Unter allen Führungsstilen gilt die transformationale Führung als besonders erfolgversprechend. Chefs nehmen hierbei eine Vorbildfunktion ein, zeigen Visionen auf, regen geistig an und bieten individuelle Unterstützung. So gelingt das in der Praxis.

Ein U-Boot-Manöver brachte David Marquet, Captain der US-Navy, eine bedeutsame Erkenntnis: Seine bisherige Führungsmethode könnte ihn und seine Mannschaft im Ernstfall in Lebensgefahr bringen.
Bei einer Übung simulierten Marquet und sein Team der USS Santa Fe einen Reaktorausfall. Während der Übung wechselte der Antrieb des U-Boots vom Hauptmotor auf einen elektrischen Antrieb. Im Kommandoraum befahl Kapitän Marquet, mit 2/3-Kraft voranzufahren. Sein Befehl wurde ordnungsgemäß weitergegeben – doch nichts geschah. Auf Marquets Nachfrage erklärte der Steuermann, dass die USS Santa Fe – anders als andere U-Boote der US Navy – nicht über einen 2/3-Antrieb verfügt. Marquet fragte den Steuermann, warum er den Befehl ausgeführt habe, obwohl er wusste, dass er falsch war. "Weil Sie es befohlen haben", lautete die Antwort.
In diesem Moment realisierte Captain Marquet, dass seine Crew blind alles befolgen würde, was er sagt – und dass dies im Ernstfall katastrophal enden könnte. Ein augenöffnender Moment: Er beschloss einen radikalen Kurswechsel in seiner Führungsmethode – einen, der nicht blinden Gehorsam zum Ziel hat, sondern eine mitdenkende Crew.
Führungsstil zielt auf intrinsisches Motivierungspotential
So wurde Marquet zum Vordenker eines Führungsstils, der heute in der Forschung als "transformationale Führung" bezeichnet wird – und von immer mehr Unternehmen in Industrie und Handwerk zum Erfolgsmodell geworden ist. "Transformationale Führung ist ein Konzept für einen Führungsstil, bei dem durch das Transformieren von Zielen, Werten und Einstellungen der Geführten – weg von egoistischen, individuellen Zielen, hin zu langfristigen, übergeordneten Ziele des Unternehmens – eine Leistungssteigerung stattfinden soll", erklärt Julia E. Hoch, Management-Professorin an der California State University Northridge (CSUN). "Transformationale Führungskräfte versuchen, das intrinsische Motivierungspotential ihrer Mitarbeiter zu aktivieren, indem sie beispielsweise attraktive Visionen vermitteln, den gemeinsamen Weg zur Zielerreichung kommunizieren, als Vorbild auftreten und die individuelle Entwicklung der Mitarbeiter unterstützen."
Transformationale Führung im Handwerksbetrieb
Auch Stefan Lackus, Metallbauer und Wirtschaftsingenieur, merkte schnell, "dass ich die Mitarbeiter heute nicht mehr führen kann wie vor 30 Jahren", als er in den elterlichen Metallbaubetrieb in Karlsruhe mit einstieg. "Da würden sicher viele den Betrieb verlassen oder erst gar nicht kommen."
Unter der Regie seines Vaters herrschte die im Handwerk immer noch vielfach übliche Anweisungskultur vor: Der Chef sagt, was zu tun ist – und die Mitarbeiter führen aus. Und wenn die Aufgabe erfüllt ist, holen sie sich die nächste Anweisung. So funktionierte es auch jahrzehntelang in dem Metallbaubetrieb – doch das System stieß an seine Grenzen, als der Betrieb durch die Spezialisierung als überregionaler Zulieferer für die Aufzugsbranche von rund 20 auf knapp 50 Mitarbeiter wuchs. "Wenn ich manche Mitarbeiter zwei oder drei Wochen nicht sehe und keinen direkten Einfluss nehmen kann, brauche ich ein anderes Führungsmodell", so Lackus.
Lackus fand Hilfe bei einem spezialisierten Coach – und änderte sein Führungsverhalten grundlegend: Er setzte ganz auf den transformationalen Führungsstil – und etablierte die neue Führungskultur konsequent im Unternehmen. Heute läuft der Alltag reibungslos, der Chef muss sich nicht mehr um jedes Detail kümmern. Doch dafür musste der Unternehmer etwas tun, was engagierten Führungskräften mitunter schwerfällt: loslassen. "Die Dinge laufen anders, als wenn man es selbst gemacht hätte", so Lackus. "Doch je mehr man eingreift, desto weniger Motivation haben die Mitarbeiter zum Mitdenken."
Vertrauen und Respekt erarbeiten, Begeisterung und Interesse wecken
Im Optimalfall sollte der Chef als charismatisches, werteorientiertes Vorbild handeln, an dem sich die Mitarbeiter menschlich und fachlich orientieren können, bringt es Management-Professorin Hoch auf den Punkt. "Mit einer inspirierenden Vision versuchen transformationale Führungskräfte, die intrinsische Motivation ihrer Mitarbeiter zu steigern. Sie kommunizieren eine attraktive Vision und daraus abgeleitete hohe Leistungsziele" – und sie würden auch Sinn und Bedeutung vermitteln und damit deutlich machen, "wofür es sich lohnt, Zeit und Energie zu investieren".
Dabei sei der Chef eher als Mentor und Coach gefragt: "Die individuelle fachliche und persönliche Weiterentwicklung der Mitarbeiter ist besonders wichtig", erklärt Hoch. Es gehe darum, individuelle Bedürfnisse zu erkennen, Motive zu wecken und Selbstvertrauen zu entwickeln. Aufgabe der Führungskraft sei es vor allem, die Mitarbeiter anzuregen, kreativ und innovativ zu denken, "sodass diese sich im positiven Sinne herausgefordert fühlen, die Unternehmensprozesse zu hinterfragen und zu optimieren", so die Management-Expertin.
Transformationale Führung braucht Zeit
Klar ist, dass ein solches Umverteilen der Verantwortlichkeiten auch Zeit braucht und sich nicht von heute auf morgen im Unternehmen umsetzen lässt. "Man muss Geduld haben, die Umsetzung durch die Mitarbeiter abzuwarten", sagt Metallbauer Lackus. Aber es macht sich am Ende bezahlt: "Je mehr Mitarbeiter auf den Zug aufspringen, desto besser läuft der Betrieb."
Checkliste: Wie Sie Mitarbeiter durch transformationale Führung zum Mitdenken bewegen
"Wer eigenverantwortlich arbeiten darf, fühlt sich wertgeschätzt und ist entsprechend motiviert", sagt Julia Hoch, Management-Professorin an der California State University Northridge (CSUN). Wie man es schaffen kann, Engagement und persönliche Kompetenzen gezielt zu fördern – eine Checkliste.
- Individuelle Ziele mit jedem Mitarbeiter entwickeln – und diese unterstützen, sie zu erreichen.
- Mitarbeiter mit allen Hintergrundinformationen wie etwa Stundensätzen versorgen und ihnen ihre Handlungsspielräume klarmachen, sodass sie verantwortlich handeln können.
- Mitarbeiter entsprechend ihrer Stärken und Persönlichkeit einsetzen.
- Workshops zu wichtigen betrieblichen Themen abhalten, sodass die Mitarbeiter lernen können, ihre Fähigkeiten und Potenziale für den Betrieb einzusetzen.
- Bei der Auswahl von Führungskräften neben fachlichen Kompetenzen auch auf Sozialkompetenzen achten.
- Regelmäßig darüber sprechen, was im Betrieb gut und was schlecht gelaufen ist – und dabei das Mitdenken des Teams durch offene Fragen gezielt fördern.