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Slackline als Lebensretter Sturz- und Absturzunfälle: Handwerker auf dem Bau besonders gefährdet

Die Zahl der tödlichen Arbeitsunfälle ist im ersten Halbjahr 2017 gestiegen. 223 Menschen sind zwischen Januar und Juni bei der Arbeit tödlich verunglückt. Besonders gefährlich arbeitet es sich am Bau und am folgenschwersten sind Stürze und Abstürze. Wer am gefährdetsten ist und was sich dagegen tun lässt.

Die Schutzausrüstung liegt unten im Fahrzeug, der Handwerker turnt frei auf dem Dach herum. Zimmerermeister Gerd Renz kennt das Phänomen. Für den Obermeister der Innung Reutlingen ist Arbeitssicherheit ein Herzensthema – und trotzdem erlebt der Chef von Holzbau Renz selbst im eigenen Betrieb, dass Mitabeiter unnötige Risiken eingehen. "Die sagen sich: Bis ich den Gurt angezogen habe, bin ich schon fertig mit der Arbeit.“

40 Prozent der Todesfälle am Bau durch Stürze

Nirgends ist das Handwerk gefährlicher als am Bau. Auf 1.000 Beschäftigte kamen im vergangenen Jahr 55 Unfälle, in der Summe über 100.000, zeigen die Zahlen der Berufsgenossenschaft (BG Bau). Besonders schlimm sind die Folgen von Stürzen und Abstürzen. 20.000-mal verletzten sich Menschen im Baugewerbe 2016, weil sie von Gerüsten, Dächern oder Leitern abstürzten – oder auch nur über ein Hindernis am Boden fielen. Für 29 endete der Sturz tödlich – 40 Prozent der Todesfälle am Bau.

"Wir Zimmerer sind besonders gefährdet. Wenn wir kommen, ist da ja noch kein Unterbau und nichts, woran wir uns festmachen können“, erklärt Renz. Deswegen erprobt die BG Bau mit Zimmerern verschiedene Systeme, unter anderem "Lifelines“. Wo sonst keine anderen Sicherungen möglich sind, kann der Handwerker sich mit seinem persönlichen Sicherheitsgurt in die wie Slacklines zwischen zwei Giebeln oder Trägern aufgespannten Sicherungen einhaken.

Umständliches Arbeiten, aber lebensrettend

Das ist unbequemer und umständlicher, als frei zu arbeiten. Aber es funktioniert, urteilt Renz. Er kalkuliert den zeitlichen Mehraufwand für die Arbeitssicherheitsmaßnahmen in seine Angebote mit ein. Doch er weiß auch, dass nicht alle Anbieter das tun. "Da scheint das eigene Angebot dann schnell zu teuer.“

Aus Kostengründen bei der Arbeitssicherheit zu sparen, rächt sich allerdings. Internationale Studien belegen, dass die Folgekosten durch Unfälle und Krankheiten höher liegen als die Ausgaben für Arbeitssicherheit.

Erfahrene Kräfte stürzen am häufigsten ab

Ein Viertel aller tödlichen Arbeitsunfälle geht auf Abstürze von Dächern, durch Lichtkuppeln oder von Leitern und Gerüsten zurück. Jeder dritte tödliche Sturz hätte verhindert werden können, wenn es ausreichend Sicherungsmaßnahmen gegeben hätte.

Das zeigen die Auswertungen von 400 Unfallberichten zu tödlichen Absturzunfällen, die die Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (BAuA) für die Jahre 2009 bis 2016 gemacht hat. In knapp 50 Fällen erfolgte der tödliche Absturz aus weniger als zwei Metern Höhe.

Nicht junge, unerfahrene Kräfte sind besonders gefährdet, sondern die erfahrenen. Fast drei Viertel der Unfallopfer waren Routiniers, knapp die Hälfte waren älter als 50 Jahre.

Ist ein Unfall passiert, untersuchen die Berufsgenossenschaften sehr genau, ob der Arbeitgeber all seinen Verpflichtungen nachgekommen ist. Wenn nicht, drohen ihm Regresszahlungen.

Hier geht es zum Faktenblatt "Tödliche Arbeitsunfälle – Absturzunfälle“.

Die Zimmerer werden das ab Januar schmerzlich spüren. Dann stuft sie die BG Bau in einem eigenen Gefahrtarif ein, weil die Unfallzahlen im Gewerk fast dreimal so hoch sind wie im Durchschnitt der anderen Baubranchen. "Das wird die Beiträge zur Berufsgenossenschaft um rund 20 Prozent erhöhen“, fürchtet Renz.

Gerüstbauer: Geländer oder persönliche Schutzausrüstung

Nicht nur die Zimmerer arbeiten in einer unfallträchtigen Branche. Besonders absturzgefährdet sind laut BG Bau auch Maler und Fassadenarbeiter, Dachdecker, Schalungsbauer und Gerüstbauer. Letztere wehren sich derzeit gegen einen Vorstoß der Arbeitsschutzbehörden, die technischen Schutzmaßnahmen bei Sicherheitsgerüsten zu verstärken. Laut § 4 des Arbeitsschutzgesetzes sind Gefahren an ihrer Quelle zu bekämpfen, das heißt: Persönliche Schutzmaßnahmen wie Sicherungsgurte sind der letzte Schritt nach organisatorischen und technischen Lösungen.

Grafik Absturzunfälle

Die Arbeitsschützer befürworten deswegen Gerüste mit systeminte­grierten Sicherungsgeländern. Der Verband der Gerüstbauer hält diese Lösung allerdings für noch nicht ausgereift. Er plädiert dafür, die persönliche Schutzausrüstung fächendeckend einzusetzen und dies auch zu kontrollieren.

Kontrolle ist schwierig

Kontrolle allerdings ist schwierig. Wenn Gerd Renz einen Mitarbeiter sieht, der sich nicht angemessen sichert, holt er ihn sofort von der Baustelle. Allerdings ist der Chef nicht auf jeder Baustelle dabei. Auch die Berufsgenossenschaften können nicht flächendeckend prüfen. Renz setzt deswegen auf Überzeugung: "Ich kann das Bewusststein der Mitarbeiter nur langsam ändern.“

Mit Unterweisungen und Schulungen, vor allem aber durch gutes Material will er sein Team motivieren, sich ausreichend zu schützen. Im kommenden Jahr investiert er in persönliche Sicherheitsgurte für jeden der 13 Mitarbeiter: "Dann müssen sie die Gurte nicht mehr jedes Mal auf sich anpassen.“ Derzeit testet Renz’ Team verschiedene Systeme. Die breitere Variante scheint recht bequem zu sein; die Mitarbeiter haben vergessen, sie wieder auszuziehen.

Präventionsprogramm setzt auf Eigenverantwortung

Die BG Bau reagiert mit dem Präventionsprogramm Bau auf Sicherheit auf die Erkenntnis, dass es nicht genügt, nur die Verhältnisse bei der Arbeit zu ändern. Neben dem Optimieren der Arbeitsbedingungen (Verhältnisprävention) setzt die Berufsgenossenschaft deswegen jetzt verstärkt auf das Bewusstsein aller Mitarbeiter (Verhaltensprävention). An der Anschaffung von geeigneter Schutzausrüstung beteiligt sich die BG mit im Schnitt 50 Prozent der Kosten.

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