In Deutschland arbeitet nicht einmal mehr jeder zweite Arbeitnehmer nach Tarifvertrag. Im Handwerk ist die Tarifbindung noch weniger verbreitet. Die Ampel-Koalition will das durch ein neues Gesetz ändern.

Weniger als die Hälfte der Arbeitnehmer in Deutschland war im vergangenen Jahr in einem tarifgebundenen Betrieb beschäftigt. Über die Quote von 49 Prozent berichtete das Statistische Bundesamt (Destatis). Vergleiche zu den Vorjahren sind demnach nicht möglich, da die Zahl erstmals für 2022 auf neuer Datengrundlage erhoben wurde.
Es wurden 58 000 Betriebe sämtlicher Größen detailliert befragt, ob für sie ein Branchen- oder Unternehmenstarifvertrag galt. Damit gelten Betriebe, die Tarifverträge nur freiwillig anwenden, nicht als tarifgebunden. Ihre Arbeitnehmer können trotzdem Gehälter und Arbeitsbedingungen erhalten, die den tariflichen Vorgaben ähneln.
Auf einer anderen Datengrundlage war das Institut für Arbeitsmarkt und Berufsforschung für 2021 auf 52 Prozent der Beschäftigten gekommen, die nach Tarifvertrag angestellt waren. Von den übrigen 48 Prozent arbeitete rund die Hälfte in Betrieben, die sich am Branchentarif orientierten.
Tarifbindung im Handwerk noch niedriger
Im Handwerk arbeiten noch weniger Arbeitnehmer nach Tarifvertrag, zeigt die Destatis-Analyse. Rund 42 Prozent aller Beschäftigten waren 2022 in einem tarifgebundenen Handwerksbetrieb beschäftigt. Was die Tarifbindung in diesen Betrieben angeht, gab es deutliche Unterschiede zwischen Ost- und Westdeutschland: Während sie in Ostdeutschland nur 32 Prozent betrug, lag sie in Westdeutschland bei 43 Prozent. Speziell im Baugewerbe lag die Tarifbindung im letzten Jahr bei 46 Prozent.
Höchste Quote im Öffentlichen Dienst
Die höchsten Tarifbindungsquoten stellten die Statistiker von Destatis für 2022 mit 100 Prozent im öffentlichen Dienst, bei der Verteidigung und den Sozialversicherungen fest. Vergleichsweise geringe Quoten gab es im Gastgewerbe (20 Prozent), bei Kunst, Unterhaltung und Erholung (21 Prozent) sowie in der Land- und Forstwirtschaft mit elf Prozent.
Im europäischen Vergleich hinkte Deutschland im Jahr 2018 mit einer Tarifbindung von 48 Prozent hinterher. Das reichte für Platz 18 in der EU und verfehlte das Ziel des Europäischen Parlaments von 80 Prozent Tarifbindung deutlich. Jüngere Zahlen der europäischen Statistikbehörde lagen nicht vor.
Ampel-Koalition will Tarifbindung speziell im Handwerk stärken
Die Ampelregierung will die Tarifbindung in der deutschen Wirtschaft weiter stärken. Dies hat sie im Koalitionsvertrag angekündigt. Dort formuliert die Bundesregierung explizit auch eine verbesserte Tarifbindung im Handwerk als Ziel. Zuletzt hatte die Partei die Linke von der Bundesregierung einen "Aktionsplan zur Stärkung der Tarifbindung" gefordert. Dazu gehörten leichtere Allgemeinverbindlichkeitserklärungen.
Die Arbeitgeber verwiesen hingegen auf rund 20 Millionen Jobs, die in Deutschland über Tarifverträge geregelt seien. Einschließlich der Unternehmen, die sich an den Tarifverträgen orientierten, ergebe sich sogar ein Anteil von 75 Prozent an allen Beschäftigungsverhältnissen. Diese Sozialpartnerschaft wolle man stärken und ausbauen, erklärte Steffen Kampeter, Hauptgeschäftsführer der Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände (BDA).
Michael Gerdes von der SPD kündigte an, dass ein "Bundestariftreuegesetz" noch in diesem Sommer auf den Weg gebracht werden soll. Künftig solle etwa die "Betriebsausgliederung mit dem Zweck der Tarifflucht unterbunden werden." dpa/ew