Umstrittener Farbstoff Titandioxid: Neue Kennzeichnungspflicht ab Oktober 2021

Der Farbstoff Titandioxid steht im Verdacht krebserregend zu sein. Er färbt Lebensmittel und Kosmetik weiß – genauso wie Wandfarben und Lacke. Während die Politik und die Lebensmittelbranche noch über mögliche Gefahren und Folgen durch den Verzehr von Titandioxid diskutieren, stehen für Farben und Lacke schon neue Warnhinweise fest. Sie gelten ab 1. Oktober 2021. Das steckt dahinter.

Titandioxid ist in vielen Farben und Lacken enthalten.
Ab Oktober 2021 gelten neue Kennzeichnungspflicht für mögliche Gefahren durch Titandioxid auf Farben und Lacken. - © Kadmy – stock.adobe.com

Titandioxid ist ein Allrounder und genauso umgibt uns der Farbstoff auch. Er ist fast überall zu finden, wo es darum geht, etwas weiß zu färben: in Cremes und Zahnpasta, in Waschmittel und Medikamenten, in Wandfarbe und Lacken, in Süßigkeiten und Backwaren, in Soßen und Suppen. Meist taucht er in den Zutatenlisten unter der Bezeichnung E171 auf. Titandioxid wird massenweise hergestellt und genutzt – bislang noch. Denn der Farbstoff ist in den letzten Jahren immer mehr in die Kritik geraten. Und so hat die EU Bewertungen in Auftrag gegeben, um seine Wirkung auf die Gesundheit zu untersuchen. Seitdem das bekannt ist, ist auch das Stichwort "Krebsrisiko" mit in der Diskussion. Und Tatsache: Die Zulassung wackelt.

Titandioxid in Lebensmitteln bald verboten?

Die neuesten Entwicklungen dazu erlebt derzeit die Lebensmittelbranche. Erst kürzlich hat die Europäischen Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) bekannt gegeben, dass Titandioxid wegen möglicher Gesundheitsrisiken nicht sicher für den menschlichen Verzehr sei. Die Experten der EU-Behörde fanden nach eigenen Angaben zwar keine abschließenden Beweise für eine schädigende Wirkung von E171. Sie konnten aber etwaige Effekte auf das menschliche Erbgut in den Zellen nicht ausschließen. Deshalb gaben sie die Empfehlung, Titandioxid als nicht mehr sicher als Lebensmittelzusatzstoff einzustufen. Die Behörde verhängte kein Verbot, sondern gibt eine Empfehlung an die Europäische Kommission und die 27 EU-Mitglieder. Brüssel und die Staaten können dann mit Vorschriften aktiv werden.

Deutschland hat darauf auch bereits reagiert. Bundesernährungsministerin Julia Klöckner forderte nach dem Bekanntwerden der EFSA-Einschätzung ein EU-weites Ende der Zulassung des Farbstoffes Titandioxid im Essen. "Im Sinne des Vorsorgeprinzips muss die EU-weit geltende Zulassung für Titandioxid daher zurückgenommen werden. Es ist nicht auszuschließen, dass der Lebensmittelzusatzstoff erbgutschädigend wirkt" erläuterte die CDU-Politikerin. Sie gab an, dass sie sich bereits an die EU-Kommission gewandt und sie aufgefordert habe, hier tätig zu werden.

Titandioxid: Mögliche Krebsrisiken durch das Einatmen

Der weitere Fortgang bei Titandioxid als Lebensmittelzusatzstoff ist aber noch offen. Was andere Bereiche betrifft, gab es allerdings bereits Entscheidungen. Denn ein weiteres großes Einsatzgebiet des Pigments Titandioxid ist technischer Natur: zum Beispiel in Farben, Lacken und Mörtel. Und hierzu gibt es bereits umfassende Studien, die der Ausschuss für Risikobewertung (RAC) bei der Europäischen Chemikalienagentur bewertet hat. Dabei ging es um Titandioxid-Proben von nicht faseriger Form, unterschiedlichen Kristallstrukturen und Partikelgrößen. Demnach hatte die EU-Kommission bereits 2019 erklärt, dass es für Titandioxid in Pulverform künftig einen Warnhinweis geben sollte. Dabei ging es um mögliche Krebsrisiken durch das Einatmen von Pulver. Genau diese neuen Hinweise wird es ab Oktober 2021 geben.

Diese betreffen Änderungen der sogenannten CLP-Verordnung (CLP steht für Classification, Labelling and Packaging). Diese ist im Jahr 2009 in Kraft getreten. Es legt ein europaweites System für die Einstufung, Kennzeichnung und Verpackung von Stoffen und Gemischen fest. Die Regelungen für Titandioxid und Gemische, die Titandioxid enthalten, wurden in der Verordnung (EU) 2020/217 vom 4. Oktober 2019 am 18. Februar 2020 veröffentlicht und gelten damit spätestens ab dem 1. Oktober 2021.

Titandioxid: Das gilt ab 1. Oktober 2021

Dabei geht es allerdings nicht nur um die Pulverform von Titandioxid, sondern grundsätzlich um Formen, die lungengängige Partikel enthalten. Maler- und Lackiererbetriebe sollten auf die neuen Kennzeichnungen achten, um den gesetzlich vorgeschriebenen Arbeitsschutz einzuhalten und um sich gegen potenzielle Gefahren zu schützen. Im Fokus stehen Tätigkeiten, bei denen Nebel entstehen, wie beim Sprühen von Farben und Lacken aber auch Tätigkeiten, bei denen Stäube freigesetzt werden, wie beim Abschleifen von Wänden oder Möbeln.

Konkret gilt nun für Bauprodukte wie Farben und Lacke und Gemische aus diesen, wenn sie Titandioxid enthalten:

  • In flüssiger Form sind Titandioxid-haltige Gemische von der Einstufung als "vermutlich karzinogen beim Einatmen" ausgenommen. Sie müssen jedoch einen neuen Hinweis tragen, wenn die Farben und Lacke mindestens 1 Prozent Titandioxidpartikel mit einem aerodynamischen Durchmesser von höchstens 10 µm enthalten. Denn bei einer Sprühanwendung können lungengängige Tröpfchen entstehen, die nicht eingeatmet werden dürfen. Beim Inverkehrbringen ist dann der Hinweis EUH211 auf dem Etikett der Verpackung notwendig. Dieser lautet: "Achtung! Beim Sprühen können gefährliche lungengängige Tröpfchen entstehen. Aerosol oder Nebel nicht einatmen." Ebenso muss dann auf dem Etikett darauf hingewiesen werden (Hinweis EUH210), dass ein Sicherheitsdatenblatt auf Anfrage erhältlich ist.
  • Titandioxid-haltige Gemische in Pulverform, die aufgrund ihres Gehaltes an Titandioxidpartikeln in freier oder gebundener Form (mindestens 1 Prozent Titandioxidpartikel mit einem aerodynamischen Durchmesser von höchstens 10 µm) müssen als v"ermutlich karzinogen beim Einatmen" eingestuft und gekennzeichnet werden mit dem Gefahrenpiktogramm GHS08, dem Signalwort "Achtung" und dem Gefahrenhinweis H351 (Einatmen): "Kann bei Einatmen vermutlich Krebs erzeugen." Geeignete Sicherheitshinweise geben dem Verwender Empfehlungen zu Maßnahmen für die sichere Verwendung. Darüber hinaus erfüllen diese Gemische ebenfalls die Voraussetzung zur Vergabe des Hinweises EUH212: "Achtung! Bei Verwendung kann gefährlicher lungengängiger Staub entstehen. Staub nicht einatmen."
  • Alle anderen festen Gemische, die mindestens 1 Prozent Titandioxid enthalten, erfüllen die Voraussetzung, dass auf dem Etikett der Hinweis EUH212 anzubringen ist: "Achtung! Bei Verwendung kann gefährlicher lungengängiger Staub entstehen. Staub nicht einatmen." Ebenso muss dann auf dem Etikett mit dem EUH210 darauf hingewiesen werden, dass ein Sicherheitsdatenblatt auf Anfrage erhältlich ist.

Titandioxid in fester, flüssiger oder Pulverform: Unterschiedliche Gefahren

Obwohl Titandioxid in vielen flüssigen Gemischen wie Farben und Lacken enthalten ist, greift der neue Warnhinweis "EUH211" also nur dann, wenn der Stoff im Gemisch zu 1 Prozent oder mehr in Partikelform mit einem aerodynamischen Durchmesser ≤ 10 Mikrometer (µm) vorliegt. Denn nur dann gilt er als lungengängig, so dass bei Sprühanwendungen das Einatmen der Nebel und Aerosole vermieden werden soll. Bei festen Gemischen, wie etwa Malkreiden oder auch Buntstifte, die ja nicht pulverförmig sind, gilt ähnliches. Enthalten sie mindestens 1 Prozent Titandioxid, egal in welcher Partikelgröße, ist für solche Gemische der EUH212 auf dem Etikett zu vergeben.

Beide Arten an Gemischen, flüssige Farben und Lacke sowie feste Malfarben oder Malkreiden werden mit einem neuen Hinweis versehen, gelten trotz des enthaltenden Titandioxids aber nicht als gefährlich.

Für den Alltag der Maler und Lackierer könnte zudem wichtig sein, wie man mit eingetrockneten Farben und Lacken umgehen sollte. Dazu erklärt Ralf John von der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (BAuA), dass diese Abfall sind und CLP-Verordnung hier nicht greift. "Das sind zwar Gemische, die auch Titandioxid enthalten können, aber sie sind ja nicht mehr verwendbar", sagt der Mitarbeiter der Bundesanstalt. Dabei sind Farbreste aus Dosen und Eimern, die einst flüssig waren und nun in Form von festen Gemischen vorliegen, in der Regel kein gefährlicher Abfall.

Vorsicht bei Schleifstäuben!

Bei Farbresten, die Titandioxid enthalten, entsteht aus Sicht von Ralf John nur dann eine Situation, in denen es um Gefahrstoffe geht, wenn man Schleifstäube mit einbezieht. Denn Schleifstäube, die beim Schleifen von Titandioxid haltigen Belägen anfallen, sind pulverförmig. Für die Pulverform ist wiederum die Partikelgröße ausschlaggebend. Ob sie als gefährlich im Sinne der CLP-Verordnung gelten und ob sie demnach zu gefährlichem Abfall werden, "hängt davon ab, ob der Titandioxidpartikelgehalt mit dem Durchmesser von ≤ 10 μm im Schleifstaub bei 1 Prozent oder darüber liegt", sagt der BAuA-Mitarbeiter.

Unabhängig vom Abfall entstehen beim Schleifen von Wänden und Abschleifen von Möbeln aber auch dann mögliche Gefahren für Handwerker. Hierbei sind die Arbeitsschutzvorgaben der Gefahrstoffverordnung einzuhalten. Hier greift die Technische Regel für Gefahrstoffe 900 mit Arbeitsplatzgrenzwerten und entsprechenden Schutzmaßnahmen. "Für Tätigkeiten mit titandioxidhaltigen Produkten, bei denen Stäube entstehen, ist der allgemeine Staubgrenzwert", einzuhalten, erklärt Ralf John. Dieser beträgt:

  • Titandioxid (alveolengängiger Anteil)      1,25 mg/m3
  • Titandioxid (einatembarer Anteil)             10mg/m3

"Keine Gefährdung für Maler und Lackierer durch Titandioxid"

Grundsätzlich gelte dabei: Wird der Grenzwert von 1,25 mg/m3 für den lungengängigen Anteil eingehalten, besteht keine Gefahr einer Entzündungsreaktion in den tiefen Atemwegen. Dann könne auch kein erhöhtes Krebsrisiko vorliegen. Der Mitarbeiter der BAuA drückt dies konkret so aus: "Für Maler und Lackierer besteht keine Gefährdung durch Titandioxid. Derart viel Feinstaub, der die Lunge belastet, entsteht in der Regel nicht bei Tätigkeiten, wie Streichen oder Rollen von Farbe oder Tapetenentfernen. Andererseits ist bei Schleifarbeiten grundsätzlich die Staubbelastung durch technische und organisatorische Maßnahmen zu reduzieren. Die entsprechenden Arbeitsplatzgrenzwerte müssen eingehalten werden."

mit Material von dpa