Gastkommentar Verbrennerverbot: Ein Schnellschuss, der kein Selbstläufer ist

Ab 2035 droht dem Verbrennermotor das Aus in der Europäischen Union. Die Frage ist, ob das umstrittene Verbrennerverbot den Kohlendioxidausstoß nach 2035 tatsächlich deutlich verringern wird und ob das Gesetz wie geplant umgesetzt werden kann. Es fehlt an sauberem Strom und seltenen Metallen.

Kann das Verbrennerverbot 2035 umgesetzt werden? Adrian Roestel, Leiter für Porfoliomanagement bei Huber, Reuss & Kollegen Vermögensverwaltung in München, hat Zweifel. - © Taechit - stock.adobe.com

Ein E-Auto rollt nur dann klimasauber über die Straßen, wenn es an den Ladestationen mit grünem Strom geladen wird. Dies ist in Deutschland nicht der Fall. Im Gegenteil: Durch den Ukrainekrieg ist der Kohleanteil bei der Erzeugung von Strom wieder gestiegen.

Zudem stellt sich die Frage, ob die EU ausreichend Zugang zu Ressourcen hat, damit 2035 die geplanten neun Millionen E-Autos pro Jahr produziert werden können. Aktuelle Modelle verbrauchen noch doppelt so viel Kupfer und Mangan wie ein Verbrenner. Hinzu kommen große Mengen an Graphit, Nickel, Kobalt und Lithium. Mit über 21 Million Tonnen gibt es zwar genügend Lithium. 2020 wurden aber weltweit nur 82.000 Tonnen gefördert. In zehn Jahren werden mehr als 550.000 Tonnen pro Jahr benötigt, um den Bedarf zu decken. Es drängt die Zeit, neue Förderprojekte anzustoßen.

Um Lithium für Batterien verwenden zu können, muss es in Lithiumhydroxid umgewandelt werden. Bislang kommt das Material in der nötigen Reinheit fast ausschließlich aus China. Die weltweit größten Lithiumreserven gibt es in Bolivien, Argentinien und Chile. Kobalt wiederum wird zu 70 Prozent aus dem Kongo geliefert. Um nicht wieder in eine starke Abhängigkeit bei einzelnen Rohstoffen zu geraten, wird versucht, die Wertschöpfungskette bei der Batterieherstellung breiter anzulegen.

Verbrennerverbot: Entwarnung für Autohersteller

Mit ihrer Entscheidung zum Verbrennerverbot steht die EU weltweit alleine da. China will erst ab etwa 2060 keine Autoemissionen mehr zulassen, ab 2030 sollen 40 Prozent der verkauften Autos Elektro oder Hybrid sein. Indien, wo 2020 nur 4.000 E-Autos verkauft worden sind, steht ebenfalls erst am Anfang der Entwicklung. In Lateinamerika werden Elektroautos wegen der schlechten Infrastruktur und der hohen Preise vorerst keine Rolle spielen. Brasilien setzt seit Jahren auf Biokraftstoffe. Auch in den USA ist kein Verbrenner-Aus geplant. Dort konzentriert sich das Wachstum in der Elektromobilität vor allem auf die Ballungsgebiete an der West- und Ostküste. Vor diesem Hintergrund werden die großen Autohersteller den Bau von Verbrennermotoren gar nicht einstellen können.

Aufgrund der Knappheit bei Batterierohstoffen, dem äußerst dünnen Ladenetz und der Frage, ob bis 2035 ausreichend grüner Strom zum Laden der Elektroautos verfügbar ist, gibt es große Zweifel, ob die EU ihre selbst gesteckten Ziele erreichen kann. Daher wären eine längere Übergangszeit, eine größere Flexibilität und ein umfassenderer Blick auf die CO2-Bilanz von E-Autos empfehlenswert. Eine Lösung könnten moderne Hybridautos sein – elektrisch in der Stadt und mit Verbrenner auf Landstraßen und Autobahnen sind sie verbrauchsarm.

Zum Autor: Adrian Roestel ist Leiter Portfoliomanagement bei der Huber, Reuss & Kollegen Vermögensverwaltung GmbH in München.