Das deutsche Handwerk bildet in den deutschen Verteidigungsplänen eine "Second Line of Defense“. Welche Rolle die Betriebe im Konfliktfall spielen könnten und warum sich auch das Handwerk gut vorbereiten muss.
Das deutsche Handwerk ist eine tragende Säule der wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Stabilität. Mit etwa sechs Millionen Mitarbeitenden und über einer Million Betrieben – überwiegend kleinen und mittelständischen Unternehmen – sorgt das Handwerk täglich dafür, dass Versorgungsketten funktionieren und kritische Dienstleistungen zuverlässig erbracht werden. Gleichzeitig wächst die digitale Vernetzung der Betriebe rasant: Produktions- und Verwaltungsprozesse werden digitalisiert, Maschinen und Anlagen sind vernetzt, Kundendaten und Betriebsabläufe zunehmend IT-gestützt.
Damit rücken IT- und Cybersicherheit und betriebliche Resilienz immer mehr in den Mittelpunkt unternehmerischer Verantwortung. Cyberangriffe, Systemausfälle, Lieferkettenstörungen sowie Störungen und Sabotage gefährden auch Handwerksbetriebe bereits heute schon unmittelbar in ihrer Leistungs- und Wettbewerbsfähigkeit.
Hinzu kommt, dass sich das sicherheitspolitische Umfeld in Deutschland und Europa seit dem völkerrechtswidrigen russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine grundlegend verändert hat. Russland ist und bleibt eine reale Bedrohung für Deutschland und damit auch für unsere Wirtschaft und das Handwerk. Frieden, Freiheit und die demokratische Grundordnung sind keine Selbstverständlichkeit.
Täglich sieht sich Deutschland hybriden Bedrohungen und Angriffen wie Desinformation, Fake News, Cyberangriffen, Spionage und Sabotage ausgesetzt. Auch wenn diese Ereignisse in ihrer Urheberschaft nicht immer eindeutig zugeordnet werden können, so liegen deren Effekte doch zumeist in russischem Interesse. Diese Entwicklungen nehmen täglich zu – sowohl in ihrer Quantität als auch in ihrer Qualität. Zudem strebt Russland danach, eine strategische Option zu erlangen, um in einigen Jahren in der Lage zu sein, potentiell einen so genannten großmaßstäblichen Krieg erfolgreich auch gegen die NATO führen zu können.
Der Operationsplan Deutschland (OPLAN DEU)
In diesem großen Zusammenhang ist der OPLAN DEU eine Antwort auf diese sich fundamental veränderte Sicherheits- und Bedrohungslage und bildet das militärische Kernelement der Gesamtverteidigung Deutschlands. Ziel des OPLAN DEU ist es, mit festgelegten Verfahren, Abläufen und Zuständigkeiten sowie Vorkehrungen im gesamten Spektrum von Frieden über die Krise bis hin zum Krieg zur Abschreckung sowie Verteidigungsfähigkeit beizutragen und unsere Bündnisverpflichtungen verlässlich zu erfüllen. Deutschland hat aufgrund seiner geostrategischen Lage im Herzen Europas eine Schlüsselrolle. Als "Drehscheibe“ für den Aufmarsch der alliierten Kräfte zum Zwecke der Abschreckung und nötigenfalls Verteidigung an der NATO-Ostflanke stehen wir im besonderen Fokus Russlands.
Der Plan wird in der Verantwortung des Operativen Führungskommandos der Bundeswehr stetig an die aktuellen Herausforderungen angepasst und weiterentwickelt. Das Dokument unterstreicht dabei jedoch immer eine entscheidende Kernaussage: Verteidigung ist eine gesamtstaatliche und gesamtgesellschaftliche Aufgabe.
Rolle des Handwerks in der Verteidigung Deutschlands
Vor diesem Hintergrund ist es auch für alle privaten Firmen deshalb entscheidend, ihre Widerstandsfähigkeit im eigenen Bereich zu stärken und zu optimieren. Alle müssen in Vorbereitung auf mögliche Krisen und Konflikte ihre verwundbaren Punkte im Unternehmen identifizieren und durchdenken – dazu gehört auch die IT-Sicherheit und der Schutz kritischer Infrastrukturen. Auch Handwerksbetriebe müssen für sich Krisenpläne erstellen bzw. überarbeiten und vor allem müssen sie diese regelmäßig üben und fortlaufend anpassen, damit in einer Krise die Abläufe eingespielt und mögliche Engpässe bereits vorab erkannt und bereinigt werden können.
Als eine wirksame "Second Line of Defense" leistet das Handwerk einen entscheidenden Beitrag für wirtschaftliche Stabilität, Vertrauen und Zukunftsfähigkeit. Im Krisen- und Kriegsfall ist davon auszugehen, dass die Großindustrie zuerst betroffen sein wird. Hier muss dann das Handwerk mit seinem Fähigkeitsportfolio zum Tragen kommen: die Schäden der Großindustrie beseitigen, regional und lokal Ausfälle abfedern und damit zur bestmöglichen Aufrechterhaltung des "normalen Alltags“ beitragen. Gleichwohl muss bei all den Menschen, die in diesem Bereich arbeiten, schon jetzt mitgedacht werden, ob sie in ihrer Freizeit nicht auch ehrenamtlich tätig sind, wie z.B. bei einer Blaulichtorganisation oder beordert als Reservistin bzw. Reservist der Bundeswehr und daher im Fall der Fälle an anderer Stelle eingesetzt werden können oder gar müssen.
Hinzu kommen Menschen mit mehr als nur der deutschen Staatsbürgerschaft – auch diese stehen dann ggf. nicht zur Verfügung, weil sie in ihren Heimatländern unter Umständen der Wehrpflicht unterliegen oder Deutschland aufgrund der sich verschlechternden sicherheitspolitischen Lage verlassen. Bereits jetzt wird an Lösungen für mögliche Abfragen über die Verfügbarkeit der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer im Krisen- oder Kriegsfall gearbeitet. Dies trifft auch auf die Unabkömmlichstellung (Uk-Stellung) zu, die hierbei von besonderer Bedeutung ist. Streben Arbeitgebende eine Uk-Stellung von mitarbeitenden Wehrpflichtigen oder Dienstleistungspflichtigen an, so wird dies gegenüber der vorschlagsberechtigten Behörde benannt. Diese schlägt bei ausreichender Begründung der zuständigen Wehrersatzbehörde vor, den Mitarbeitenden unabkömmlich zu stellen. Nach erfolgter Einzelfallprüfung entscheidet die Wehrersatzbehörde über diese Uk-Stellung. Dieses Verfahren gilt jedoch derzeit nur, wenn die Bundesregierung den Bereitschaftsdienst angeordnet oder der Spannungs- oder Verteidigungsfall festgestellt hat. Daher wird daran gearbeitet, die Uk-Stellung bereits heute vornehmen zu können.
Resilienz ist ein Wettbewerbsfaktor
Das Schlüsselwort ist Resilienz. Deutschland muss widerstandsfähiger werden, "Schocks" absorbieren können und bereits jetzt, vor einer schwerwiegenden Krise oder gar einem Krieg, Abhängigkeiten verringern und dazu Robustheit, Redundanzen, Reserven sowie Reparaturfähigkeiten schaffen. Dies ist auch eine Lehre aus dem Krieg in der Ukraine. Daher ist Resilienz inzwischen ein Wettbewerbsfaktor. Kunden – insbesondere öffentliche Auftraggeber und größere Industrieunternehmen – erwarten zunehmend den Nachweis, dass ihr Dienstleister Cyber-Risiken beherrscht und auch im Krisenfall handlungsfähig bleibt. Damit ist das Handwerk als "Second Line of Defense" für Deutschland nicht nur ein Instrument der Risikosteuerung, sondern auch ein Baustein für Stabilität, Marktchancen und langfristige Wettbewerbsfähigkeit. Das Vertrauen in das deutsche Handwerk, seine Fähigkeiten und die hier arbeitenden Menschen ist hoch. Mit Blick auf die sicherheits- und weltpolitische Lage gilt es für das Handwerk nun, sich entsprechend aufzustellen, damit dieses Vertrauen auch in Zukunft zurecht erhalten bleibt.
Der Autor: Generalleutnant André Bodemann ist Stellvertreter des Befehlshabers des Operativen Führungskommandos der Bundeswehr, Kommandeur Territoriale Aufgaben und damit zuständig für die Ausarbeitung des "Operationsplans Deutschland".
