Uhrmachermeister Rolf Lang erinnert an ein Genie Chronometer als Hommage an die H4 von John Harrison

Uhrmachermeister Rolf Lang würdigt mit dem Chronometer "Golden H" einen der größten Handwerker seiner Zunft. Die Zukunft der Uhrenindustrie betrachtet Lang allerdings mit Skepsis.

Ulrich Steudel

Uhrmachermeister Rolf Lang in seiner Werkstatt in Bad Gottleuba. - © Detlev Müller

Unter Uhrmachern gilt John Harrison als Genie, dabei war er eigentlich Tischler. Als Autodidakt lö ste er 1761 eines der größten Probleme seiner Zeit. Mit dem von ihm konstruierten Chronometer H4 ließ sich erstmals der Längengrad bestimmen. Für die Seefahrernation England ein gewaltiger Fortschritt und für Uhrmachermei ster Rolf Lang aus Bad Gottleuba Antrieb, zum 325. Geburtstag im März 2018 seinem Idol eine Hommage zu erweisen.

Auf der Bootsmesse in Dubai stellte Lang den Chronometer "Golden H" vor – ein Unikat, das in 4.000 Stunden reiner Handarbeit aus 985 Einzelteilen erschaffen wurde. Das gesamte Gehäuse und die Aufhängung be­ stehen aus 18-karätigem Roségold. Das speziell dafür konstruierte Werk mit Chronometerhemmung und 18.000 Halbschwingungen pro Stunde soll eine hohe Ganggenauigkeit garantieren, in Anlehnung an das Vorbild von John Harrison. "Seine H4 lief 400-mal exakter als die be sten Uhren jener Zeit. Sie wäre aber auch den be sten Armbanduhren der Gegenwart um das 165-Fache überlegen", schwärmt Rolf Lang von Harrisons Uhr, die im National Maritim Museum Greenwich in London ausge stellt ist.

Hochachtung vor den alten Mei stern

Lang fühlt sich mit seiner 2012 gegründeten Manufaktur "Rolf Lang Dresden" aus ganzem Herzen dem traditionellen Uhrmacherhandwerk verpflichtet. Das liegt an seinem persönlichen Werdegang. Nach der Lehre beim Vater in Gera, Wehrdienst und Studium fand er seine Berufung schließlich in der Restauration, stieg bis zum Chefrestaurator des Mathematisch-Physikalischen Salons im Dresdner Zwinger auf. "In diesen elf Jahren habe ich Uhren vom 14. Jahrhundert bis in die Neuzeit kennen­gelernt und mir einen großen Fundus an Wissen angeeignet", beschreibt Lang jene Jahre, die seinen Berufsethos sowie seine Hochachtung vor den alten Mei stern prägen sollten.

Später arbeitete er bei so namhaften Her stellern wie A. Lange & Söhneim sächsischen Uhrenmekka Glashütte, bei Moser & Cie in Schaffhausen (Schweiz) oder bei Tutima wieder in Glashütte, wo er die er ste in Deutschland entwickelte Armbanduhr mit Minutenrepetition baute. "Sie gibt die Uhrzeit als akustisches Signal wieder. Zuerst schlägt sie die Stunden, dann die Viertelstunden und schließlich die seit der letzten Viertelstunde vergangenen Minuten", klärt Lang auf.

John Harrison und der "Longitude Act"

22. Oktober 1707, 19.30 Uhr, 45 Kilometer vor der Südwestspitze Englands: Im Nebel schlagen vier Kriegsschiffe der englischen Marine an den Klippen der Scilly-Inseln leck und sinken. 1.450 Matrosen sterben, weil die Offiziere von Admiral Shovell die Position falsch berechnet hatten.

Damals war es nicht möglich, den Längengrad exakt zu bestimmen. Aber die Katastrophe regte das britische Parlament an, einen Wettbewerb auszurufen, den sogenannten "Longitude Act". Wer eine praktikable Methode zur Bestimmung der geographischen Länge findet, sollte 20.000 Pfund Sterling erhalten, nach heutigen Maßstäben drei Millionen Euro.

Das Preisgeld inspirierte Astronomen und Wissenschaftler, aber es war ein Tischler, der es schließlich bekam. John Harrison hatte schon als 20-Jähriger eine Pendeluhr aus Holz von extrem hoher Präzision gebaut. Für den Wettbewerb fertigte der Autodidakt vier Exemplare. Allein für die H3 mit 753 Einzelteilen benötigte er fast 20 Jahre. Restlos zufrieden war er aber erst mit der H4, doch die Anerkennung dafür blieb ihm lange verwehrt. Erst als Kapitän James Cook 1775 mit der K1 des Uhrmachers Larcum Kendall, die nach dem Prinzip der H4 funktionierte, voller Lob für das Navigationsgerät von seiner zweiten Südseereise zurückkehrte, erhielt Harrison sein Preisgeld. ste

Und trotz seiner 70 Jahre sprüht der Mei ster immer noch vor Ideen und Tatendrang. Als näch stes Projekt möchte er eine Uhrenkollektion der Seidenstraße widmen. 16 Städte sollen in edlen Armbanduhren verewigt werden, von der jede auf zwölf Stück limitiert ist. Die Uhr für Dubai ist schon fertig, als Näch stes sollen Xiang und Shanghai folgen.

Smartwatch mit hohem Gebrauchswert

Der Uhrmachermei ster macht keinen Hehl daraus, dass er sich gedanklich nach O sten wendet, "weil ich mit dem We sten nicht mehr klarkomme". Er glaubt, dass der Niedergang der Uhren­industrie durch die Smartwatch beschleunigt wird. "Sie haben einen hohen Gebrauchswert und werden von der jungen Generation gut angenommen. Was bleibt, sind mechanische Luxusuhren. Aber die Uhrmacher, die so etwas bauen können, werden immer weniger", sagt Rolf Lang. "Es ist schon viel Wissen verloren gegangen."

Seine eigenen drei Mitarbeiter hat Rolf Lang allesamt selbst ausgebildet. Um dem Wissensverlust Einhalt zu gebieten, hat er eine Vision: "Ich möchte mein Wissen nach Dubai bringen und dort eine Luxusuhrenmanufaktur mit vier bis fünf Speziali sten aufbauen." Sein Konzept, das der Königsfamilie der Vereinigten Arabischen Emirate vorliege, sieht außerdem eine fünfjährige Ausbildung vor sowie einen jährlichen Wettbewerb, in dem die be sten Uhrmacher der Welt gesucht werden. Preisgeld: 30.000 Euro. Was der Scheich davon hält, wolle er noch vor dem Beginn des Ramadan am 15. Mai mitteilen.

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