Die Kleinstadt Glashütte im ostsächsischen Müglitztal genießt den Ruf als Hochburg der deutschen Uhrmacherkunst mit internationaler Strahlkraft. Junge Menschen reißen sich darum, ihre Ausbildung in der Uhrmacherstadt machen zu dürfen.
In Glashütte lieben sie Komplikationen. Was im Krankenhaus eine Katastrophe wäre, spornt die Menschen im ostsächsischen Müglitztal förmlich an. Hier, wo das Herz der deutschen Uhrmacherkunst schlägt, streben Handwerksmeister nach Komplikationen – je mehr, desto besser.
Im Uhrmacherhandwerk gelten Komplikationen als aufwendige Zusatzfunktion eines mechanischen Uhrwerks. Zur Perfektion gebracht hat das die Firma A. Lange & Söhne mit ihrer Grand Complication. Sie gilt seit ihrer Vorstellung im Jahr 2013 als eine der kompliziertesten Armbanduhren der Welt, von der nur sechs Exemplare zum Preis von je zwei Millionen Euro hergestellt wurden. Ein Zeugnis der hohen Kompetenz der Glashütter Feinuhrmacherei, die an einem Sonntag im Dezember 1845 von Ferdinand Adolph Lange begründet wurde und deren Existenz nach dem Ende der DDR vor einer ungewissen Zukunft stand.
Doch mit der Rückkehr von Walter Lange, einem Urenkel des Gründers, und weiteren Investoren gelang es, der Uhrmachertradition neue Impulse zu verleihen. Heute halten wieder neun Unternehmen im Ort den Ruf von Glashütte als Hochburg der Uhrmacherkunst aufrecht, die zusammen etwa 1.700 Mitarbeiter beschäftigen. Mehr als 120 Auszubildende besuchen die staatliche Uhrmacherschule am Ortsausgang, die auch eine überbetriebliche Praxisausbildung anbietet.
Große Nachfrage nach Lehrstellen
Aber viele der angehenden Uhrmacher lernen in einem der fünf ausbildenden Betriebe wie bei der Firma Wempe, die seit 2006 in der restaurierten Sternwarte hoch über dem Müglitztal Armbanduhren und Marinechronometer baut und von der Handwerkskammer Dresden schon als vorbildlicher Ausbildungsbetrieb ausgezeichnet wurde.

Um Bewerbermangel wie in anderen Handwerksbranchen muss sich Ausbildungsleiterin Elisabeth Gläser keine Sorgen machen. Auf die sechs Lehrstellen pro Jahr gibt es zwischen 150 und 200 Interessenten aus ganz Deutschland. "Wir achten auf eine solide Grundlagenausbildung, die nicht auf eine Marke spezialisiert ist. Und wir fördern die individuellen Stärken der Azubis, denen nach der Lehre drei Karrierewege im Unternehmen offenstehen", erklärt Gläser das hohe Ansehen Wempes als Ausbilder.
Die Absolventen können entweder in Glashütte in der Fertigung sowie in einer der beiden Reparaturwerkstätten einsteigen. Oder sie gehen als Serviceuhrmacher in eine der 32 Niederlassungen, die Wempe als exquisite Juwelierkette auf noblen Einkaufsmeilen weltweit unterhält. Erst kürzlich sei ein ehemaliger Lehrling nach New York gegangen.
Maximilian Stolzenberg hat ebenfalls den Weg in eine der Niederlassungen gewählt, betreut als Serviceleiter zusammen mit zwei Kollegen die Kunden in der Hamburger Mönckebergstraße. "Es war genau die richtige Entscheidung. Der Job ist sehr vielseitig. Man weiß nie, wer mit welchem Problem als Nächstes durch die Tür kommt. In der Produktion wäre es mir zu eintönig", sagt der 22-Jährige, der aus Dresden stammt.
Im Jahr 2020 krönte er seinen sehr guten Lehrabschluss mit dem Bundessieg im praktischen Leistungswettbewerb der Uhrmacher. Ein Erfolg, den Wempe-Schüler schon viermal nach Glashütte holten. "In den vergangenen fünf Jahren war einer unserer Lehrlinge immer unter den drei Besten", betont Ausbildungsleiterin Elisabeth Gläser, selbst einst Landessiegerin und Vierte im Bundesfinale. In den vergangenen zehn Jahren stellte Wempe jedes Mal den Landessieger in Sachsen.
Geballte Uhrmacherkompetenz in Glashütte
Anders als die Wempe-Niederlassungen liegt Glashütte abgeschieden im Osterzgebirge. Der Ort strahlt jene Ruhe aus, die Uhrmacher schätzen, wenn sie in ihren Werkstätten Bauteile montieren, die teils dünner sind als ein Haar. Eine knappe Stunde dauert die Bahnfahrt von Dresden. Nach der Ankunft umringt den Besucher geballte Uhrmacherkompetenz. Die drei größten Betriebe keinen Steinwurf voneinander entfernt. Im alten Bahnhofsgebäude hat sich 1990 mit Nomos ein immer noch inhabergeführter Branchenneuling eingerichtet. Schräg gegenüber residieren A. Lange & Söhne, heute zum Luxuskonzern Richemont gehörend, sowie Glashütte Original, Nachfolger der volkseigenen Glashütter Uhrenbetriebe (GUB), unter deren Dach zu DDR-Zeiten alle Uhrmacherbetriebe zwangsverstaatlicht wurden.
Offiziell heißt das Unternehmen Glashütter Uhrenbetrieb GmbH und gehört zur Schweizer Swatch-Gruppe, die über eine Stiftung das Deutsche Uhrenmuseum unterhält. Gleich hinter dem Eingang empfängt ein Wunderwerk der Technik die Besucher. Die astronomische Kunstuhr von Hermann Goertz, die der Tüftler über Jahrzehnte hinweg aus mehr als 1.700 Einzelteilen gebaut hat, besticht mit 17 Komplikationen. Das öffentliche Aufziehen der 2,5 Meter hohen Standuhr bestaunen jeden ersten Donnerstag im Monat dutzende Gäste aus dem In- und Ausland. Anschließend können sie im Haus wie auf einem Zeitstrahl der Geschichte der Uhrenfabrikation in Glashütte folgen.
Gründer eröffnen neue Uhrenmanufaktur
Im letzten Raum dürfen die neun Manufakturen des Ortes eine Auswahl ihrer Uhren präsentieren. "Womöglich müssen wir hier ja bald eine weitere Vitrine aufnehmen", mutmaßt Museumssprecher Michael Hammer mit Blick auf das Start-up, das im vergangenen Jahr in der Dresdner Straße eine kleine Manufaktur eingerichtet hat. Keine fünf Gehminuten vom Museum entfernt tüfteln Johannes Kallinich und Thibault Claeys hinter zwei Schaufenstern an ihrer Founders Edition. Gemeint sind die ersten acht Uhren der auf 30 Stück limitierten Serie "Einser Zentralsekunde" für je 24.900 Euro bei 100 Prozent Anzahlung. "Obwohl wir bisher nur Computerbilder veröffentlicht haben, ist die komplette Serie bereits ausverkauft", freuen sich die Gründer über das Vertrauen ihrer Kunden, die hauptsächlich in Asien und Amerika sitzen.
Johannes Kallinich stammt aus Westsachsen und wollte eigentlich Polizist werden, entschied sich dann aber für eine Ausbildung an der Uhrmacherschule. "Mich fasziniert das Filigrane, die Detailverliebtheit beim Bau mechanischer Uhren", sagt der 30-Jährige. Seine Motivation erkannte man auch bei A. Lange & Söhne, wo er schon als Lehrling bei Praktikas und im Nebenjob auf 450-Euro-Basis sein Talent unter Beweis stellte und entsprechend gefördert wurde. In sieben Jahren stieg er bis zum Gruppenleiter auf und qualifizierte sich an der Handwerkskammer Dresden zum Meister. Sein Meisterstück: eine Armbanduhr mit Zentralsekunde, Sekundenstopp und Anzeige der Gangreserve.
Von Belgien zur Weiterbildung nach Glashütte
Bei Lange lernte er auch seinen Kompagnon Thibault Claeys kennen. Der Belgier hat Wirtschaftsingenieurwesen studiert und danach in Antwerpen Uhrmacher gelernt. Um sein Können zu verbessern, lag für ihn der Gang nach Glashütte nahe. "Eigentlich wollte ich wieder zurückkehren und mich in Belgien selbstständig machen. Aber zusammen mit Johannes eine eigene Uhrenmarke zu schaffen, hat mich dann doch mehr gereizt", sagt der 27-Jährige, der sich unter anderem auf die Verarbeitung von Emaille spezialisiert hat.
Kallinich und Claeys bezeichnen sich als Independent Watchmaker und sehen sich als Teil einer Szene unabhängiger Uhrmacher, die seit der Corona-Krise international an Aufmerksamkeit gewinnt. Ihre Uhren sollen Glashütter Traditionen wie die blauen Schrauben, Werkteile aus Neusilber oder die Goldchatons mit einem neuen Design verbinden. Bei ihrer "Einser Zentralsekunde" mit Sekundenstopp wird zum Beispiel die Gangreserve an der Seite angezeigt. Beim Ziffernblatt kommt eine 0,4 Millimeter dünne Scheibe aus durchsichtiger Emaille zum Einsatz. "Wir müssen uns jetzt beweisen", wissen die beiden Gründer, die bald ihre ersten Uhren liefern wollen. Ob es ihnen gelingt, sich als zehnter Uhrenhersteller in Glashütte zu etablieren, wird die Zukunft zeigen.
Drei Ausbilder und eine hohe Übernahmequote
Die Uhrmacher-Azubis bei Wempe können sich hingegen ziemlich sicher sein, nach ihrer Lehre einen unbefristeten Arbeitsvertrag zu bekommen. Die Übernahmequote liegt bei 99 Prozent, betont Ausbildungsleiterin Elisabeth Gläser. Nach fünf bis sieben Jahren seien noch 80 Prozent der eigenen Lehrlinge im Unternehmen.
Die Ausbildung eigener Uhrmacher genießt bei Wempe einen hohen Stellenwert. Um die aktuell 18 Lehrlinge kümmern sich drei Ausbilder in Vollzeit. Bald werden sich die Bedingungen für Azubis wie Lehrmeister weiter verbessern. Noch im Frühjahr soll die neue Lehrwerkstatt eingeweiht werden. "Mit dem Neubau wird sich nicht nur die Zahl unserer Ausbildungsplätze auf 24 erhöhen, sondern die Qualität der Ausbildung insgesamt steigen", ist sich Elisabeth Gläser sicher.
Eine Investition in die Zukunft an einem traditionsreichen Standort, der seit zwei Jahren besonderen Schutz genießt. Im Februar 2022 wurde vom Bundesrat die Glashütte-Verordnung abgesegnet, ein Schutz der geografischen Herkunftsangabe, wie ihn bisher nur die Solinger Messer genießen. Nur wenn mehr als 50 Prozent der Wertschöpfung einer Uhr in der Stadt erfolgt, darf auch Glashütte auf dem Ziffernblatt stehen. Bei den meisten Herstellern sind es ohnehin sehr viel mehr.
In loser Folge porträtiert die Deutsche Handwerks Zeitung besondere Orte mit Handwerkstradition. Bisher erschienen: Hutmacherort Lindenberg im Allgäu, Geigenbau im Mittenwald, Leitermacherdorf Weißenborn, Bürstenregion Schönheide, Stützengrün und Steinberg, Modeschmuck-Mekka Neugablonz, Genussregion Oberfranken, Korbmacherstadt Lichtenfels und Bootsbau in Lübeck.


