Das Handwerk im Kino "The Outfit": Maßanzüge für die Mafia

Morgen startet mit dem grandiosen Gangster-Thriller "The Outfit" einer der mitreißendsten Filme in den deutschen Kinos, die je über das Maßschneiderhandwerk gedreht wurden. Lesen Sie hier, warum das fiebrige Kammerspiel so sehenswert ist.

Ist nach einem langen Arbeitstag in seiner Werkstatt eingenickt: Herrenmaßschneider Leonard Burling (Mark Rylance). - © Nick Wall/Focus Features

"Auf den ersten Blick besteht ein Anzug nur aus zwei Teilen: aus einer Hose und einer Jacke", beginnt der erfahrene Maßschneider Leonard Burling (Mark Rylance) im Film seine Erläuterungen aus dem Off – und klärt uns bereits im nächsten Atemzug darüber auf, dass seine Anzüge natürlich nicht nur aus zwei Kleidungsstücken und vier verschiedenen Stoffen, sondern auch aus 38 Einzelteilen und 228 Arbeitsschritten bestehen. Keine Frage, der Mann versteht sein Handwerk: Nach zwei Weltkriegen und dem Siegeszug der Blue Jeans hat der Witwer, der als junger Mann in die Lehre bei den besten Maßschneidern Londons gegangen ist, das von Krieg und Armut gebeutelte England verlassen und ist mit nichts als einer Schere in der Tasche nach Amerika übergesiedelt.

Im Chicago der 50er Jahre hat er im Herbst seines Lebens eine neue Heimat gefunden – und an eben diesen Ort entführt uns der US-amerikanische Filmemacher Graham Moore in 106 spannenden Filmminuten. Sein kammerspielartiger Gangster-Thriller "The Outfit", der bei der Berlinale 2022 seine Weltpremiere feierte und am 2. Juni in den deutschen Kinos startet, spielt in Leonards stilvoller Herrenmaßschneiderei, die der Handwerker mit Unterstützung seiner jungen Empfangsdame Mable (Zoey Deutch) betreibt: Er kreiert Anzüge für eine anspruchsvolle Kundschaft, die sich nicht in Massenware kleiden will und das nötige Kleingeld für Leonards Maßanfertigungen mitbringt.

"Ich bin kein Schneider. Ich bin ein Maßschneider"

Die Wertschätzung für das Maßschneiderhandwerk ist im Film förmlich mit Händen zu greifen, zumal Leonard zwischen einfacher Arbeit und hoher Handwerkskunst differenziert: "Ich bin kein Schneider. Ich bin ein Maßschneider", stellt der von Oscar-Preisträger Mark Rylance ("Bridge Of Spies") sehr charismatisch gespielte Handwerker klar – schließlich könne sich jeder, der eine Nadel, einen Faden und 15 Minuten Zeit mitbringe, schon als Schneider bezeichnen. Der Herrenmaßschneider hingegen skizziert seine Schnittvorlagen mit messerscharfer Präzision und faltet das Seidentuch zu makellosen Quadraten: Jeder Handgriff sitzt und ist seit Jahrzehnten erprobt.

Regisseur Graham Moore, der mit Johnathan McClain auch das Drehbuch zu seinem ersten Kinofilm geschrieben hat, schwelgt in Bildern teurer Stoffe und setzt auf präzise Einstellungen, die Leonard bei der akribischen Materialverarbeitung zeigen. Doch handwerkliches Geschick allein ist nicht alles: Der Umgang mit schwieriger Kundschaft will genauso gelernt sein, um dauerhaft am Markt zu bestehen. Für Leonard ist nicht nur der Blick für den passenden Kleidungsstil, sondern auch die Interpretation der Körperhaltung oder das nötige Einfühlungsvermögen bei besserwisserischen Käufern unabdingbar. Zugleich gibt der Maßschneider dem Film mit seinen fachmännischen Kommentaren und einigen kurzweiligen Anekdoten aus seinem Leben den erzählerischen Rahmen.

Ein eingespieltes Duo: Herrenmaßschneider Leonard Burling (Mark Rylance) und seine Empfangsdame Mable (Zoey Deutch). - © Nick Wall/Focus Features

Der Meister und die Mafiosi

In seinem Tailor Shop will der Meister mit der Schere, der Nadel und dem Faden vor allem eines: in Ruhe seiner Arbeit nachgehen. Mit der Ruhe ist es aber bald vorbei, denn was Leonard mit seinem Schneiderwerkzeug anzufertigen vermag, hat sich in der "Windy City" auch in Windeseile herumgesprochen: Zu seinen zahlungskräftigen Kunden zählt die irische Mafia um den einflussreichen Gangsterboss Roy Boyle (Simon Russell Beale), der in Leonards Werkstatt nicht nur feinen Zwirn in Auftrag gibt, sondern dort auch einen geheimen Briefkasten platziert hat und sich auf den Straßen Chicagos eine erbitterte Fehde mit einer rivalisierenden Verbrecherbande liefert – den aus Frankreich emigrierten "La Fontaines".

Als Boyles draufgängerischer Sohn Richie (Dylan O'Brien) eines Nachts angeschossen wird und mit dem nicht minder skrupellosen Gangster Francis (Johnny Flynn) in Leonards Werkstatt flüchtet, sind dessen Fähigkeiten mit Nadel und Faden allerdings anderweitig gefragt: Der Maßschneider flickt die Bauchdecke des Kriminellen notdürftig zusammen und rettet ihm damit das Leben. Der Verletzte war vor dem Schusswechsel in eine Falle geraten, weil sich im Boyle-Syndikat eine "Ratte" eingenistet hat, die die Geheimnisse des Clans ausplaudert. Aber wer könnte diese Ratte sein?

Spannungsmomente wie bei Hitchcock

Beginnend mit der dramatischen Rettungsaktion überschlagen sich in der Werkstatt die Ereignisse – viel mehr soll über die doppelbödige und mit vielen pfiffigen Wendungen gespickte Handlung an dieser Stelle aber nicht verraten werden. Das Bemerkenswerteste an der Suche nach dem falschen Fuffziger in den Reihen der Boyles ist die Tatsache, dass der gut eineinhalbstündige Echtzeit-Thriller trotz der hohen Handlungsdichte gerade einmal in zwei Räumen spielt: Nur für wenige Sekunden verlässt die Kamera die durch eine Schiebetür vom Empfangsraum getrennte Werkstatt, in der Leonard seine Maßanfertigungen kreiert und seine exquisiten Stoffe lagert.

the outfit richie und mable
Gefährliche Liaison: Burlings Mitarbeiterin Mable (Zoey Deutch) hat sich mit dem skrupellosen Gangster Richie Boyle (Dylan O'Brien) eingelassen. - © Nick Wall/Focus Features

Für eine reizvolle Geschichte braucht es keine spektakulären Schauwerte – dass dafür ein gutes Drehbuch ausreicht, belegt "The Outfit" sehr eindrucksvoll. Als irgendwann ein Toter in einer Truhe versteckt wird, werden sogar Erinnerungen an Alfred Hitchcocks berühmtes Meisterwerk "Cocktail für eine Leiche" von 1948 wach, das ohne sichtbaren Schnitt in einem Appartement spielt – was beim "Master of Suspense" so hervorragend funktioniert hat, sorgt auch über 70 Jahre später noch für gespanntes Innehalten beim Publikum. Allein der actionreiche Showdown des Films wirkt etwas überambitioniert, zumal sich der Erzählton hier spürbar verändert – angesichts des bis dato so hohen Unterhaltungswerts ist das aber zu verschmerzen.

Weltpremiere bei der Berlinale

In den USA startete "The Outfit" im März in den Kinos – nach seiner Weltpremiere bei der Berlinale. Die renommierten Berliner Filmfestspiele, die 2022 ihre 72. Ausgabe feierten und unter strengsten Infektionsschutzregeln bewusst als 2G-Plus-Präsenzveranstaltung stattfanden, setzen mit den Screenings zugleich ein Zeichen für die gesamte Branche: Das durch Corona arg gebeutelte Kino lebt – und es wird auch die Pandemie überleben. Mit Blick auf die vergangenen Jahre waren die Unterschiede allerdings nicht zu übersehen: Der Gästeliste fehlte in diesem Jahr der Hollywood-Glamour, denn aus Übersee waren nur wenige Stars und Sternchen angereist. Schauspielerin Isabelle Huppert, die 2022 den Goldenen Ehrenbären erhielt, musste die Preisverleihung kurzfristig absagen – sie hatte sich mit dem Coronavirus infiziert.

Berlinale 2022: In "Against The Ice" bricht ein Mechaniker zu einer gefährlichen Expedition auf

Auch das Handwerk suchte man im Programm – da bildete "The Outfit" die wohltuende Ausnahme – über weite Strecken vergebens, aber im Detail war es durchaus zu finden: In dem beklemmenden deutschen Provinzdrama "Gewalten", das in der Sektion "Perspektive Deutsches Kino" gezeigt wurde, gab es zum Beispiel eine sehr eindringlich inszenierte Begegnung mit einem Bestatter. In Maggie Perens NS-Drama "Der Passfälscher" schneidert ein von der Gestapo verfolgter jüdischer Mann den Marktfrauen als Gegenleistung für rare Lebensmittel ihre Kleider um – und in der Netflix-Produktion "Against The Ice" bricht ein gelernter Mechaniker zu einer gefährlichen Expedition in die Arktis auf. Die größte Bühne bekam das Handwerk aber in "The Outfit" – nun muss der Film nur noch das große Publikum erreichen, das er verdient hat.