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Psychische Belastungen in der Corona-Krise Depression erkennen: So unterscheidet sie sich von aktuellen Ängsten

Angst um die Gesundheit, Existenznot, Geldfragen: In der Corona-Krise häufen sich bei vielen Menschen die Sorgen. Aber wie unterscheiden sich momentane Ängste von einer schwerwiegenden depressiven Erkrankung? Und welche Auswirkungen hat die Pandemie auf Betroffene? Ein Experte erklärt die Unterschiede und gibt Tipps, was bei einer Depression helfen kann.

Dieser Artikel ist Bestandteil des Themenpakets Coronavirus

Die Corona-Pandemie stellt für die meisten Menschen eine große Herausforderung dar: Unternehmer und Mitarbeiter haben nicht nur Angst um ihre Gesundheit, sie fürchten sich auch davor, in Existenznot zu geraten. Bei vielen steigt die Ungewissheit, Zukunftsängste häufen sich. Besonders schlimm ist diese Zeit für Menschen, die an einer Depression oder anderen psychischen Erkrankungen leiden. Nicht nur der Virus, auch die damit einhergehenden Maßnahmen machen ihnen zu schaffen. "In der Corona-Krise ist die Versorgung für depressive Menschen runtergefahren: Ressourcen sind blockiert, stationäre Behandlungen werden verschoben“, sagt Prof. Ulrich Hegerl, Vorsitzender der Stiftung Deutsche Depressionshilfe und Inhaber der Senckenberg-Professur an der Goethe Universität Frankfurt am Main.

Viele Betroffene würden sich zudem zurzeit keine Hilfe suchen, weil sie nicht zur Last fallen wollen und sich selbst die Schuld geben. "Dabei müssen Depressionen wie alle schweren Erkrankungen weiterhin konsequent behandelt werden und selbstverständlich ist es erlaubt zur Diagnosestellung und Behandlung außer Haus zu gehen", so Prof. Hegerl. Dass die Betroffenen überwiegend Zuhause sind und sich nicht behandeln lassen, kann dem Experten zufolge schlimme Folgen nach sich ziehen: "Ich rechne damit, dass die Maßnahmen, die mit Corona einhergehen, die Suizidzahlen nach oben treiben."

Depression entsteht nicht durch Corona-Krise

2017 starben mehr als 9.200 Menschen in Deutschland an Suizid, wie eine Statistik des Statistischen Bundesamts zeigt. Die Mehrheit der Suizide erfolgt vor dem Hintergrund einer unzureichend behandelten Depression oder anderer psychiatrischer Erkrankungen. Gerade Unternehmer, deren Existenz aufgrund von Covid-19 auf dem Spiel steht, bringt die Sorge um das Virus aus dem psychischen Gleichgewicht. Kann aus ihren Ängsten eine Depression entstehen? "Eher nein", erklärt Prof. Hegerl. "Depression ist eine eigenständige Erkrankung und mehr als eine Reaktion auf schwierige Lebensumstände. Entscheidend ist das Vorliegen einer Veranlagung. Diese kann vererbt sein oder etwa durch Traumatisierungen oder Missbrauchserlebnisse in der Kindheit erworben sein.“

Die Folgen der Corona-Krise lösen bei gesunden Menschen ohne eine entsprechende Veranlagung keine Depression aus. Bei Erkrankten können dem Beginn einer depressiven Episode jedoch äußere Belastungen vorausgehen, die eventuell als Auslöser gewirkt haben. Dazu zählen neben zwischenmenschlichen Konflikten oder Verlusterlebnissen auch Überforderungssituationen, die etwa durch die Corona-Pandemie auftreten können.

Wie unterscheidet sich eine Depression?

Rund acht Prozent der Bevölkerung leiden im Jahr unter einer behandlungsbedürftigen depressiven Krankheitsphase. Doch wie lässt sich eine Depression von Bedrückung, Sorge und Ängsten – ausgelöst durch die Corona-Krise – unterscheiden? "In einer Depression wird alles Negative im Leben vergrößert wahrgenommen und ins Zentrum gerückt, und das kombiniert mit Hoffnungslosigkeit und tiefer Erschöpfung“, erklärt Prof. Hegerl. Betroffene empfänden eine alle Lebensbereiche umfassende Freudlosigkeit, die sich stark von bekannten Gefühlen wie Stress oder Trauer unterscheide. Die Menschen fühlen sich innerlich wie versteinert und können keine Gefühle mehr wahrnehmen. Schuldgefühle, eine dauerhafte körperliche Anspannung und der Gedanke, versagt zu haben, sind typische Anzeichen für eine Depression. Auch Appetitlosigkeit, Erschöpfung und schlechter Schlaf, der geprägt ist durch häufiges Aufwachen, zählen zu den Symptomen. "Viele der Betroffenen leiden auch unter einem starken Morgentief, das heißt, morgens ist die Depression besonders stark ausgeprägt. Schlaf führt bei depressiv Erkrankten meist nicht zu Erholung, sondern erstaunlicher Weise zu einer Zunahme der Depression“, erläutert der Experte.

Das hilft Betroffenen in Zeiten von Corona

Deshalb sei es laut Prof. Hegerl gerade in der Corona-Krise wichtig, morgens nicht lange im Bett zu bleiben – auch, wenn viele Menschen nicht zwingend aufstehen müssen: "Depressive Menschen sollten möglichst ihren festen Tag-Nacht-Rhythmus beibehalten. Sie sollten die Zeit im Bett nicht über circa acht Stunden ausdehnen. Das ist aber wie viele gute Ratschläge in der Depression leicht gesagt und schwer getan.“ Längere Bettruhe könne zu einer Zunahme des Erschöpfungsgefühls führen.

Unterstützend kann auch ein Tages- bzw. Wochenplan sein, in dem Betroffene detailliert aufschreiben, wie sie ihre Zeit füllen – hier können sie etwa spezielle Stunden fürs Musikhören, Telefonate oder Sport einplanen. "Erkrankte sollten sich beschäftigen, aktiv bleiben und das Gespräch mit Freunden und Familie suchen“, sagt Prof. Hegerl. "Der Austausch hilft, vor allem über Themen abseits von Corona. Bewegung in, und falls man nicht unter Quarantäne steht, außerhalb der Wohnung, ist zu empfehlen. Bei schwereren Depressionen ist es den Betroffenen aber oft bei bestem Willen nicht möglich, derartige Ratschläge umzusetzen.“ Hilfreiche Angebote wie das Online-Tool I fight depression der Stiftung Deutsche Depressionshilfe können eine Unterstützung beim Aufbau einer Tagestruktur sein.

Professionelle Behandlung besonders in der Corona-Krise wichtig

Egal, ob leichte, mittelschwere oder schwere depressive Erkrankung: Es ist immer ratsam, sich bei einer Depression professionelle Hilfe zu suchen – auch und gerade in Zeiten von Corona. Arztbesuche sind während der Pandemie weiterhin erlaubt. Wer allerdings Angst hat, aufgrund des Virus das Haus zu verlassen, kann eventuell eine Videosprechstunde in Anspruch nehmen – eine Option, die gerade viele Psychotherapeuten anbieten. Eine Übersicht weiterer hilfreicher digitaler und telefonischer Anlaufstellen für Betroffene zeigt auch der Infokasten.

Hilfsangebote in der Corona-Krise: Diese Anlaufstellen unterstützen bei einer Depression

Für alle, die während der Corona-Zeit das Haus nicht verlassen wollen – diese Anlaufstellen für Betroffene funktionieren auch digital bzw. telefonisch:
  • Psychotherapeuten dürfen Video-Sprechstunden anbieten und mit der Kasse abrechnen – Betroffene sollen bei ihrem PsychotTherapeuten fragen, ob das möglich ist.
  • Ein kostenfreies Online-Programm, dass Betroffene in der Strukturierung ihres Alltages unterstützt, ist ifightdepression (Anmeldung unter ifightdepression@deutsche-depressionshilfe.de, mehr Infos: www.deutsche-depressionshilfe.de/ifightdepression).
  • Erfahrungen können im fachlich moderierten Online-Forum der Stiftung Deutsche Depressionshilfe unter www.diskussionsforum-depression.de ausgetauscht werden. Informationen zum Thema bietet darüber hinaus das deutschlandweite Info-Telefon Depression 0800 33 44 5 33 (kostenfrei).
  • Weitere Hilfe gibt es auch bei der Telefonseelsorge unter 0800/111 0 111 oder 0800/111 0 222 (kostenfrei) .
  • E-Mail-Beratung speziell für junge Menschen findet sich unter www.u25-deutschland.de bzw. www.jugendnotmail.de.

Depression tritt zum ersten Mal auf: Welcher Arzt ist der richtige Ansprechpartner?

Wer das erste Mal vermutet, unter einer depressiven Phase zu leiden, kann sich für Diagnostik und Behandlung zunächst an den Hausarzt oder bei schwereren Depressionen auch direkt ein Facharzt (Psychiater oder Nervenarzt) wenden. Eine Psychotherapie wird zudem durch Psychologen mit einer Spezialausbildung, den Psychologischen Psychotherapeuten angeboten, die wie die Ärzte die Kosten über die Krankenkassen abrechnen können.

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