Ein familienfreundliches Arbeitsumfeld muss nicht teuer sein, kann aber viel bewirken. Die Schreinerei Peter geht mit gutem Beispiel voran. Ideen für mehr Väterfreundlichkeit.

Bei der Schreinerei Peter in Viechtach gibt es für werdende Mütter und Väter das sogenannte "Windelgeld". "Wenn ein Mitarbeiter Nachwuchs bekommt, zahlen wir im ersten Jahr die Windeln. Egal, ob es das erste, zweite oder dritte Kind ist", sagt Inhaber Stefan Peter. Das "Windelgeld" ist eines von vielen familienfreundlichen Angeboten, die der bayerische Betrieb seiner Belegschaft macht. Flexible Arbeitszeitmodelle, Vier-Tage-Woche, individuell vereinbarte Arbeitszeiten, Firmenevents mit der Familie und vieles mehr gehören dazu. Für seine Kreativität in Sachen Familienfreundlichkeit wurde das Unternehmen sogar ausgezeichnet. Im Rahmen des Familienpaktes Bayern wurde das Unternehmen zu einem der 20 familienfreundlichsten Unternehmen Bayerns gewählt.
Schreinermeister Peter trifft mit seinem familienfreundlichen Angebot einen Nerv – vor allem bei seinen überwiegend männlichen Angestellten. Erst vor kurzem habe er wieder vier neue Fachkräfte einstellen können. Damit ist das 1977 von Senior Paul Peter als Ein-Mann-Betrieb gegründete Unternehmen, das sich auf die Herstellung von Bahnküchenverkleidungen spezialisiert hat, innerhalb weniger Jahre auf insgesamt 45 Mitarbeiter angewachsen.
Väterfreundlichkeit: Der Wunsch nach einem familienfreundlichen Arbeitgeber ist groß
Einen Job, der Beruf und Familie gut miteinander vereint. Das ist für viele Mitarbeiter attraktiv. Und das wünschen sich sowohl weibliche als auch männliche Arbeitnehmer, belegen Studien. Etwa der aktuelle Unternehmensmonitor Familienfreundlichkeit des Instituts der deutschen Wirtschaft Köln. Demnach ist für rund 80 Prozent der Beschäftigten ein familienfreundlicher Arbeitgeber wichtig. Und zwar unabhängig von den eigenen Betreuungsverpflichtungen.
Der Väterreport 2023 des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend nimmt speziell die Väter in den Blick. Er zeigt etwa, dass sie sich viel stärker als früher eine partnerschaftlich organisierte Aufgabenteilung in der Familie wünschen. Nur ein knappes Drittel der Väter sagt, dass sie genug Zeit für ihre Familie und ihre Partnerin haben. Ein knappes Viertel wünscht sich viel mehr Zeit für die Familie, 42 Prozent wünschen sich zumindest etwas mehr Zeit.
Joachim Lask kennt den Wunsch der Väter und weiß, dass es sich für Unternehmen lohnen kann, seinen Mitarbeitern hier entgegenzukommen. Ein familienfreundlicher Betrieb gewinne nicht nur einfacher Fachkräfte, sondern binde Mitarbeiter auch langfristig an sich. Ein Irrtum sei, dass Familienfreundlichkeit viel Geld koste. Die wirksamste und zugleich günstigste familienfreundliche Maßnahme liege im Handwerkschef selbst: die Glaubwürdigkeit seiner Familienfreundlichkeit. "Merkt ein Vater, dass sich der Arbeitgeber tatsächlich darüber freut, dass er ein Baby bekommt, dann ist es viel einfacher rechtzeitig über die private und berufliche Karriere zu sprechen. Diese Sicherheit und Wertschätzung honorieren Väter häufig auch damit, für weniger Geld in einem Unternehmen zu arbeiten", so der Diplom-Psychologe.
Warum es sich lohnt, Väter zu beschäftigen
Handwerksbetriebe mit kleinen Teams sind hier klar im Vorteil, meint Lask: "Sie sind viel näher dran an den Auswirkungen der Vaterschaft und können schneller passend reagieren. Zum Beispiel können Teambesprechungen schnell auf den Vormittag gelegt werden, damit Eltern teilnehmen können. In einem großen Unternehmen muss eine solche Entscheidung mehrere Ebenen durchlaufen, bevor sie umgesetzt werden kann."
Lask ist selbst Vater und kennt die Bedürfnisse arbeitender Väter aus beiden Positionen: Mitarbeit und Führung. Da das Thema immer mehr an Bedeutung gewinnt, hat er bereits 2003 das WorkFamily-Institut gegründet. Seitdem berät er Unternehmen, die sich familienfreundlicher aufstellen wollen. Auch forscht er gemeinsam mit Einrichtungen wie der Goethe-Universität Frankfurt rund um Themen wie Elternkompetenzen im Job. In einer Studie hat er herausgefunden, dass Eltern glauben, mit den Aufgaben in der Familie Fähigkeiten zu lernen, die auch Arbeitgeber fordern und die davon profitieren können. "Oft ist es einem gar nicht bewusst, aber mit der Geburt eines Kindes passiert ja etwas ganz Großes im Leben. Man muss sein Leben ganz neu organisieren und managen, lernt etwa Konfliktfähigkeit, Anleiten und Geduld. Natürlich bringt das auch im Beruf weiter", erklärt er.
Wie können sich Betriebe väterfreundlicher aufstellen?
Wie Lask ist auch Martin Noack der Meinung, dass Handwerksbetriebe nicht nur auf einzelne familienfreundliche Maßnahmen setzen sollten. Es gehe darum, eine familienfreundliche Kultur im Betrieb zu schaffen. "Die Vereinbarkeit von Beruf und Familie ist eine ganz wesentliche Mitarbeiterbindungsstrategie", sagt er. Noack coacht nicht nur Führungskräfte in diesem Bereich, sondern ist auch Co-Founder von Vaterwelten, einer Community-Plattform, auf der Väter in ihrer Familienkompetenz gestärkt werden und sich austauschen können. Kürzlich wurde das junge Start-up mit dem Krefelder Gründerpreis ausgezeichnet.
Warum sich viele Arbeitnehmer einen familienfreundlichen Arbeitgeber wünschen, weiß Noack aus eigener Erfahrung. Als seine heute vierjährige Tochter zur Welt kam, war er noch fest angestellt. Für seinen Job hatte er sich viel Fachwissen angeeignet. Als er sich mehr Zeit für die Familie wünschte, sei sein Arbeitgeber nicht flexibel genug gewesen. Noack kündigte schließlich: "Das war im Prinzip eine Lose-Lose-Situation für alle Beteiligten", erklärt er.
Seiner Erfahrung nach trauen sich vor allem Mitarbeiter in kleineren Handwerksbetrieben nicht, in Elternzeit zu gehen: Aus Angst, dass die Arbeit ohne sie nicht zu schaffen ist. Da könnte es helfen, wenn Arbeitgeber stärker auf die Bedürfnisse berufstätiger Väter eingehen würden. "Man sollte als Chef aktiv kommunizieren, dass es in Ordnung ist, wenn Mitarbeiter zum Beispiel in Elternzeit gehen. Nach dem Motto: 'Du bist Vater und darfst ganz offen mit mir über Deine Bedürfnisse und Wünsche sprechen'", sagt Noack. In einem Gespräch sollten dann individuelle Lösungen für die Situation des Vaters gefunden werden. Ganz wichtig: Das gesamte Team muss miteinbezogen werden. "Es ist sogar besser, wenn der Chef die Lösungen nicht vorgibt, sondern dazu auffordert, diese gemeinsam im Team zu finden. Das stärkt die Selbstverantwortung und -organisation des Teams. Die Belegschaft ist dann meines Erachtens auch künftig gut aufgestellt. Denn sie weiß: Wenn jemand länger ausfällt, können wir zusammenrücken." Diplom-Psychologe Joachim Lask ist derselben Meinung: "Ich möchte, dass Du bei uns arbeitest und dafür bin ich bin auch bereit, etwas zu tun.' Das seinem Mitarbeiter zu sagen, kostet erst einmal kein Geld."
Beispiele von Maßnahmen, die die Väterfreundlichkeit verbessern können
- Flexible Arbeitszeitmodelle, zum Beispiel flexible Vollzeit, variable Teilzeit (auch in Führungspositionen), Lebenszeitkonto (Arbeitszeit oder Arbeitslohn kann angespart werden), Jahresarbeitszeit (Arbeitgeber und Arbeitnehmer vereinbaren eine jährliche Arbeitszeit in Stunden), Vertrauensarbeitszeit, Minijobs
- Ortsunabhängiges Arbeiten: Homeoffice, mobiles oder hybrides Arbeiten, Ausstattung des Arbeitsplatzes in den eigenen vier Wänden
- Andere Arbeitsformen: Jobsharing (der Arbeitsplatz wird mit mehreren Arbeitnehmern geteilt), Workation (Arbeiten auch aus dem Ausland möglich)
- Maßnahmen rund ums Kind: Zuschüsse für die Geburt oder die Kinderbetreuung, Unterstützung bei der Suche nach Kinderbetreuung oder Tagespflege, Eltern-Kind-Büro (Schaffung eines kinderfreundlichen Arbeitsumfelds), Still- und/oder Ruheräume, Ferienbetreuung, Betriebskindergarten, Lohnfortzahlung bei krankem Kind, Sonderurlaub für Väter nach Geburt, Sonderurlaub bei Einschulung, Elternnetzwerke, Firmenevents mit der Familie, Mitarbeiterrabatte (auch als Familienangebote)
- Flexibilität: (virtuelle/hybride) Meetings zu familienfreundlichen Zeiten, Flexibilität in Notfallsituationen, individuell verhandelbare Arbeitszeiten
- Weitere Maßnahmen: Betriebliche Altersvorsorge, Einstellung von Quereinsteigern, unbefristete Arbeitsverträge, Sabbaticals, Chancengleichheit, Unterstützung beim Wiedereinstieg, digitale Infrastruktur, Weiterbildungen
Väterfreundlichkeit: Das geht auch im kleinen Handwerksbetrieb
Dass es sich lohnt, sich an die Bedürfnisse der Mitarbeiter anzupassen, zeigt auch der Elektrotechnikbetrieb e-koris aus Friedberg in Bayern. Er ist ein Beispiel dafür, dass Väterfreundlichkeit auch in kleineren Unternehmen möglich ist. Der Betrieb mit 14 Mitarbeitern hat vor einiger Zeit erfolgreich die Vier-Tage-Woche eingeführt. Gearbeitet wird von Montag bis Donnerstag, jeweils 9,5 Stunden. Freitags haben die Beschäftigten frei.
In einem Porträt des Unternehmensnetzwerkes "Erfolgsfaktor Familie", dem auch e-koris angehört, erklärt der angestellte Elektriker Tim Pankratz, warum er die Vier-Tage-Woche schätzt: "Meine Frau geht jetzt freitags wieder arbeiten. Das heißt, ich kann die Kinderbetreuung übernehmen." Einen Unterschied habe er auch in der Beziehung zu seinen Kindern bemerkt. Als sein Sohn geboren wurde, habe es die Vier-Tage-Woche noch nicht gegeben. "Da merke ich schon: Die Bindung ist ganz anders zur Tochter jetzt."

"Es ist ein Geben und Nehmen"
Schreinerei-Chef Stefan Peter erklärt sein großes Engagement in dem Bereich so: "Ich komme aus einer christlichen Familie und da war ein gutes Miteinander schon immer sehr wichtig." Ihm liegt aber nicht nur die Familienfreundlichkeit am Herzen, sondern allgemein das Wohl seiner Mitarbeiter. Das zeigt er auch auf andere Art und Weise: So zahlt er über Tarif, passt die Gehälter regelmäßig an die Inflation an und bietet seinen Angestellten einen hauseigenen Fitnessraum. Das Einzige, was er dafür von seinen Mitarbeitern fordert, ist eine gewisse Flexibilität, wenn es zum Beispiel zu Auftragsspitzen kommt. Aber auch hier sorge er immer für einen entsprechenden Ausgleich, erzählt Peter.
Natürlich seien so viel Zugeständnisse nicht immer leicht, jeder Mitarbeiter habe seine eigenen Befindlichkeiten, sagt Peter. Aber auch er setze auf eine offene Kommunikation. Und Peter bekommt viel von seinem Team zurück. Zu Weihnachten sei ihm ein riesiger Geschenkkorb überreicht worden, in denen lauter Dinge enthalten waren, über die er im Laufe des Jahres gesprochen hat und die sich seine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter gemerkt haben. "Es ist eben ein Geben und Nehmen", sagt Peter.
Was der Gesetzgeber bei der Väterfreundlichkeit plant
Die Bundesregierung plant, 2024 einen bezahlten Vaterschaftsurlaub einzuführen. Väter sollen dann zwei Wochen lang bezahlt freinehmen können, ohne wie bislang Urlaub oder Elternzeit in Anspruch nehmen zu müssen. Für Mütter ist das kein Thema: Sie werden durch die gesetzlichen Regeln des Mutterschutzes nach einer Geburt ohnehin für einen gewissen Zeitraum bezahlt freigestellt. Noch aber ist der bezahlte Vaterschaftsurlaub nicht dingfest. Es handelt sich um ein Gesetzesvorhaben, das bislang nicht umgesetzt wurde.
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