Ortsbesuch Von Holz und Handwerk: Die Meisterschule Ebern

An der Meisterschule Ebern erhalten angehende Schreinermeister nicht nur handwerkliche Expertise, sondern auch wertvolles betriebswirtschaftliches Wissen und kreative Impulse für eine erfolgreiche Zukunft im Schreinerhandwerk.

Hier ist Teamarbeit gefragt: Sophie und Johanna besprechen den Fortschritt ihres Praxisprojekts.
Hier ist Teamarbeit gefragt: Sophie und Johanna besprechen den Fortschritt ihres Praxisprojekts. - © Jule Müller

Mitten in der Kleinstadt Ebern steht ein großes gelbes Gebäude, das sich über mehrere Stockwerke erstreckt und von verschiedenen Bäumen umgeben ist. Vor dem Eingang verrät ein hölzernes Schild, dass sich hier die "Meisterschule für das Schreinerhandwerk" befindet – das rote Logo ist ebenfalls zu sehen. Sobald man durch die große Flügeltür tritt, fällt der Blick auf eine kreative Gestaltung des Eingangsbereichs: Ein kunstvolles Zusammenspiel von Holzlatten, die bis unter die Decke reichen, beeindruckt. Die roten Akzente passen perfekt zum Logo, während das helle Holz der Wand- und Deckengestaltung die Holztür ergänzt. Alles wirkt sehr durchdacht. Dieser Eindruck setzt sich im Treppenhaus fort, wo fantasievolle Kunstwerke von Schülerinnen und Schülern ausgestellt sind. Aus farbenfrohen Holzstücken entstehen thematisch vielfältige Motive.

Frauenpower im Schreinerhandwerk

Johanna Reinwand, eine Schülerin des 80. Jahrgangs, besucht derzeit das zweite Fachsemester. Als eine von nur fünf Frauen in einem Kurs von 17 Männern gehört sie zur Minderheit, doch das stört sie keineswegs. Gemeinsam mit ihrer Mitschülerin Sophie arbeitet sie an einer Projektarbeit im Fach "Gestalten und Konstruieren". "Wir verstehen uns sehr gut und machen jedes Projekt zusammen", erklärt Johanna, und beide müssen lachen. Die praxisorientierten Projekte bereiten beiden viel Freude.

Im Rahmen dieser Gruppenarbeit kooperiert die Meisterschule mit der Berufsschule Coburg. Die Aufgabe besteht darin, Entwürfe zur Optimierung von Raumkonzepten für verschiedene Aufenthaltsbereiche zu entwickeln. "Das Projekt hat einen hohen Anspruch und ist arbeitsintensiv", räumt Fachlehrer Stefan Andritschke ein. "Aber bei der Zwischenpräsentation haben die Schülerinnen und Schüler bereits beeindruckende Vorschläge gezeigt." In Praxisprojekten wie diesen werden nicht nur handwerkliche, sondern auch fächerübergreifende Kompetenzen vermittelt. Neben dem Konstruieren und Entwerfen der Vorschläge stehen unter anderem die Kommunikation mit Kunden und Präsentationstechniken auf dem Lehrplan. Auch Kostenkalkulation und Angebotserstellung gehören dazu.

Die beiden Meisterschülerinnen Johanna und Sophie auf dem Weg ins Klassenzimmer und zum Unterricht.
Die beiden Meisterschülerinnen Johanna und Sophie auf dem Weg ins Klassenzimmer und zum Unterricht. - © Jule Müller

Theorie und Praxis vereint im Lehrplan

Die Vermittlung betriebswirtschaftlicher Kenntnisse spielt eine zentrale Rolle in der Ausbildung an der Schreiner-Meisterschule. Johanna ist von den betriebswirtschaftlichen Fächern begeistert: "Was wir in diesen Fächern lernen, finde ich sehr interessant." Die 23-Jährige könnte sich später vorstellen, auch Büroaufgaben zu übernehmen oder sogar eine (Teil-) Selbstständigkeit zu wagen. Ihre Schreinerlehre absolvierte sie in einem mittelständischen Betrieb, der auf Inneneinrichtungen für Wohnmobile spezialisiert ist. Hier konnte sie ihr Hobby mit der Arbeit verbinden – in ihrer Freizeit geht sie gerne campen und träumt davon, bald ihr eigenes Wohnmobil auszubauen.

Der praktische Teil ihrer Ausbildung bereitet ihr großen Spaß. An der Meisterschule in Ebern verbringt sie einen Tag pro Woche in der Werkstatt, um den Umgang mit verschiedenen Maschinen zu erlernen. Denn die Aufgaben eines Schreinermeisters erfordern weit mehr als nur exzellente handwerkliche Fähigkeiten. Der Lehrplan umfasst auch Werkstoffkunde sowie Fertigungs- und Oberflächentechnik. Ergänzt wird das Ganze durch berufs- und arbeitspädagogische Themen, die für die Ausbildung zukünftiger Fachkräfte unerlässlich sind.

Karriereziele im Visier

Besprechung des Projektfortschritts: Sophie und Johanna zeigen Fachlehrer Stefan Andritschke ihre Ausarbeitungen.
Besprechung des Projektfortschritts: Sophie und Johanna zeigen Fachlehrer Stefan Andritschke ihre Ausarbeitungen. - © Jule Müller

"Viele unserer Schülerinnen und Schüler streben eine Selbstständigkeit oder die Übernahme des elterlichen Betriebs an", erklärt Schulleiter Oliver Dünisch. "Das Schreinerhandwerk zählt zu den sogenannten A-Gewerken, weshalb hier der Meisterzwang gilt." Der Erwerb der allgemeinen Hochschulzugangsberechtigung durch den Meisterbrief ist ebenfalls ein Grund, weshalb einige die drei Semester an der Fachschule absolvieren. Johanna selbst ist mit dem Ziel gekommen, ihre Kenntnisse aus der Schreinerlehre zu vertiefen und sich zusätzliche Karrieremöglichkeiten zu erschließen. Vieles konnte sie in Ebern zum ersten Mal ausprobieren, auch die Arbeit mit dem CAD-Programm war neu für sie. Beim Projekt mit der Berufsschule Coburg hat sie nun die Gelegenheit, ihr Wissen direkt in die Praxis umzusetzen.

Etwa die Hälfte der rund 60 Schülerinnen und Schüler kommt aus Bayern, der Großteil davon aus Unter- und Oberfranken und somit aus der Umgebung von Ebern. Johanna kommt aus Theres (Landkreis Haßberge) und pendelt zur Schule. Viele nutzen auch das 2018 in moderner Holzbauweise neu errichtete Wohnheim, das direkt an die Schule angeschlossen ist. Studiengebühren fallen keine an, lediglich ein Budget für Materialgeld, Lehrbücher oder Fachexkursionen muss eingeplant werden. Nach etwa 18 Monaten Schulzeit folgt die Meisterprüfung (Theorie und Praxis), die von der Handwerkskammer Unterfranken durchgeführt wird, sowie der Bau eines Meisterstücks. Johanna hat bereits eine grobe Vorstellung, aber noch etwas Zeit, bevor es an die Umsetzung geht. Ihr heutiger Schultag ist erstmal beendet und sie macht sich zusammen mit ihrer Mitschülerin Sophie auf den Nachhauseweg.

Dieser Beitrag ist im Rahmen eines Reportage-Projekts des Master-Studiengangs Fachjournalismus und Unternehmenskommunikation an der Technischen Hochschule Würzburg-Schweinfurt entstanden. Die Deutsche Handwerks Zeitung ist Kooperationspartner für dieses Seminar.