Coronavirus -

Deutschen geht es psychisch schlechter Psychische Belastungen in der Krise: Wo Betroffene Hilfe finden

Weniger Sonne, kaum soziale Kontakte und Angst um die Gesundheit – der November-Lockdown schlägt vielen Menschen auf das Gemüt. Mediziner warnen, dass sich daraus eine Welle der psychischen Erkrankungen entwickeln könnte. Wie sich aktuelle Ängste von Depressionen unterscheiden und wo es Hilfe gibt: ein Experte gibt Tipps.

Dieser Artikel ist Bestandteil des Themenpakets Coronavirus

Durch den ersten Lockdown hat sich die psychische Gesundheit vieler Menschen in Deutschland verschlechtert. Das zeigen Teilergebnisse der Nako-Gesundheitsstudie, für die Forscher den Gesundheitszustand von fast 200.000 Deutschen untersucht haben. Seit dem Frühjahr würden immer mehr Deutsche an depressiven Symptomen leiden, auch Stress- und Angstsymptome hätten teils deutlich zugenommen, verriet Klaus Berger, Studienleiter des Themenbereichs neurologisch-psychiatrische Erkrankungen, im Interview mit der "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung". Laut der Studienergebnisse verschlechterte sich insbesondere die mentale Gesundheit von jungen bis mittelalten Menschen zwischen 20 und Ende 40. Auch bei Menschen, die in Regionen leben, die besonders stark von den Corona-Pandemie betroffen waren, nahmen psychischen Belastungen deutlich zu.

Psychiater sprechen von einem "weltweiten Tsunami psychischer Erkrankungen"

Vor dem Hintergrund des November-Lockdowns und den anhaltenden Corona-Maßnahmen warnen auch Psychater davor, psychische Belastungen nicht zu unterschätzen. Von einem "weltweiten Tsunami schwerer psychischer Leiden" spricht etwa Viktor Patel, Psychiater der Harvard Medical School, der Online-Konferenz der Europäischen Gesellschaft für klinische Mikrobiologie und Infektionskrankheiten. Auch Katharina Domschke, die als Psychiaterin und Direktorin der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie der Universität Freiburg in der Corona-Arbeitsgruppe der Leopoldina vertreten war, berichtet, dass "alle Studien bisher sagen, dass eine dritte Welle zu erwarten ist, die der psychischen Erkrankungen".

Schon im April 2020 hatte die DHZ mit Ulrich Hegerl, Vorsitzender der Stiftung Deutsche Depressionshilfe und Inhaber der Senckenberg-Professur an der Goethe Universität Frankfurt am Main, über das Thema Depressionen in der Corona-Krise gesprochen. Damals berichtete er, viele Betroffene hätten sich während des ersten Lockdowns keine Hilfe gesucht, weil sie nicht zur Last fallen wollten oder sich selbst die Schuld für ihre Situation gaben. Außerdem sei in der Corona-Krise die Versorgung für depressive Menschen runtergefahren. "Ressourcen sind blockiert, stationäre Behandlungen werden verschoben", so Hegerl. Er warnte: "Ich rechne damit, dass die Maßnahmen, die mit Corona einhergehen, die Suizidzahlen nach oben treiben."

Dabei müssten Depressionen wie alle schweren Erkrankungen weiterhin konsequent behandelt werden: "Und selbstverständlich ist es erlaubt zur Diagnosestellung und Behandlung außer Haus zu gehen", so der Experte.

Wie erkennt man eine Depression?

Auch Unternehmer und Mitarbeiter, deren Existenz aufgrund von Covid-19 auf dem Spiel steht, bringt die Sorge um das Virus aus dem psychischen Gleichgewicht. Der November-Lockdown und verschärfte Corona-Regeln können diese noch einmal verstärken. Doch wie lassen sich Bedrückung, Sorge und Ängste – ausgelöst durch die Corona-Krise – von einer psychischen Erkrankung unterscheiden? "In einer Depression wird alles Negative im Leben vergrößert wahrgenommen und ins Zentrum gerückt, und das kombiniert mit Hoffnungslosigkeit und tiefer Erschöpfung", so Hegerl.

Online-Schulung für Chefs: Den Umgang mit Depressionen lernen

Wie geht man als Führungskraft mit Mitarbeitern und Kollegen um, die psychisch belastet erscheinen und möglicherweise von Depression betroffen sind? Aufgrund der aktuellen Corona-Situation bietet die Stiftung Deutsche Depressionshilfe Führungskräften, Personalverantwortlichen und Betriebsräten Schulungen zum Thema "Depressionen am Arbeitsplatz" an. Diese vermitteln notwendige Grundlagen, um sicher und ausgewogen mit psychisch belasteten Kollegen umgehen zu können.

Die Online-Schulungen finden am 19. November und 2. Dezember 2020 statt. Weitere Informationen zu Anmeldung und Kosten: www.deutsche-depressionshilfe.de.

Dem Experten zufolge empfinden Betroffene eine alle Lebensbereiche umfassende Freudlosigkeit, die sich stark von bekannten Gefühlen wie Stress oder Trauer unterscheide: "Die Menschen fühlen sich innerlich wie versteinert und können keine Gefühle mehr wahrnehmen. Schuldgefühle, eine dauerhafte körperliche Anspannung und der Gedanke, versagt zu haben, sind typische Anzeichen für eine Depression." Auch Appetitlosigkeit, Erschöpfung und schlechter Schlaf, der geprägt ist durch häufiges Aufwachen, zählen zu den Symptomen. "Viele der Betroffenen leiden auch unter einem starken Morgentief, das heißt, morgens ist die Depression besonders stark ausgeprägt. Schlaf führt bei depressiv Erkrankten meist nicht zu Erholung, sondern erstaunlicher Weise zu einer Zunahme der Depression", erläuterte der Experte.

Das hilft Betroffenen in Zeiten von Corona

Deshalb sei es laut Hegerl gerade in der Corona-Krise wichtig, morgens nicht lange im Bett zu bleiben – auch, wenn viele Menschen nicht zwingend aufstehen müssen: "Depressive Menschen sollten möglichst ihren festen Tag-Nacht-Rhythmus beibehalten. Sie sollten die Zeit im Bett nicht über circa acht Stunden ausdehnen. Das ist aber wie viele gute Ratschläge in der Depression leicht gesagt und schwer getan." Längere Bettruhe, so der Experte, könne zu einer Zunahme des Erschöpfungsgefühls führen.

Unterstützend kann auch ein Tages- bzw. Wochenplan sein, in dem Betroffene detailliert aufschreiben, wie sie ihre Zeit füllen – hier können sie etwa spezielle Stunden fürs Musikhören, Telefonate oder Sport einplanen. "Erkrankte sollten sich beschäftigen, aktiv bleiben und das Gespräch mit Freunden und Familie suchen“, sagte Hegerl. "Der Austausch hilft, vor allem über Themen abseits von Corona. Bewegung in, und falls man nicht unter Quarantäne steht, außerhalb der Wohnung, ist zu empfehlen. Bei schwereren Depressionen ist es den Betroffenen aber oft bei bestem Willen nicht möglich, derartige Ratschläge umzusetzen.“ Hilfreiche Angebote wie das Online-Tool I fight depression der Stiftung Deutsche Depressionshilfe können eine Unterstützung beim Aufbau einer Tagestruktur sein.

Professionelle Behandlung besonders in der Corona-Krise wichtig

Egal, ob leichte, mittelschwere oder schwere depressive Erkrankung: Es ist immer ratsam, sich bei einer Depression professionelle Hilfe zu suchen – auch und gerade in Zeiten von Corona. Arztbesuche sind während der Pandemie weiterhin erlaubt. Wer allerdings Angst hat, aufgrund des Virus das Haus zu verlassen, kann eventuell eine Videosprechstunde in Anspruch nehmen – eine Option, die gerade viele Psychotherapeuten anbieten. Eine Übersicht weiterer hilfreicher digitaler und telefonischer Anlaufstellen für Betroffene zeigt auch der Infokasten.

Hilfsangebote in der Corona-Krise: Diese Anlaufstellen unterstützen bei einer Depression

Für alle, die während der Corona-Krise nur ungern das Haus wollen – diese Anlaufstellen für Betroffene funktionieren auch digital bzw. telefonisch:
  • Psychotherapeuten dürfen Video-Sprechstunden anbieten und mit der Kasse abrechnen – Betroffene sollen bei ihrem Psychotherapeuten fragen, ob das möglich ist.
  • Ein kostenfreies Online-Programm, dass Betroffene in der Strukturierung ihres Alltages unterstützt, ist ifightdepression (Anmeldung unter ifightdepression@deutsche-depressionshilfe.de, mehr Infos: www.deutsche-depressionshilfe.de/ifightdepression).
  • Erfahrungen können im fachlich moderierten Online-Forum der Stiftung Deutsche Depressionshilfe unter www.diskussionsforum-depression.de ausgetauscht werden. Informationen zum Thema bietet darüber hinaus das deutschlandweite Info-Telefon Depression 0800 33 44 5 33 (kostenfrei).
  • Weitere Hilfe gibt es auch bei der Telefonseelsorge unter 0800/111 0 111 oder 0800/111 0 222 (kostenfrei) .
  • E-Mail-Beratung speziell für junge Menschen findet sich unter www.u25-deutschland.de bzw. www.jugendnotmail.de.

Depression tritt zum ersten Mal auf: Welcher Arzt ist der richtige Ansprechpartner?

Wer das erste Mal vermutet, unter einer depressiven Phase zu leiden, kann sich für Diagnostik und Behandlung zunächst an den Hausarzt oder bei schwereren Depressionen auch direkt ein Facharzt (Psychiater oder Nervenarzt) wenden. Eine Psychotherapie wird zudem durch Psychologen mit einer Spezialausbildung, den Psychologischen Psychotherapeuten angeboten, die wie die Ärzte die Kosten über die Krankenkassen abrechnen können.

© deutsche-handwerks-zeitung.de 2020 - Alle Rechte vorbehalten