zehn Jahren erlebt? Welche Höhen und Tiefen habe ich bereits überwunden? Diese Fragen sollten sich Chefs beantworten und lösungsorientiert durcharbeiten." Lösungsorientiert bedeute, die eigenen Ressourcen zu betrachten, die schon in der Vergangenheit dabei geholfen haben, Probleme zu meistern: "Das kann Mut sein, die Liebe zum Lernen oder die Fähigkeit, Menschen zusammenzubringen", so Fuhrmann.

Chefs sollten handlungsfähig bleiben

"Leider vergessen Unternehmer zu oft, wie viele Situationen sie schon erfolgreich gemeistert haben", weiß Fuhrmann. "Sich bewusst zu machen, wie oft man sich in seiner Karriere schon neu erfinden musste, hilft auch in der aktuellen Situation handlungs- und bewegungsfähig zu bleiben."

So öffne man sich auch für neue Lösungswege. Fuhrmann erklärt das Prinzip an einem Beispiel aus der Landwirtschaft: Als ein Landwirt im ersten Lockdown nicht wie üblich auf Erntehelfer aus dem Ausland zurückgreifen konnte, verzweifelte er nicht an der Situation. Stattdessen wurde er aktiv und schaltete eine Facebook-Anzeige. "Er erhielt tausende Anfragen und fand schließlich zahlreiche Helfer, die aufgrund des Lockdowns nicht mehr in ihren Berufen arbeiten konnten", sagt Fuhrmann.

Für den Fall der Fälle Vorbereitungen treffen

Auch Roland Ermer ist nicht untätig gewesen und hat die Quarantäne-Zeit anderweitig sinnvoll genutzt. "Ich habe viele Arbeiten im Haus erledigt und mich um ein Ehrenamt gekümmert"“, so der Bäckermeister, der auch Handwerkspräsident des Sächsischen Handwerkstages ist. Er rät Handwerkern zudem, sich auf den Fall der Fälle vorzubereiten – etwa Notfallpläne zu schreiben oder mit dem Vermieter der Betriebsräume über eine eventuelle Mietminderung zu sprechen.

Frank Fuhrmann weiß jedoch, dass auch die beste Vorbereitung nicht immer dabei helfen kann, schwierigen Situationen zu meistern – eine positive Grundeinstellung gehört ihm zufolge immer dazu. Dabei helfe nicht nur der Rückblick auf die eigenen Erfolge. Im Kasten gibt der Coach weitere Tipps, wie Handwerker zu einer positiveren Sichtweise finden – für die Zeit der Corona-Pandemie und darüber hinaus.

Tipps: Was in belastenden Situationen helfen kann

  • Sich morgens Zeit für sich nehmen: Ein Buch lesen, Sport treiben oder anderen Hobbies nachgehen: Die Erfahrungen aus seiner Arbeit zeigen Frank Fuhrmann, dass diejenigen Menschen positiver gestimmt sind, die morgens nicht direkt in den Alltag starten. Stattdessen nehmen sie sich erst einmal Zeit für sich und tun das, was sie erfüllt. "Diese Zeit kann auch dafür genutzt werden, Ziele für den Tag zu definieren oder ein Journal mit positiven Glaubenssätzen zu führen", so der Speaker.
  • Positiv auf den Tag zurückblicken: Wer jeden Abend in einem Tagebuch drei positive Erlebnisse notiert, betrachtet sein Leben mit der Zeit mit anderen Augen. Nicht immer müssen das bahnbrechende Erfolge sein. Auch kleine Dinge machen glücklich, z. B. ein leckeres Essen oder ein nettes Gespräch.
  • Nachrichtenkonsum einschränken: Von den Social Media-Kanälen über das TV-Programm bis hin zur Tageszeitung – aktuell sind die Medien voll mit Meldungen in Zusammenhang mit Corona. "Natürlich ist es wichtig, dass Handwerkschefs sich hier informieren und am Ball bleiben“, sagt Fuhrmann. Ein übermäßiger Medienkonsum könne aber dazu führen, dass Unternehmer sich weiter verunsichern lassen und sich in ihre Sorgen hineinsteigern. Der Autor empfiehlt deshalb, sich ein bis drei seriöse Medien auszusuchen und Informationen bewusst über diese zu beziehen.
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