Am Samstagabend zeigt die ARD um 20.15 Uhr den schwäbischen Heimatkrimi "Die Bestatterin – Der Tod zahlt alle Schulden". Warum das Handwerk dabei eine entscheidende Rolle spielt und ob sich das Einschalten lohnt, erfahren Sie in unserer Filmkritik.

Wenn im Titel einer TV-Produktion ein Handwerksberuf genannt wird, dann ist das durchaus mit Vorsicht zu genießen: Die RTL-Serie "Die Klempnerin", die seit Februar im Privatfernsehen ausgestrahlt wird, beleuchtet nämlich nicht etwa den Arbeitsalltag einer Handwerkerin, sondern den einer Polizeipsychologin – einer "Seelenklempnerin" eben. Auch sonst tut sich das Handwerk in der Primetime schwer: In der Regel sind es Polizisten, Ärzte, Anwälte oder Geistliche, denen von den Drehbuchautoren spannende Geschichten und großen Dramen auf den Leib geschrieben werden.
Im Spielfilm "Die Bestatterin – Der Tod zahlt alle Schulden", der am 1. Juni 2019 zur besten Sendezeit auf Das Erste ausgestrahlt wird, ist das erfreulicherweise anders. Denn hier steht tatsächlich eine Handwerkerin im Mittelpunkt: Die sympathische Bestatterin Lisa Taubenbaum (Anna Fischer) kehrt nach dem Unfalltod ihrer Mutter in ihr Heimatdorf auf der Schwäbischen Alb zurück. Gemeinsam mit ihrem Vater Alfons (Hartmut Volle), der im Rollstuhl sitzt, und ihrem Bruder Hannes (Frederik Bott), der leidenschaftlich gern Särge schreinert, will Lisa den familieneigenen Bestattungsbetrieb wieder auf Vordermann bringen. Die Geschäfte laufen alles andere als gut.
Das ändert sich allerdings schnell, als es plötzlich zwei Tote zu beklagen gibt: Der Bankdirektor Klaus Hubinger (Georg Alfred Wittner) erschießt sich versehentlich bei der Jagd und die Rentnerin Ilse Wertbacher (Luise Deschauer) erliegt offenbar einem Herzanfall. Was der sture Landarzt Dr. Bauer (Christof Wackernagel) als natürliche Todesfälle abtut, entlarvt die pfiffige Bestatterin Lisa dank ihres geschulten Auges als Mord – und so ist es auch an der engagierten Handwerkerin, die Ermittlungen gemeinsam mit dem Stuttgarter Kommissar Thomas Zellinger (Christoph Letkowski) voranzubringen. Polizeichef Franz Goller (Patrick von Blume) hingegen will den Fall zu den Akten legen.
Heimatkrimi mit origineller Note
Machen wir uns nichts vor: Trotz der ungewöhnlichen Hauptfigur ist "Die Bestatterin", den Regisseurin Isabel Braak inszeniert, ein Heimatkrimi nach altbewährtem Rezept, wie man ihn im öffentlich-rechtlichen Fernsehen praktisch wöchentlich zu sehen bekommt. Denn egal ob "Der Ostfrieslandkrimi" und die Sylt-Reihe "Nord Nord Mord" im ZDF oder die diversen bayrischen, österreichischen und schweizerischen Krimireihen in der ARD – hübsch fotografierte, aber selten originelle Formate wie diese genießen Hochkonjunktur, weil die Einschaltquoten nach wie vor stimmen.
Besonders in der ersten halben Stunde hebt sich "Die Bestatterin" aber wohltuend von diesem inflationär zum Einsatz kommenden Krimimuster ab: Das TV-Publikum lernt einleitend nicht nur Lisa und ihre Familie kennen, sondern auch viel Positives über das Handwerk, das die aufgeweckte Berlin-Rückkehrerin mit Leib und Seele ausübt. Dabei verfolgen die Filmemacher einen durchaus augenzwinkernden Ansatz: Wenn die Bestatterin einem Internet-Date beim ersten Rendezvous mit der Gabel in der Hand von der speziellen Herausforderung bei Brandleichen oder dem Einsatz von Glasaugen vorschwärmt, nutzt ihr Gegenüber schon mal spontan die Gelegenheit zur Flucht.
Handwerkerin mit Herz und Humor
Trotz des humorvollen und unverkrampften Ansatzes verkommt der Heimatkrimi aber nie zur Klamotte, denn die erfahrenen Drehbuchautoren Arne Nolting und Jan Martin Scharf schärfen den Blick der Zuschauer nicht nur für handwerkliche Tätigkeiten wie die Rekonstruktion deformierter Gesichtspartien oder das Herrichten des Leichnams für die Trauerfeier, sondern auch für betriebswirtschaftliche Aspekte: Hier ist es in erster Linie Lisas Vater Alfons, der sorgenvoll die Zahlen des Familienbetriebs durchgeht, einer geizigen Kundin die Kosten für eine Bestattung vorrechnet ( "Machen Sie mir ‘nen guten Preis!") oder mit den Tücken der Digitalisierung zu kämpfen hat. Außerdem wird deutlich, wie sehr Bestatter auch als Psychologen und Mediatoren gefragt sind – etwa wenn Lisa einfühlsam zwischen den aufgebrachten Erben der verstorbenen Rentnerin und der trauernden Witwe des erschossenen Bankdirektors vermittelt.
All diese Herausforderungen meistert die Handwerkerin souverän und findet in der zweiten Filmhälfte schließlich auch die Zeit, um dem Großstadtbullen Zellinger als Co-Ermittlerin zur Seite zu springen. Ein paar mehr Ecken und Kanten hätten ihrer Figur aber gut zu Gesicht gestanden, denn einen ganzen Spielfilm trägt sie allein noch nicht: Der Konflikt mit ihrer tatverdächtigen Jugendfreundin Anna (Caroline Junghanns) wirkt etwas blutleer und auch die aufkeimende Romanze mit Zellinger kommt nicht über seichte Standardmomente hinaus. Deutlich überraschender gestaltet sich die Auflösung des Doppelmordes: Sieht es lange Zeit so aus, als wäre Lisas geistig zurückgebliebener Bruder Hannes auf der Suche nach Bestattungsaufträgen für die Firma übers Ziel hinausgeschossen, halten die Filmemacher auf der Zielgeraden noch ein Ass im Ärmel.
Fortsetzung noch offen
Ob Lisa Taubenbaum ein weiteres Mal in der schwäbischen Idylle bestatten und beschatten darf, ist zum jetzigen Zeitpunkt noch ungeklärt: Hauptdarstellerin Anna Fischer hat zwar bereits Interesse an einer Fortsetzung des Heimatkrimis signalisiert, beim SWR und der Produktionsfirma will man sich dazu aber noch nicht festlegen. Zu wünschen wäre es dem kurzweiligen Pilotkrimi und dem prominenten Sendeplatz für das Handwerk aber allemal.
TV-Termin: Samstag, 1. Juni 2019, 20.15 Uhr auf Das Erste