In Zeiten der Corona-Pandemie sind die Mengen an Verpackungsmüll in Deutschland gesunken – allerdings nur beim gewerblichen Abfall. Lässt sich dieser Effekt vielleicht ausbauen? Ein Verpackungsmüllexperte erklärt, wie das Entsorgungssystem beim Gewerbeabfall funktioniert und wie man auch hier weiter Verpackungen reduziert.

Während die privaten Haushalte in Zeiten der Lockdowns und Homeoffice-Pflichten mehr Verpackungsmüll produzierten, ist im gewerblichen Bereich genau das Gegenteil passiert: Aufgrund der Produktionsrückgänge sanken die Mengen an Verpackungen, die Industrie und Gewerbe genutzt und entsorgt haben. Zwar ist das eine logische Folge, aber dennoch ist die Frage, ob und wie der Effekt vielleicht gehalten werden kann. Kann man ihn weiterentwickeln, so dass die Menge an Verpackungsmüll aus Industrie und Gewerbe auch langfristig niedrig bleibt? Wenn ja, was wäre dafür notwendig?
Verpackungsmüll bei Gewerbe und Industrie sinkt
Zahlen zu diesem Thema hat erst kürzlich das Umweltbundesamt (UBA) veröffentlicht. Sie beziehen sich auf das Jahr 2020 und die Zeit, in der die Corona-Pandemie vorherrschend war – und mit ihr das Herunterfahren des öffentlichen Lebens und ein Produktionsrückgang in Verbindung mit Kurzarbeit der Wirtschaft. Die Zahlen zeigen insgesamt ein Absinken der Verpackungsmüllmengen, das sich jedoch in einen kleinen Anstieg in den privaten Haushalten und einen Rückgang beim gewerblichen Abfall von Verpackungen aufteilen lässt.
So meldet das UBA, dass die Corona-Pandemie in den privaten Haushalten zu einem höheren Verbrauch an Verpackungen führte, da mehr zu Hause konsumiert wurde. Vor allem Versand- und Essensverpackungen, aber auch verstärkt Flaschen für Desinfektions- und Reinigungsmittel, landeten in den gelben Säcken. Sie produzierten wieder steigende Abfallmengen an Kunststoffverpackungen. So ging der Verbrauch dieser Verpackungen 2020 wieder nach oben, nachdem er 2019 erstmals gesunken war. 2020 entstanden in den Haushalten 2,1 Millionen Tonnen Verpackungsmüll aus Kunststoffen. Außerdem zeigt sich hier der Trend zum Heimwerken, denn der bisher rückläufige Weißblechverbrauch stieg im Jahr 2020 um 7,3 Prozent an. In diesen Verpackungen werden Farben, Lacke oder Lasuren verkauft.
Anders sah es bei den gewerblichen Verpackungsabfällen aus. Hier konstatiert das Umweltbundesamt einen deutlichen Rückgang des Verpackungsverbrauchs im Jahr 2020. Besonders deutlich war dies beim Verbrauch von Verpackungen aus Stahl, etwa Stahlfässer, Stahlpaletten oder Stahlbänder zu registrieren. Hier nahm der Verbrauch laut UBA um zehn Prozent ab. Ähnliches meldet es bei Holzverpackungen wie Paletten oder Kisten zu verzeichnen mit einer Abnahme des Verbrauchs um 6,6 Prozent.
Viel Verpackungsmüll: Hohe Ausgaben auch beim Gewerbe
Beide Bereiche zeigen, dass es sich bei den Verpackungen vor allem um Transport-, Pack- und Lagerverpackungen handelt, die klar mit der Produktion von Waren zusammenhängen. Und diese haben eine ganz andere Funktion, als die Verpackungen, die in privaten Haushalten landen und für den Endverbraucher produziert sind. "Dort haben Verpackungen eine Werbefunktion und sie sind entsprechend gestaltet", berichtet Gerhard Kotschik, Verpackungsexperte beim UBA. Diese Funktion steht bei Industrie und Gewerbe im Hintergrund. "Hier geht es ums reine Verpacken und auch um den Schutz beim Transport", erklärt Kotschik. Deshalb seien Verpackungen im gewerblichen Bereich auch reduzierter und möglichst einfach gehalten in Form und Farbe.
Das Reduzierte gilt aber auch für die Verpackungen an sich, denn diese verursachen Kosten. "Verpackungen bedeuten für die Firmen Ausgaben und so gehen die meisten eher sparsam damit um", sagt der Experte als Erklärung dafür, warum der Privatsektor auch mehr im Fokus steht, die Müllmengen zu reduzieren.
Die Kosten der Unternehmen für Verpackungen entstehen wiederum sowohl dann, wenn sie sie selbst verwenden zum Verpacken, als auch für die Entsorgung bzw. den Umgang mit dem Verpackungsabfall, der beim Einkauf von Rohstoffen entsteht. Auch Industrie und Gewerbe bezahlen schließlich Abfallgebühren und haben die ähnlichen Möglichkeiten wie Verbraucher über eine gute Mülltrennung Gebühren zu sparen. Rohstoffe, die einem Recycling zugeführt werden können und die getrennt gesammelt werden, lassen sich meist kostenlos entsorgen. Dazu kommt, dass die Mülltrennung dann einfacher zu organisieren ist, wenn von einem Abfallstoff große Mengen anfallen. "Dann kann man sie sortenrein sammeln und später viel besser recyceln", erklärt Gerhard Kotschik.
Haushalte und Gewerbe: Zwei Systeme der Müllentsorgung
Vergleicht man das Aufkommen an Verpackungsmüll zwischen Haushalten und Gewerbe, muss man aber auch berücksichtigen, dass das System der Entsorgung und Verwertung in beiden Bereichen unterschiedlich organisiert ist. So gilt im dualen System des Mülls der privaten Endverbraucher: Die Hersteller bringen die Verpackungen mit ihren Produkten in den Umlauf und sie bezahlen für die Verpackungen ein Beteiligungsentgelt an ein duales System. Dieses organisiert und finanziert im Gegenzug die Sammlung, Sortierung und Verwertung der Verpackungsabfälle von privaten Endverbrauchern.
So sind die dualen Systeme gesetzlich verpflichtet Recyclingquoten zu erfüllen für die bei ihnen beteiligten Mengen. Für die unterschiedlichen Materialien gibt es unterschiedliche Quoten. Die Quote für Kunststoff lag 2021 bei 58,5 Prozent und steigt für 2022 auf 63 Prozent. Das gibt das Verpackungsgesetz vor. So wird immer mehr verpflichtend recycelt.
Recyclingquoten auch für den gewerblichen Verpackungsmüll notwendig
Diese dualen Systeme gibt es so aber nicht für den gewerblichen Verpackungsmüll. Zwar müssen diejenigen, die Verpackungen herstellen und vertreiben diese zurücknehmen und verwerten. Aber es gibt für diesen Abfall nach Aussage von Gerhard Kotschik keine Quotenregelungen und damit keine Festlegungen, wie viel davon ins Recyclingsystem gelangen muss. "Die Einführung der Quote war im privaten Bereich drängender, aber nun müssen wir prüfen wie wir auch in Industrie und Gewerbe weitere Verbesserungen erzielen können. Wir gehen davon aus, dass es auch in diesem Bereich noch Potentiale für die Stärkung des Recyclings gegenüber der energetischen Verwertung gibt", sagt Gerhard Kotschik. Das UBA wird in einem Forschungsvorhaben Hemmnisse und Optimierungspotenziale für diesen Bereich untersuchen und Maßnahmen und Instrumente die zur Hebung der Potenziale beitragen können erarbeiten.
Was sich beim gewerblichen Verpackungsabfall außerdem positiv auf die Bilanz auswirkt, ist die bereits verbreitere Verwendung von Mehrwegsystemen – wie etwa bei den Paletten oder Transportboxen. Doch auch das könnte noch ausgebaut werden, gibt Kotschik als Tipp, um bei der Reduzierung von Gewerbeabfällen noch weiter voranzukommen. "Es geschieht schon viel, aber es kann noch mehr sein", sagt der Experte. Durch stabile Mehrwegverpackungen ließen sich neben den Einwegverpackungen auch Folien vermeiden, die ansonsten oft massenweise als Transportsicherung um die palettierten Verpackungen gewickelt werden.