TV-Kritik Talk-Shows der Öffentlichen: Die immergleichen Gesichter

Sie talken ohne Unterlass. Dreimal pro Woche sitzen Maybrit Illner, Anne Will und Frank Plasberg zu den Themen, die vermeintlich das Land bewegen, mit ihren Gästen zusammen. Mit dabei in aller Regel: Politiker und "Experten", in der Pandemie vornehmlich Virologen. Selten mit dabei: wirtschaftlicher Sachverstand. So gut wie nie: Praktiker. Das ist schlecht, denn genau die bezahlen die Party.

Talk-Shows in den Öffentlichen: Karl Lauterbach in Dauerschleife, dafür selten eine Stimme des gebeutelten Mittelstands und schon gar nicht des Handwerks. - © picture alliance / ASSOCIATED PRESS | Michele Tantussi

Immerhin war Karl Lauterbach nicht im Studio. Als Maybrit Illner am Donnerstag zum Thema "Lockern in der Pandemie - verrückt oder überfällig" mit ihren Gästen sprach, fehlte der spätestens seit Beginn der Corona-Krise zum unangefochtenen Talkshow-König avancierte Bundesgesundheitsminister. Allerdings wusste die Runde auch ohne Lauterbach nicht zu überzeugen.

Bundesjustizminister Marco Buschmann (FDP), der niedersächsische Ministerpräsident Stephan Weil (SPD), Bayerns Gesundheitsminister Klaus Holetschek (CSU) - der Zuschauer hatte das Gefühl, all das schon einmal gesehen zu haben. Die Runde wurde zwar durch einen Mediziner und eine Virologin ergänzt, aber auch die konnten das Deja-Vu-Gefühl nicht abschwächen. Inzidenzen, Intensivstationen plus deren Belegung, Impfpflicht ab 18, 50 oder für alle - wer da draußen noch nicht coronamüde war, der wurde es spätestens nach der ersten halben Stunde dieses Illner-Talks.

Nur kurz werden Selbstständige in den Blick genommen

Bezeichnend, dass diejenigen, die die ungewollten Folgen der Pandemie ausbaden dürfen - neben Kindern sind das vor allem Selbstständige und Unternehmer sowie deren Mitarbeiter - kaum eine Rolle spielten. Lediglich Arzt Johannes Wimmer hatte sich die Meta-Ebene ein wenig erhalten, als er feststellte, dass die ganzen Diskussionen rund um Corona von den Menschen nicht mehr verstanden würden. Wie solle man das ganze Hickhack einem Selbstständigen erklären, fragte er. Das war aber leider auch der einzige kurze Moment, in dem die Runde auch mal in den Blick nahm, was abseits von Inzidenzen, Hospitalisierungsquoten und Impfpflicht gerade im Land so los ist.

Plasberg bildet oft die Ausnahme

Es ist ein Kennzeichen der großen Talkshows in den öffentlich-rechtlichen TV-Sendern, dass sie sich ganz generell, aber vor allem im Verlauf der Pandemie, in der Gestaltung ihrer Zusammensetzung als immer weniger kreativ erwiesen. Gerade bei Illner und Anne Will sitzen fast ausschließlich Politiker-Runden beieinander, die ihre Aussagen der vergangenen sieben Tage in aller Regel noch einmal wiederkäuen. Wie oft Holetschek buchstäblich ununterbrochen sagen durfte "Wir stehen zur einrichtungsbezogenen Impfpflicht, aber...", das war bei Illner am vergangenen Donnerstag schon fast penetrant.

Menschen aus der Praxis fehlen jedoch oft. Löbliche Ausnahme ist hier indes die "hart aber fair" von Frank Plasberg. Dort gibt es zwar auch Politikerrunden, aber in aller Regel kommen Praktiker aus möglichst vielen Bereichen zu Wort, eben auch immer wieder aus der Wirtschaft, dem Mittelstand oder sogar direkt aus dem Handwerk. Das hat zur Folge, dass Plasbergs Shows lebensnäher und oft auch sprachlich weniger abgedroschen daherkommen. Da dürfen schon mal Friseurinnen über die Folgen des Lockdowns für ihre Branche quasi stellvertretend für die gesamten körpernahen Dienstleistungen erzählen und Politiker so mit der Realität, die ihre Entscheidungen schaffen, konfrontieren.

Und dann ist auch Lauterbach wieder da - in Endlosschleife

Solche Momente sind bei Will und Illner eher rar gesät. Zwar nehmen immer wieder auch Vertreter aus der Wirtschaft an den Talkshows teil, doch handelt es sich dabei meist um Verbandsvertreter oder wissenschaftlich arbeitende Ökonomen. Am vergangenen Sonntag waren bei Will etwa eine Virologin und eine Pflegeheim-Leiterin aus Sachsen zu Gast. Letztere steuerte natürlich auch Praxisbezug bei, aber eben auch wieder aus der doch mittlerweile mehrfach und über so gut wie alle Medien kommunizierten Sicht des Gesundheitswesens heraus.

Dass bei Will am Sonntag auch wieder Lauterbach auftauchte, ist beinahe mäßig zu erwähnen. Der geneigte Zuseher konnte sich so vorkommen wie in einer Endlosschleife. Das gilt nun natürlich für die Pandemie per se, aber in öffentlich-rechtlich finanzierten Talkshows sollte es den redaktionellen Anspruch geben, hin und wieder für ein wenig Abwechslung und auch eine breite inhaltliche Ausrichtung der Shows zu sorgen. Denn zu oft sind die anwesenden Diskutanten sich vor allem, wenn es um Corona geht, zumindest dem Grunde nach einig. Da geht es vielleicht um parteipolitische Scharmützel, weil oft ja fast nur Parteipolitiker zugegen sind, aber praktische Kommentare für oder gegen so manche Maßnahme im Rahmen der Pandemiebekämpfung spielten und spielen viel zu selten eine gewichtige Rolle.

Stattdessen klang Lauterbach am Sonntag so, als ob es noch Februar 2021 sei und sich seither nicht entscheidende Parameter der Pandemie geändert hätten. Der extreme Fokus auf die rein medizinischen Aspekte wurde leider von keinem Gast außer CSU-Mann Blume eingeordnet oder gar infrage gestellt, denn es fehlte schlicht wieder einmal jemand aus der Praxis, aus der gebeutelten Wirtschaft, aus dem Mittelstand.

Offener Austausch ist wichtig

Angesichts solcher Besetzungen bleibt wirklicher Erkenntnisgewinn für den Zuschauer zu oft aus, und es verfestigt sich fatalerweise der Eindruck, dass hier eine Gruppe aus Journalisten und Politikern von Argumenten aus der Realität weitgehend ungestört die Thesen der Woche durchkaut. Dabei besteht letztlich die Gefahr einer Entkopplung der veröffentlichten Meinung von denen, die keinen Zugang zu Medien in dem Sinne haben, dass diese ihre Anliegen transportieren.

Gewiss, so mancher Mittelständler oder Handwerker mag nicht im abgeschliffenen Polit-Sprech formulieren, sondern ist eher dem klaren Wort zugeneigt - aber eigentlich sollte eine Debatte doch genauso aufgebaut sein. Der offene Austausch unterschiedlicher Meinungen ohne weichgespülte Sprache ist wichtig, um als Gesellschaft zu tragfähigen, konsensualen Lösungen zu kommen.

Das übliche Hickhack

Am Sonntag bei Will war stattdessen wieder der übliche Hickhack angesagt - Ampel gegen Union, Lauterbach von der SPD gegen Blume von der CSU. Derweil geht es draußen bei immer mehr Selbstständigen, den besonders betroffenen Branchen wie Gastronomie oder Hotellerie ohnehin, aber auch zusehends vielen Handwerksbetrieben, die bislang als nicht besonders stark von der Pandemie betroffen galten, ans Eingemachte. Ausfälle aufgrund im internationalen Vergleich sehr strenger Quarantäneregeln verstärken die ohnehin vorhandene Personalnot noch zusätzlich. Dass jemand davon in einer der großen Talkshows mal ausführlich erzählen dürfte, das ist von der Wirklichkeit leider sehr weit entfernt.

Handwerker auf Talkshow-Sesseln - vielleicht bald mal?

Die offenbar anstehenden Lockerungen der Corona-Maßnahmen infolge der kommenden Minister-Präsidenten-Konferenz haben indes vielleicht das Zeug dazu, den Fokus des Landes wieder auf andere wichtige Themen zu lenken: bezahlbare Energie trotz Klimaschutz, Fachkräftemangel, aber auch so etwas während Corona stark unter die Räder Geratenes wie beispielsweise die Entbürokratisierung. Es wäre dann auch zu wünschen, dass die Talkshowmacher der öffentlich-rechtlichen Sender zu einer größeren thematischen Bandbreite zurückfinden - und womöglich darf sich der eine oder andere Handwerker ja tatsächlich einmal auf einem der gemütlichen Talkshow-Sessel niederlassen.