Fremde und einheimische Gesellen trafen sich in Erfurt
Überall ein Stück Familie
Von Antje Türk
Ihre Riten sind streng, einige sogar streng geheim. An ihren groben Kordhosen und Jacken, dem Hut, ihrem Stenzel und „Charlottenburger“ und natürlich an ihrem Ohrring erkennt man sie dennoch - zumal, wenn sie - wie jüngst in Erfurt zu Himmelfahrt - gleich zu einigen Hundert zu sehen sind. Knapp 300 wandernde (fremde) Gesellen und Ehemalige (heimische) der beiden Gesellschaften „der rechtschaffenen fremden und einheimischen Maurer- und Steinhauergesellen“ und „der rechtschaffenen fremden Zimmerer- und Schieferdeckergesellen“ kamen nach Erfurt zu ihrem gemeinsamen traditionellen Himmelfahrtstreffen.
Erfurt richtete erstmals diese Zusammenkunft aus, zu der Zimmerer, Dachdecker, Maurer und Steinmetze aus ganz Deutschland und sogar aus der Schweiz, Schweden, den USA, Namibia und Neuseeland anreisten. Sie alle eint, dass sie mindestens drei Jahre und einen Tag auf der Walz waren oder sich gerade auf Wanderschaft befinden.
Für zwei hieß es an diesem Wochenende: Abschied nehmen. Die Steinmetze Felix Prechtel aus Nüsttal Morles und Moritz Bohlen aus Wiesmoor starteten ihre Tippelei in Erfurt; zwar fest entschlossen, aber doch mit flauem Gefühl bei der vorerst letzten Umarmung von Freundinnen und Familie. Verheiratet dürfen die wandernden Gesellen nicht sein, sie dürfen keine Schulden haben und müssen in den drei Jahren um ihren Heimatort einen 50-Kilometer-Bogen schlagen.
Das Wochenende über hatten sie wenig Gelegenheit zur Grübelei. Zu Beginn gab sich der Erfurter Oberbürgermeister die Ehre und lud zum Empfang in den Rathausfestsaal. Dort begrüßte die Gesellen auch der Vizepräsident der Handwerkskammer Erfurt, Stefan Lobenstein, und warb für die wandernde Form des Lernens. Viel beachtet von Touristen und Erfurter Bürgern ging es, deftige Gesellenlieder singend und mit den Fahnen ihrer Gesellschaften ausgestattet, in ihrer traditionellen Kluft und mit einem Fanfarenzug an der Spitze durch die Altstadt zum Domplatz.
Auf dem Petersberg, dem großen Festungsareal oberhalb der alten Stadt, schlugen sie ihr Lager auf. Dort gab es für die mitgereisten Familien Unterhaltung und für die Gesellen jede Menge Gelegenheit zum Fachsimpeln, zum Erfahrungsaustausch und natürlich zum Feiern. Baumstämme wurden auf traditionelle Art behauen und in Sandstein das Wappen der Erfurter Herberge „double b“ gearbeitet.
Der Termin an Himmelfahrt ist für wandernde Gesellen eine wichtige Gelegenheit, Neuigkeiten und Reiseerfahrungen auszutauschen und neue Wandergesellen auf die Walz zu verabschieden. Nach einigen Jahren Pause war auch Bernd Martens wieder dabei. Der 82-jährige gebürtige Föhrer kam zusammen mit seiner Frau aus Florida nach Erfurt. Der Zimmerer lebt seit 50 Jahren in den USA, hatte dort ein Bauunternehmen und baute in dieser Zeit 84 Häuser, die „alle noch stehen“, wie er stolz erzählt. Werner Gottschling, ebenfalls Zimmerer und 76 Jahre alt, kam aus Namibia zum Treffen nach Erfurt. Er ist heute Farmer.
Die beiden Erfurter Gesellschaften, weltweit gibt es rund 50, hatten das Treffen vorbereitet. Für Steinmetz und Mitorganisator Martin Greibke bleibt seine Gesellschaft immer ein Stück Familie, auch wenn er mittlerweile nicht mehr in seinem erlernten Beruf arbeitet. „Wir sind die besten Werbeträger für uns selbst und sollten unser Handwerk stolz vertreten“, unterstreicht der gebürtige Aschaffenburger.
Werbung in eigener Sache können die wandernden Gesellen gut gebrauchen. Derzeit sind 146 junge Männer der beiden Schächte auf der Walz. Aber immer seltener entscheiden sich Gesellen für diese Form der Weiterbildung. Am Himmelfahrtswochenende in Erfurt warben sie für ihre ehrbare Wanderschaft und zogen nach vier Tagen mit einem „Fixe Tippelei“ in alle Himmelsrichtungen weiter.