Meisterstücke Tonmeister für den Klang

Es geht um Mathematik und Physik, Radien und Winkel: Ein Besuch in der Glockengießerei Perner in Passau und beim Hammerschmied in Anzenkirchen, die als handwerkliche Traditionsbetriebe den "Kuss von Glocke und Klöppel" ermöglichen.

Rudolf Perner, Glockengießer
Für das Kloster Osek in Nordböhmen, Anfang des 13. Jahrhunderts von Zisterziensern gegründet, werden bei Perner fünf Glocken gegossen. Glockengießermeister Rudolf Perner ist konzentriert bei der Sache. - © Patrik Hof

Vier Uhr morgens in der Glockenstraße in Passau – in der Glockengießerwerkstatt Perner herrscht Hochbetrieb. Mitarbeiter feuern mit großen Holzscheiten den Schmelzofen an, in dem rund acht Tonnen Glockenspeise schmilzt. Es ist Freitag, der Tag, an dem im Glockengießerhandwerk als Erinnerung an den Sterbetag Jesu Christi traditionell neue Glocken gegossen werden. Immer wieder schießen Funken unter die Decke, weißgrauer Ruß schwebt durch die Luft, Gase brennen ab. Es riecht nach verbranntem Holz.

Am Ende wird die Glockenspeise eine Temperatur von etwa 1.100 Grad Celsius erreichen, die durch Rühren mit Fichtenstangen in Bewegung gehalten wird. Viel Handarbeit und große Konzentration sind vom Team in der Werkshalle gefordert. Jeder kleine Fehler könnte das Ende des Gusses von fünf neuen Kirchenglocken für das tschechische Kloster Osek bedeuten.

Alles aus einem Guss – und am Ende zählt der Klang

"Am Ende zählt der Klang. Daher ist viel Vorarbeit notwendig", sagt Glockengießermeister Rudolf Perner. "Jede Kirchenglocke ist ein individuell entworfenes, handwerklich gefertigtes Unikat. Der Ton einer Glocke hängt von Durchmesser und Gewicht der Glocke ab. Daher verwenden WIR spezielle Holzbretter, die Glockenrippen, die in unserer Familie seit Jahrhunderten genutzt werden. Ihre Geometrie ist entscheidend für den Ton und die Klangqualität." Die Rippenform ist das "Heiligtum jeder Glockengießerei". Es geht um Mathematik, Radien und Winkel. Doch wie berechnet Perner den perfekten Ton: "Gießergeheimnis", lächelt er seine kurze Antwort. Wie genau muss eine perfekte Glocke klingen? Rudolf Perner überlegt kurz: "Die Kunst des Glockengießers besteht darin, das Klangspektrum einer Glocke mit seinen fünf Frequenzen vor dem Guss genau festzulegen und ihre Form entsprechend zu gestalten, da ein Nachstimmen nur in geringem Umfang möglich ist."

Die Arbeit an den fünf Glocken für Osek beginnt, abhängig von der Glockengröße, acht bis 20 Wochen vor dem Guss. Bei Perner wird seit Generationen auf das Lehmformverfahren gesetzt, weil es den besten Klang und die längste Haltbarkeit der Glocke garantiert. Hierfür wird eine Lehmschicht nach der anderen aufgetragen. Die dreiteilige Glockenform, die aus einem Kern (Glockeninnenform), einer falschen Glocke und einem äußeren Mantel besteht, wird im Boden mit Ziegeln gemauert. Begonnen wird mit der falschen Glocke, die in Umfang und Aussehen der späteren Glocke entspricht und einen Hohlraum zwischen Kern und Mantel schafft. Friedrich Schiller hat dies bereits in seinem 1799 veröffentlichten "Lied von der Glocke" so beschrieben: "Fest gemauert in der Erden / steht die Form, aus Lehm gebrannt. / Heute muss die Glocke werden. / Frisch Gesellen, seid zur Hand. / Von der Stirne heiß / Rinnen muss der Schweiß, / soll das Werk den Meister loben, / doch der Segen kommt von oben."

Die Glockenspeise strömt lavaartig aus dem Ofen

Schmiede, Klöppel
Bevor der Klöppel geschmiedet wird, muss Martin Wensauer die bauliche Situation des Glockenturms genauso wie das Joch, die Aufhängung und die Größe der Glocke berücksichtigen. - © Patrik Hof

Mittlerweile ist die falsche Glocke zerschlagen und Rudolf Perner schlägt den Verschluss am Schmelzofen auf. Die acht Tonnen brodelnde Glockenspeise strömen lavaartig aus dem Ofen und fließen durch kleine Kanäle, an deren Ende sich eine der fünf geziegelten Glockenformen im Fußboden befindet. Die Form muss in einem Zug gegossen werden. Zehn Mitarbeiter in silberfarbenen Schutzanzügen überwachen und lenken die orange glühende Bronze in den Gusskanälen. Die Glockenspeise, die aus 78 Prozent Kupfer und 22 Prozent Zinn besteht, fließt in den Hohlraum zwischen Kern und Mantel. Insgesamt umfasst ein solcher Glockenguss rund 400 Arbeitsschritte. Die Bronzeglocken von Osek – die größte für das Kloster in Nordböhmen wiegt rund 2.400 Kilogramm und hat einen Durchmesser von 1,50 Meter – bleiben bis zu zwei Wochen in der Erde und werden dann ausgegraben. Zum Erkalten braucht die Glocke je nach Größe bis zu mehreren Wochen.

Klöppel
Wissen ist das Fundament für das Schmieden des Klöppels, der aus Platte, Schaft, Kugel und dem Vorschwung besteht. - © Patrik Hof

Glockensysteme sind dynamische Mehrpendelsysteme. Der Glockenklang entsteht aus den zwei pendelnden Elementen Glocke und Klöppel, die harmonieren müssen. Der Schutz des Kulturgutes und Klangoptimierung stehen beim Europäischen Kompetenzzentrum für Glocken ECC-ProBell an der Hochschule Kempten im Mittelpunkt, die sehr eng mit den Experten des Handwerks zusammenarbeiten. "Jede Glocke ist einzigartig," sagt Andreas Rupp, der Leiter von ECC-ProBell. "Für die fachkundige Auslegung des Klöppels muss einiges beachtet werden. Das Läuten in den Ländern und Regionen ist sehr unterschiedlich. Auch bauliche Einschränkungen, Denkmalschutz oder besondere Schonung der Glocke sind wichtig beim Schmieden. Nur so führt der Kuss von Glocke und Klöppel bei jedem Anschlag zu einem wohltönenden Klang."

Ohne Klöppel aus Anzenkirchen klingen auch die Glocken in Notre-Dame nicht

Glocken
Die Glockengießerwerkstatt Perner blickt auf eine über 400-jährige Gießertradition zurück. - © Patrik Hof

Da Kirchenglocken durch das Anschlagen des Pendels stark belastet sind, verfolgt das Rottaler Hammerwerk die Forschungen von ECC-ProBell mit großem Interesse. In der Werkstatt von Martin Wensauer in Anzenkirchen werden jährlich rund 1.600 Klöppel geschmiedet. So würden ohne die niederbayerischen Spezialisten auch die Glocken der weltberühmten Kathedrale Notre-Dame de Paris nicht klingen. Ihr fachliches Know-how war bei den im Jahr 2013 für die französische Kathedrale neun gegossenen Glocken genauso gefragt wie nach dem verheerenden Brand im April 2019. Seit der Wiedereröffnung im Dezember 2024 schwingen zwei neue Klöppel in den Glocken.

Oder wie hat es Victor Hugo in seinem Roman "Der Glöckner von Notre-Dame" geschrieben: "Die Stimmen der Glocken freilich waren die einzigen Laute, die er (Quasimodo) noch hören konnte. (…) Das Gerüst, auf dem er stand, erbebte, wenn der Klöppel zum ersten Mal gegen die metallenen Wände schlug. Quasimodo vibrierte mit der Glocke." Metallbaumeister Martin Wensauer erklärt, wie es zum Auftrag in Paris kam: Anders als bei Industrieschmieden „ist durch unsere Spezialisierung jeder Klöppel ein Unikat“ und fügt hinzu: "Daher haben wir uns bei in- und ausländischen Glockengießern einen Namen gemacht. Das ist der Grund, warum der französische Glockengießer wieder mit uns zusammenarbeiten wollte. Die Aufträge für Notre-Dame sind für uns eine ganz besondere Ehre."

Mathematik und Physik sind gefragt

Vor dem Schmieden ist jedoch erst einmal Mathematik und Physik gefragt, weil der Klöppel die Glocke am höchsten Punkt treffen muss. Für die richtige Berechnung der Länge, des Gewichts und Durchmessers des zu schmiedenden Klöppels müsse, so Wensauer, die Turmstatik und Glockenaufhängung (Joche) berücksichtigt werden. Am Ende soll der Klöppel nicht mehr als fünf Prozent des späteren Glockengewichts ausmachen. Nur mit dieser detaillierten Planung, ergänzt Wensauer, können die Glocken bestmöglich geschützt und der Klang verbessert werden. Im ersten Arbeitsschritt wird ein Rohling ausgesucht, der aus unlegiertem Stahl mit viel Kohlenstoff besteht. Fünf Männer, alle mit Gehörschutz ausgestattet, legen den glühenden Stahlrohling unter den Schmiedehammer. Viel Muskelkraft und der Hammer, der ein sogenanntes Bärgewicht von 400 Kilogramm aufweist, formen den Stahl zu einem Achteckklöppel mit Platte, Schaft – dieser ist aufgrund der sehr hohen Belastung die "Achillesferse des Klöppels" –, Kugel und Vorschwung. Der Boden vibriert und ein monotoner Klangrhythmus mit großer Lautstärke wummert durch die Werkstatt. Pro Klöppel sind rund zwei Arbeitstage notwendig, weil nach jedem Arbeitsschritt der Rohling wieder abkühlen muss.

Der Klang des Handwerks

Die Glockenform entstand vor 5.000 Jahren in China. Wahrscheinlich kam die Glocke über das Judentum in das Christentum. Die heute existierende Bauform der Kirchenglocke entstand um ca. 1000 n. Chr. Ab diesem Zeitpunkt riefen Priester mit der Glocke Gläubige akustisch zum Gottesdienst und Gebet. Die älteste Glocke auf dem europäischen Festland befindet sich in Murnau am Staffelsee und hatte noch keinen liturgischen Zweck. Die iroschottischen Wandermönche nutzten Glocken wie in Murnau für ihre „Werbetour für das Christentum“ als akustisches Signal. In der Ramsach-Kirche „St. Georg“ hängt die über 1.200 Jahre alte geschmiedete Glocke aus Blech. Die ältesten, gegossenen Glocken im Erscheinungsgebiet der DHZ sind die Lullusglocke (1038/Klosterruine Bad Hersfeld, Hessen), die Bürgli-Glocke (1050/Gailingen, Baden-Württemberg), die Silberglocken (1070/Dom Augsburg, Bayern), die Rieder-Glocke (11. Jhd./Ballenstedt-Rieder, Sachsen-Anhalt) oder in Iggensbach (1144, Bayern).

Erding klingt in aller Welt

Im Museum Erding widmet sich eine neue Dauerausstellung dem Glockengießerhandwerk. Erding galt fast ein Jahrhundert als europäisches Glockengießerzentrum. Die Ausstellung informiert über die Technik des Glockengusses und das Erdinger Glockengießerhandwerk, das von 1850 bis 1971 weltweit gefragt war. Insgesamt wurden in Erding über 10.000 Glocken aus den Materialien Bronze und Euphon gegossen.