Ukraine-Krieg, Iran-Konflikt, wachsende Staatsschulden: Viele Anleger zögern, in Aktien zu investieren. Dabei hinterlassen die Krisen laut einem Finanzwissenschaftler kaum Bremsspuren in der Weltwirtschaft, und ein Treiber könnte die Kurse weiter stützen. Worauf Anleger im Aktienteil achten sollten und welche Beimischungen das Depot stabiler machen.

"Die Kapitalmärkte", sagt Burkhard Wagner von der Partners Vermögensmanagement AG in München, "mögen keine Unsicherheit. Denn Unsicherheit führt immer wieder zu Phasen mit hohen Kursschwankungen." Ein unsicheres Umfeld ist deshalb alles andere als optimal für Anleger. Doch genau das haben wir derzeit. Da sind die geopolitischen Risiken wie der anhaltende Ukraine-Krieg oder der schwelende Konflikt zwischen den USA und dem Iran mit unklarem Ausgang. Dazu kommen eine sprunghafte US-Politik, Handelskonflikte sowie der durch den Iran-Krieg ausgelöste Ölpreisanstieg und dessen Wirkung auf die Inflation und die Zinsen. Und schließlich steigt die Staatsverschuldung weltweit massiv.
"Ich gehe davon aus, dass uns zumindest einige der Probleme auch im nächsten Jahr noch begleiten werden", sagt Wagner. "Deshalb sollten Anleger immer wieder mit volatilen Marktphasen rechnen." Dennoch laufen die Aktienmärkte derzeit gut. Und auch der Ausblick auf das kommende Jahr ist keineswegs so düster, wie man vermuten könnte.
Künstliche Intelligenz als treibende Kraft
"Tatsächlich sind die wirtschaftlichen Auswirkungen dieser Probleme bislang überschaubar geblieben", sagt Hartwig Webersinke vom Institut für Vermögensverwaltung an der Technischen Hochschule Aschaffenburg. "Und auch im kommenden Jahr ist mit einem robusten Weltwirtschaftswachstum von rund drei Prozent zu rechnen." Der entscheidende Faktor: Künstliche Intelligenz (KI). "Die Investitionen in diesen Bereich treiben zum einen das Wirtschaftswachstum selbst an, zum anderen ist KI ein wesentlicher Faktor für die Unternehmensgewinne und damit für die Entwicklung an der Börse", macht Wagner klar.
Für Webersinke ist KI eine Sprunginnovation. "Sie treibt die großen Technologiekonzerne an, aber auch jene Unternehmen, die für die notwendige Infrastruktur sorgen, und schließlich alle Firmen, die KI einsetzen, um effizienter zu werden und ihre Produktivität zu steigern", sagt er. Wagner geht deshalb davon aus, dass in der nächsten Phase nicht mehr nur die KI-Entwickler und die KI-Infrastrukturunternehmen gut laufen werden. "Vielmehr könnte sich der Aufschwung am Aktienmarkt deutlich verbreitern", sagt er.
Starke Gewinnentwicklung bei den Unternehmen
Zwar erscheinen die Bewertungen und die Erwartungen an die Unternehmensgewinne inzwischen ambitioniert. "Allerdings sind die Bewertungen, weil die Gewinne zuletzt stärker gestiegen sind, auch wieder etwas zurückgekommen", sagt Wagner. Blickt man also auf das kommende Jahr, dann stehen die genannten Unsicherheitsfaktoren der dynamischen Entwicklung im KI-Bereich gegenüber.
Einerseits lassen sich Rückschläge am Aktienmarkt sowie Phasen erhöhter Volatilität somit nicht ausschließen. Andererseits deutet einiges darauf hin, dass sich die Aktienmärkte weiter gut entwickeln. "Dafür sprechen die anhaltend dynamische Entwicklung im KI-Bereich und die hohen Investitionen, die dorthin fließen", fasst Webersinke zusammen. "Anleger sollten deshalb – zumindest mit einem Teil ihres Portfolios – in Aktien investiert bleiben."
Im Aktienteil selbst ist es nach Ansicht von Wagner wichtig, gut zu diversifizieren, anstatt sich einseitig auf die großen Technologiekonzerne auszurichten. "Es kann sich lohnen, den Blick auch mal auf defensivere Branchen wie den Konsumbereich zu richten", so der Experte. "Vor allem aber sollten Anleger bei ihren Aktieninvestments auf Qualität achten."
Sichere Anleihen und Cash als Beimischung
Zudem kann die Beimischung anderer Anlageklassen das Portfolio robuster machen. "Das könnten zum Beispiel sichere Anleihen sein, die derzeit wieder attraktive Renditen bieten", sagt Wagner. "Oder eine Cash-Quote von zehn bis 15 Prozent, um bei stärkeren Rücksetzern am Markt Aktien nachkaufen zu können." Auch Gold kommt infrage. "Gerade angesichts hoher und weiter wachsender Staatsschulden kann Gold eine stabilisierende Wirkung auf das Portfolio haben", meint der Finanzexperte.
Schließlich spricht mit Blick auf 2027 auch die Stimmung am Markt für Aktien. "Ich stelle immer wieder fest, dass eine große Skepsis gegenüber der aktuellen Entwicklung vorhanden ist, und das ist, anders als zu viel Euphorie, für Aktien positiv", sagt Webersinke. Hinzu kommt die Chance auf positive Überraschungen: "Lösen sich unerwartet einige der geopolitischen Konflikte, dann könnten auch deutlich höhere Aktienkurse gerechtfertigt sein", so Wagner.
Wohin geht die Reise für die deutsche Wirtschaft?
Die Konjunktur in Deutschland nimmt nach einer langen Dürrephase derzeit Fahrt auf. Damit könnten deutsche Nebenwerte wieder stärker in den Fokus der Anleger geraten.
Es ist ein zarter Hoffnungsschimmer. Laut den führenden deutschen Wirtschaftsforschern soll die Wirtschaft hierzulande – nach bescheidenen 0,2 Prozent im Vorjahr – in diesem Jahr mit 1,3 Prozent wachsen, im kommenden Jahr sollen es 1,1 Prozent werden. Ein erheblicher Teil dieser Beschleunigung geht zwar auf die staatlichen Ausgabenprogramme für Verteidigung und Infrastruktur zurück, aber das ist es nicht allein. Zuletzt sind auch die Exporte deutlich gestiegen. Dazu kommt der Impuls durch die Investitionen in Künstliche Intelligenz.
Und ein weiterer positiver Faktor ist nicht zu vergessen: "Wie der jüngste Investorengipfel in Berlin gezeigt hat, sind internationale Investoren sehr am Standort Deutschland interessiert", sagt Burkhard Wagner von der Partners Vermögensmanagement AG in München. Doch werden Investoren nur dann nach Deutschland kommen, wenn das Wachstum nachhaltig ist und die Rahmenbedingungen stimmen. Das ist noch offen. Denn bereits für 2028 prognostizieren die Wirtschaftsforschungsinstitute wieder ein mageres Wachstum von 0,4 Prozent. "Damit die deutsche Wirtschaft nachhaltig auf einem höheren Niveau wächst, müssen dringend notwendige Reformen umgesetzt und Bürokratie abgebaut werden", sagt Wagner. "Gelingt das aber, dann besteht schon die Chance, dass sich die deutsche Wirtschaft wieder dauerhaft dynamischer entwickelt."
Und das könnte die stärker von der Binnenwirtschaft abhängigen kleineren börsennotierten Firmen hierzulande attraktiver machen. Die nämlich sind zuletzt deutlich hinter den großen Konzernen zurückgeblieben. Während der MDax in den vergangenen fünf Jahren nach Angaben des Börsenportals Onvista mit etwa 13 Prozent im Minus liegt und der SDax etwa 7,7 Prozent zulegte, kletterte der Dax um über 60 Prozent. "Aufgrund der schwachen Entwicklung in den vergangenen Jahren könnten Nebenwerte im Falle einer nachhaltigen Belebung der deutschen Wirtschaft Aufholpotenzial aufweisen", so Wagners Fazit.
