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Einblicke in einen spannenden Beruf 10 außergewöhnliche Fragen an einen Bestatter

Sie sind Dienstleister für Menschen in einer emotionalen Ausnahmesituation: Bestatter. Durch ihren Beruf haben sie mit vielen Vorurteilen zu kämpfen. Helmut Ramsaier, Bestatter aus Stuttgart, beantwortet im Interview zehn nicht alltägliche Fragen – und verrät, warum Elvis Presley bei einer Beerdigung eine wichtige Rolle spielte.

1. Sind Sie eher Seelsorger oder Handwerker?

Persönlich sehe ich mich in erster Linie als Psychologe und Mediator. Als Bestatter müssen wir unterschiedliche Meinungen innerhalb der Familien der Verstorbenen strukturieren. Da geht es zum Beispiel auch darum, die Interessen derer zu vertreten, die bei der Auftragserteilung nicht mit am Tisch sitzen. Das ist schwieriger als man denkt. Ich bin jetzt seit 40 Jahren Bestatter und inzwischen sind nach meiner Erfahrung nur noch etwa 5 Prozent der Familien durchgängig intakt. Daraus resultiert, dass wir einen Ausgleich schaffen müssen.

Vor etwa einem Jahr hatte zum Beispiel ein Mitarbeiter ein siebenstündiges Trauergespräch. Der kam fix und fertig raus, weil die beiden Brüder verstritten waren. Wenn der eine gesagt hat: „Ich möchte eine Feuerbestattung“, hat der andere gesagt: „Wir machen eine Erdbestattung“. Das sind dann so Geschichten, die auf unserem Rücken ausgetragen werden. Da kommt man an seine Grenzen.

2. Was ist die größte Belastung in Ihrem Beruf?

Über mein ganzes Berufsleben betrachtet war das sicher die ständige Erreichbarkeit. Als Bestatter muss man an sieben Tagen rund um die Uhr erreichbar sein. Das führt zu einem ganz großen Verlust an Lebensqualität. Ein gewisser Befreiungsschlag waren die Handys und Smartphones. Damit konnte man eingehende Telefonate direkt auf das mobile Gerät weiterleiten.

Ein weiterer wichtiger Schritt hat sich dann mit der Entwicklung unseres Betriebs ergeben. Ab einer gewissen Größe und einer Qualifikation der Mitarbeiter können auch sie den Telefondienst übernehmen. Für mich ist das heute endlich so: Wenn ich Feierabend habe ist das Telefon der Firma weg und ich kann mich anderen Dingen widmen.

Natürlich gibt es auch aus der direkten Tätigkeit heraus Belastungen. Vor allem Bestattungen von Kindern nehmen mich auch heute noch mit. Davon haben wir sicherlich drei bis vier im Monat.

3. Wie schalten Sie zu Hause ab?

Wenn ich nach Hause komme, schalte ich erst einmal das Radio ein. Je nachdem wie anstrengend und belastend der Tag war, schaue ich dann in den Fernseher. Aber: Wenn mich meine Frau nach einer halben Stunde fragt, was ich angeschaut habe, kommt es durchaus vor, dass ich das nicht weiß. Ich bin dann einfach in einer anderen Welt.

Ansonsten bin ich persönlich ein Mensch, der visuell orientiert ist und mich an Kleinigkeiten erfreuen kann, wie zum Beispiel Blumen. Seit 20 Jahren beschäftige ich mich außerdem intensiv mit der Postgeschichte von Württemberg. Da komm ich in eine andere Welt. Das ist aber auch notwendig. Das größte Bestatterproblem ist die Frage: Wie gelingt es mir, meine Sensibilität zu erhalten? Wenn Menschen zu uns kommen sind sie in der Trauerphase und dort am verletzlichsten. Für uns Bestatter ist das aber tägliche Arbeit und wir müssen uns da auch selbst schützen. Diesen Spagat zu schaffen, Nähe der Betroffenen zuzulassen, aber auch an sich zu denken… Das ist nicht immer einfach.

Aber was für mich immer das Wesentliche als Bestatter war und ist: Ich muss stabil sein, denn ich kann für niemanden eine Stütze sein, wenn ich selbst wackle.

4. Was waren die ausgefallensten Bestattungswünsche?

Wir unterscheiden bei uns nicht zwischen Erd- und Feuerbestattung, sondern zwischen Zwecks-, Örtlichkeits- und Persönlichkeitsbestattung. Bei der Zweckbestattung geht es nur ums Geld: Wie können wir es noch günstiger machen. Bei der Örtlichkeitsbestattung ist man an die Vorgaben der Region oder der Ortschaft gebunden. Da kann man es oft nicht so gestalten wie das gewünscht ist.

Bei der Persönlichkeitsbestattung oder Gefühlsbestattung ist das anders: Dort kann ich mit Angehörigen eigene Strukturen und Rituale erarbeiten, um den Verstorbenen nochmal eine letzte Bedeutung geben zu können. Ich erinnere mich da zum Beispiel an die Bestattung eines 17-Jährigen. Da haben wir mit einer großen Gruppe überlegt, wie wir ihm Rechnung tragen können: Kirche und Friedhof hätte nicht zu ihm gepasst. Wir haben dann auf einer Freifläche eine Aussegnung mit 300 Trauergästen zelebriert. Jeder Gast hat auf ein Band einen letzten Wunsch darauf geschrieben. Das wurde dann an Luftballons gehängt, die in den Himmel flogen. Das war beeindruckend und eine Erinnerung, die dem Verstorbenen würdig war.

5. Was war die verrückteste Musik, die sich jemand auf einer Beerdigung gewünscht hat?

Bei uns gibt es selten außergewöhnliche Musik. Denn das, was der Laie für außergewöhnlich hält, ist für uns quasi Alltag. Bei uns in der Feierhalle ist Joe Cocker genauso präsent wie der Schneewalzer. Aber an eine Bestattung einer älteren Dame, die im Elvis Presley Club aktiv war, erinnere ich mich noch genau zurück. Dafür habe ich den Musicalsänger David Whitley - der auch bei „The Voice of Germany“ bekannt wurde - angefragt, ob er auch Lieder von Elvis singen könne. Er hat dann gleich zugesagt. Bei der Feier saß ich inmitten vieler älterer Damen aus dem Elvis Presley Club. Die haben jedes Mal geklatscht und waren richtig emotional als Whitley gesungen hat. Das waren auch für mich Gänsehautmomente.

Was in letzter Zeit beliebter wird sind andere musikalische Umrahmungen. Bei uns ist das sehr häufig die Panflöte. Sie stellt einen weicheren Übergang gegenüber den typischen kirchlichen Instrumenten wie Trompeten, Posaunen oder Orgel dar.

6. Haben Sie Ihre eigene Beerdigung schon geplant?

Man verdrängt das natürlich so wie jeder andere Normalsterbliche auch. Aber ich habe tatsächlich eine gewisse Struktur. Im Moment sitze ich am schwierigsten: der Gestaltung der eigenen Traueranzeige. Denn wenn man die zu Lebzeiten plant, ist das nicht einfach. Schließlich tritt man eine Aussage nicht nur für sich selbst, sondern auch für die Angehörigen. Und dann soll diese Aussage ja eigentlich auch in der Zukunft wirken. Das ist nicht einfach.

7.  Wie fühlt sich eine tote Person an und wie schwierig ist es mit den Gerüchen klar zu kommen?

Genau wie eine lebende Person. Nur hat der verstorbene Mensch nicht mehr die Temperatur von 37 Grad. Es ist natürlich immer abhängig, wann wir auf die Person treffen. Wir versuchen den Körper beim Eintreffen möglichst schnell auf 4-6 Grad runterzukühlen. Dadurch können sich die Kolibakterien im Magen- und Darmbereich nicht mehr vermehren, die den Körper verändern.

Was die Gerüche angeht: Man entwickelt eine gewisse Atemtechnik, dass man nicht inhaliert und sich davor schützt. Wir haben natürlich auch Masken. Aber ich kann die nicht benutzen. Da fühle ich mich eingeengt. Für mich sind die Gerüche aber letztendlich auch unproblematisch geworden. Man gewöhnt sich mit der Zeit dran.

8. Wie wird man mit dem Beruf wahrgenommen?

Sehr häufig stößt die Berufswahl auf Unverständnis. Das geht soweit, dass manche Menschen einem nicht die Hand geben können. Das ist schade, aber ich versuche deshalb auch das Bild des Bestatters zu verändern. Derjenige, der den Beruf erlernt und ausübt muss psychisch und physisch stabil sein. Denn wir begleiten Menschen in ihrer Trauer und auf dem Trauerweg. Wir sind die Trittstange und der Halt für Angehörige. Deshalb habe ich eingangs auch gesagt, dass ich mich in erster Linie als Psychologe sehe.

9. Was war Ihr beruflich emotionalster Moment?

Es gibt verschiedene Dinge, die lassen einen nicht kalt. Vor etwa einem Jahr habe ich eine Bestattung bei einer afghanischen Familie gemacht. Die Mutter hat in Schiras im Iran entbunden, ist über die Balkanroute nach Deutschland gekommen und nach 1 ½ Jahren ist der Sohn in Stuttgart verstorben. Ein zweiter Fall, das ist jetzt knapp zwei Jahre her: Eine Syrerin hat in Tripolis ihre Tochter auf die Welt gebracht, hat es bis nach Stuttgart geschafft. Dort ist das Mädchen mit zwei Jahren gestorben.

Die haben diesen Fluchtweg hinter sich, haben wenig Perspektive und dann verlieren die Angehörigen das, woran sie sich am meisten klammern. Das einzige, was ihnen in diesem Moment noch wertvoll erscheint und Kraft zum Überleben gibt. Das ist so belastend, das kann man sich nicht vorstellen. Das schlaucht mich bis heute. Auf der anderen Seite hilft es dann aber zu sehen, dass man den Angehörigen einen geglückten Abschied ermöglicht hat. Das lindert die Belastung etwas.

10. Gibt es ein Leben nach dem Tod?

Ich bin davon überzeugt, dass das Leben in irgendeiner Form weitergeht. Das beste Beispiel ist für mich Wasser: Wasser verdampft, kommt als Regen wieder und landet irgendwo in einem Fluss oder im Meer.

Ich denke ein Leben, ohne Glauben an etwas „Höheres“ als den Menschen wäre sinnlos. Weil jeder, der betrügt oder der jemanden umbringt das gleiche Ende hätte wie jemand der sich korrekt verhalten und etwas für die Gemeinschaft getan hat. Wenn dieses positive Wirken nicht in irgendeiner Form belohnt würde, wäre das Leben nach meiner Auffassung sinnlos.

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