Lieferengpässe und hohe Materialpreise beschäftigten das Tischlerhandwerk. Thomas Radermacher, Präsident der Tischler und Schreiner, erklärt außerdem, wie sich das Gewerk in Sachen Klimaschutz und Nachwuchsgewinnung für die kommenden Jahre positioniert.

DHZ: Herr Radermacher, Sie wohnen in Meckenheim bei Bonn und haben dort Ihren Schreinerbetrieb, nur wenige Kilometer vom Ahrtal entfernt. Eine Gegend, die stark vom Hochwasser betroffen war. Wie haben Sie die Katastrophe erlebt?
Thomas Radermacher: Bei uns war es auch schlimm. Nicht so schlimm wie im Ahrtal, aber ich war ziemlich nahe dran, sowohl persönlich, als auch durch meine Arbeit als Kreishandwerksmeister und Sachverständiger. Ich habe in den letzten zwölf Wochen ungefähr 150 nasse Keller gesehen und viele Schicksale erlebt. Das war mitunter herzzerreißend.
Was muss jetzt getan werden?
Nach Schlamm schippen und planen, muss jetzt alles umgesetzt werden: Estrich legen, Wände verputzen, neue Elektrik und Heizungen einbauen. Das wird sich noch einige Monate, wenn nicht Jahre, hinziehen. Wer dachte, dass er bis Weihnachten wieder in seinem Haus wohnt, kann sich das meist abschminken. Häuser trocknen nicht so schnell, wie man es landläufig annimmt.
Ich glaube aber, dass das Handwerk in der Region stark genug ist auch diese Probleme abzuarbeiten. Wir sind eine unglaublich solidarische Gesellschaft. Die Hilfen, die hier geleistet worden sind – von privater und staatlicher Seite – sind sensationell.
Ein anderes großes Thema, das uns aktuell beschäftigt, ist Corona. Wie ist Ihre Branche bisher durch die Pandemie gekommen?
Ambivalent. Vor allem unsere Messebaufirmen sind von einem Tag auf den anderen von hundert auf null gefallen. Das war erstmal eine existenzbedrohende Situation. Tischlerbetriebe, die Hotels einrichten, waren nur kurz betroffen. Hier hat sich die Situation schnell wieder verbessert, weil die Hotels während der Schließungen viel saniert haben.
Im restlichen Tischlerhandwerk war eine starke Nachfrage zu spüren. Da hieß es ‚Schrank statt Mallorca‘ oder ‚Fenster statt Gran Canaria‘. Die Zahlen für 2020 sind insgesamt außerordentlich positiv.
Wenn so viele Aufträge da sind, wie beeinflussen dann Holzmangel und Lieferengpässe Ihre Branche?
Viele Rohstoffpreise sind geradezu explodiert, nicht nur Holz. Das hat den Betrieben richtig weh getan. Wir planen unsere Aufträge mitunter weit im Voraus und kalkulieren dementsprechend. Konditionen und Kalkulationsgrundlagen stimmten plötzlich nicht mehr.
"Viele Rohstoffpreise sind geradezu explodiert, nicht nur Holz. Das hat den Betrieben richtig weh getan."
Thomas Radermacher
Haben Sie ein Beispiel, was aktuell besonders knapp und teuer ist?
Zum Beispiel ganz normale Türen, die von der Industrie produziert und von den Tischlern eingebaut werden. Diese Standardprodukte haben aktuell 16 bis 18 Wochen Lieferzeit. Außerdem haben sich die Holzpreise zwar mittlerweile etwas beruhigt, aber alles, was aus Mineralöl gemacht wird, also Dämmstoffe, Dichtstoffe etc., ist nach wie vor selten und teuer.
Worin liegen aus Ihrer Sicht die Ursachen, insbesondere für den Holzmangel?
Zum einen haben die Amerikaner plötzlich angefangen wie verrückt auf dem europäischen Markt einzukaufen und das zu drei- bis vierfach höheren Preisen als der deutsche Markt eigentlich hergibt. Hinzu kommt, dass wir nicht alle unsere Ressourcen genutzt haben. Bei uns lag zum Beispiel viel Borkenkäferholz ungenutzt im Wald. Dieses Kalamitätsholz haben wir verheizt oder den Chinesen für billiges Geld verkauft. Diese haben wiederum Konstruktionsvollholz oder Brettschichtholz daraus gemacht und es uns teurer wiederverkauft. Das Waldschäden-Bekämpfungs-Gesetz und das Klimapaket haben den Holzeinschlag zudem reduziert.
Vor ein paar Monaten gab es eine große Konferenz mit Wirtschaftsminister Peter Altmaier zu dem Thema. Sie waren auch dabei. Was hat das aus Ihrer Sicht gebracht?
Erstmal war es gut, dass wir zusammen mit dem Zentralverband des Deutschen Handwerk und anderen Verbänden, die Politik auf das Thema hingewiesen haben. Das war dort noch nicht angekommen. Und die Politiker sind daraufhin wirklich aktiv geworden.
An welchen Stellschrauben wurde denn konkret gedreht nach der Konferenz?
Zum Beispiel haben wir uns von der Einschlagreduzierung befreit. Außerdem haben wir geschaut, was wir mit dem Kalamitätsholz machen können. So steht uns jetzt mehr Holz zur Verfügung. Zusätzlich wurde politischer Druck auf die Sägewerke ausgeübt, die natürlich ein großes Interesse hatten, ihr Holz für den vierfachen Preis nach Amerika zu verkaufen. Da ist viel im Hintergrund gelaufen.
Es gab auch immer wieder Rufe nach einem Exportstopp. Wäre das nicht auch eine Option gewesen?
Es ist zwar unser Ziel, zuerst den eigenen Markt zu versorgen, aber ein Exportstopp, das geht nicht. Deutschland ist Exportvizeweltmeister und wenn wir anfangen Exportstopps auf Produkte aus unserem Land zu verhängen, kriegen wir das wie einen Bumerang zurück.
Was schätzen Sie, wie es bei dem Thema weiter gehen wird?
Ich gehe von drei bis vier Monaten aus, bis die Lieferprobleme behoben sind. Allerdings werden uns die Preiserhöhungen leider noch länger begleiten. Wir hatten zwischenzeitlich eine Preisindexsteigerung von 30 bis 40 Prozent. Im kommenden Frühjahr wird zwar die Hysterie vorbei sein, aber eine Preissteigerung von zehn bis 20 Prozent wird bleiben.
"Uns liegt das Thema Nachhaltigkeit in der DNA."
Thomas Radermacher
Für die neue Bundesregierung wird das Thema Klimaschutz eine große Rolle spielen. Sie sind nun seit einigen Monaten Nachhaltigkeitsbeauftragter des ZDH. Wo sehen Sie da die Rolle des Handwerks?
Ich muss immer schmunzeln, wenn man dem Handwerk mit dem Thema Nachhaltigkeit auf die Pelle rücken möchte. Uns liegt das Thema in der DNA. Bei uns wird nichts weggeschmissen. Bei uns wird immer geschaut, wie kann ich sorgsam und sogfältig mit den Rohstoffen umgehen, die ich verarbeite.
Wir sind in Deutschland als Industriegesellschaft auf dem Weg von einer linearen zu einer nachhaltigen Produktion. Das heißt, wir müssen uns nicht nur darüber Gedanken machen, wie wir Produkte herstellen und verkaufen, sondern auch, was wir damit machen, wenn der Lebenszyklus einmal vorbei ist. Ich habe ein bisschen Angst, dass alles jetzt stärker institutionalisiert wird und das die Betreibe überlasten könnte. Daher bin ich dankbar, dass wir aktiv an diesem Entwicklungsprozess teilhaben dürfen. Ich sehe es als Chance, um neue Betätigungsfelder aus der Taufe zu heben, die sich mit Recycling und Wiederverwertung auseinandersetzen. Fest steht, dass wir nicht so weitermachen können.
Wie bereitet sich denn das Tischlerhandwerk auf diese neuen Betätigungsfelder vor?
Das ist tatsächlich ein sensibles Thema. Unsere Ausbildungsordnung ist 15 Jahre alt. Die Themen Nachhaltigkeit, Umweltschutz und Klima sind dort leider nicht so stark verankert. An der Stelle haben wir noch Reformbedarf. Es gibt, wie in jeder Branche auch, traditionalistische und moderne Betriebe und daher auch gewisse Diskussionen. Wir werden unsere Ausbildungsordnung anpassen und unsere jungen Leute frühzeitig mit diesen Themen in Berührung bringen. Wir können nicht mit Instrumenten taktieren, die vor 15 Jahren mal gut waren.
"Es gibt ganz viele Faktoren, die dafürsprechen, eine vernünftige Ausbildung im Handwerk zu machen, anstatt sich an die Uni zu setzen und 47. BWL-Studiengang zu belegen."
Thomas Radermacher
Wie ist es insgesamt um Ihren Nachwuchs bestellt?
Das ist ein ganz schwieriges Feld. Wir sind derzeit bei einem Stand von etwa 7.000 Tischlerlehrlingen in Deutschland. Vor 30 Jahren waren es mehr als die Hälfte mehr.
Was sind die Gründe für den Nachwuchsmangel?
Das liegt zum einen daran, dass wir viel weniger Betriebe haben als noch vor 20 oder 30 Jahren. Leider sind immer weniger Betriebe zur Ausbildung bereit. Die Betriebe, die ausbilden, machen es gut und engagiert. Wir haben aber leider eine gewisse Zahl an Betrieben, die sich mit dem Thema Ausbildung überhaupt nicht auseinandersetzt.
Außerdem ist es aus Sicht vieler Eltern nicht attraktiv ein Handwerk zu lernen. Das ist eine völlige Fehleinschätzung. Es gibt ganz viele Faktoren, die sehr wohl dafürsprechen, eine vernünftige Ausbildung im Handwerk zu machen, anstatt sich an die Uni zu setzen und den 47. Betriebswirtschafts-Studiengang zu belegen.
Was möchten Sie diesen Eltern mitgeben?
Das Handwerk ist einer der Stabilitätsfaktoren der deutschen Wirtschaft. Das hat man auch während Corona gut gesehen. Die Arbeitsplätze waren sicher und die Einkommen auch. Ein konkretes Beispiel für die hervorragenden Perspektiven im Handwerk ist das Thema Betriebsübernahmen. In den kommenden zehn Jahren stehen 40 Prozent der Handwerksbetriebe zur Übergabe bereit. Für junge Leute bietet das eine Riesenchance, als Seiteneinsteiger einem Betrieb zu übernehmen.
Und was wünschen Sie sich von der kommenden Bundesregierung im Bereich Ausbildung?
Ich wünsche mir ganz klar ein Bekenntnis zur Gleichwertigkeit beruflicher und akademischer Ausbildung. Das wird in den Sonntagsreden immer gerne postuliert. Aber wenn ich mir die finanzielle Verteilung anschaue, ist da kein Gleichgewicht. Wir geben rund 20 Milliarden Euro im Jahr für die akademische Ausbildung aus, aber nur rund 1,8 Milliarden Euro für die berufliche Ausbildung und das duale System.
Die Last liegt im Moment im Wesentlichen bei den Betrieben. Das ist auch gut, denn es ist im Sinn der dualen Ausbildung. Aber wenn darüber diskutiert wird, dass es in unseren allgemeinbildenden Schulen reintropft, dann muss man sich das ebenso in den Berufsschulen anschauen. Denn auch da brauchen wir Qualität. Auch da muss gefördert werden und den Menschen die Möglichkeit gegeben werden, in einer dualen Ausbildung auf dem neuesten Stand der Technik und der Digitalisierung ausgebildet zu werden.