Mobilität im urbanen Umfeld Stressfaktor Innenstadt: Wenn Verkehr ins Stocken gerät

Blick in die Zukunft der Mobilität
Blick in die Zukunft: So entspannt wie in dieser Vision der Firma Bosch läuft der Stadtverkehr noch lange nicht. - © Bosch

Als Versorger und Dienstleister gilt das Handwerk als eine der Lebensadern für eine funktionierende Großstadt. Aber immer öfter verzweifeln Gesellen im Stau und bei der Parkplatzsuche, während Ladenbesitzer um die Erreichbarkeit ihrer Geschäfte fürchten.

Von Ulrich Steudel

Die nächste Dimension der Mobilität. So wirbt die Ottobahn für ihre Vision, die das Start-up in Pullach bei München entwirft. Demnach werden einmal autonom fahrende Gondeln über den Straßen schweben. Sie sollen Passanten und Güter transportieren, ohne Abgase und Lärm, ohne Stau, Parkplatzsuche oder nennenswertem Flächenverbrauch.

Aus Sicht von Verkehrsplanern und Stadtentwicklern klingt das wie ein Heilsversprechen. Aber die Ge­genwart sieht anders aus. In München stemmt sich die Stadtverwaltung gegen das Verkehrschaos. Seit Januar steuert das neu installierte Mobilitätsreferat mit rund 400 Mitarbeitern die bayerische Landeshauptstadt Richtung Verkehrswende. Erstes Ziel: Bis zum Jahr 2025 soll der motorisierte Individualverkehr auf 20 Prozent sinken.

Pilotprojekt Fraunhoferstraße

Wie sich das aufs Handwerk auswirkt, lässt sich in der Fraunhoferstraße beobachten. Entlang der Fahrbahn mussten 120 Parkplätze einem Radweg weichen. Für Lieferanten, Kunden und Mitarbeiter des Münchener Schlüsseldienstes Kilian wird es immer schwieriger, das Geschäft des Traditionsbetriebes mit dem Fahrzeug zu erreichen. „Die Anwohner und Gewerbetreibenden der Fraunhoferstraße wurden einfach vor vollendete Tatsachen gestellt. Wir haben nur gehört, dass es sich um ein Pilotprojekt handeln soll. Seither sind fast zwei Jahre vergangen, ohne dass jemand mit uns gesprochen hat. Jetzt hoffen wir sehr auf das neue Mobilitätsreferat“, sagt Ge­schäftsführerin Marion Ki­­lian.

Das Problem treibt die Inhaber­familie des Schlüsseldienstes Kilian schon länger um. Im Zuge eines Um­baus hatte das Unternehmen sogar auf eigene Kosten von einem Architekten ein Konzept für die Fraun­hoferstraße erstellen lassen, das einen breiteren Gehweg mit Liefer­zonen zum Kurzzeitparken vorsieht. Gehör haben die Kilians damit bisher nicht gefunden. „Wir werden von der Stadtverwaltung fortwährend vertröstet“, klagt Marion Kilian.

Parken auf dem Radweg
Fraunhoferstraße im realen Leben: Lieferfahrzeuge müssen zum Be- und Entladen auf dem Radweg halten. - © Kilian
Animation Fraunhoferstraße
Fraunhoferstraße, wie sie sein könnte: Lieferzonen zwischen Rad- und Gehwegen. - © Wagner Weinzierl Architekten

Neue Flächen braucht die Stadt

Die Fraunhoferstraße steht exemplarisch für die Verkehrsprobleme in vielen größeren Städten. In München sind sie besonders gravierend. Die Stadt prosperiert, freie Flächen sind rar. Sollen neue Radwege ent­stehen, müssen Fahrbahnen verengt und Parkflächen verknappt werden.

Stefan Burger, Verkehrsexperte der Handwerkskammer für München und Oberbayern, verfolgt die Entwicklung mit Sorge. „Wenn der Er­schließungsverkehr nicht kollabieren soll, müssen dringend neue Flächen generiert werden.“ Die Stellschraube dafür sieht Burger in den Anwohnerparkausweisen, die gegen eine Verwaltungsgebühr von rund 30 Euro pro Jahr von der Parkgebühr befreien. Anwohner, die sich exorbitant hohe Mieten leisten könnten, könnten auch ihre Autos in privaten Parkgaragen abstellen und dafür marktübliche Preise zahlen. Genug freie Plätze gebe es. Wo dies nicht der Fall ist, würde auch bei den Anwohnern ein Anreiz entstehen, zusätzliche Tiefgaragenplätze nicht zu verhindern. Außerdem sollten Zweit- und Drittfahrzeuge nicht öffentlich querfinanziert werden.  

Bürgerbegehren als Hoffnungsschimmer

Für Handwerker werden die Innenstadtlagen immer stärker zum Stressfaktor, egal ob sie mit dem Transporter Baustellen beliefern, als Monteure zu Reparatureinsätzen anrücken oder als Ladenbetreiber auf Lieferung warten. In Halle an der Saale müssen 118 Betriebe mit Sitz im Zentrum um eine deutliche Verschlechterung ihrer Situation bangen, seit der Stadtrat im November mehrheitlich dem Konzept einer weitgehend autofreien Innenstadt zugestimmt hat.

Demnach sollen unter anderem rund 470 Parkplätze wegfallen, ohne dass dafür an anderer Stelle ein Ausgleich geschaffen wird, klagen Kritiker. Zudem soll der Altstadtring zur Einbahnstraße werden, weil nach den Plänen die zweite Fahrspur zu­gunsten eines Radweges weichen muss. Für Augenoptikermeisterin Evelyne Gödeke würde das beispielsweise die Hausbesuche erschweren, bei denen sie die Bewohner von Seniorenheimen mit Sehhilfen versorgt. Zudem wohnt sie selbst 30 Kilometer von ihrem Geschäft entfernt und betreut neben dem Job auch noch ihre pflegebedürftige Mutter. „Ohne Auto könnte ich das gar nicht schaffen“, sagt Gödeke.

Allerdings be­steht noch Hoffnung, dass die Pläne verhindert werden können. Ein Bürgerbegehren auf Initiative von Schornsteinfegermeister Thomas Keindorf, Präsident der Handwerkskammer Halle und CDU-Landtagsabgeordneter, sowie zwei weiteren Mitstreitern war trotz erschwerter Be­dingungen aufgrund der Corona-Pandemie erfolgreich. So kommt es am 6. Juni zum Bürgerentscheid, bei dem die Hallenserinnen und Hallenser über die Verkehrsplanung abstimmen können.

Versorgungssicherheit in Gefahr

Von ähnlichen Problemen wie in Halle oder München können Handwerker aus nahezu allen Städten be­­richten – je größer, desto dringlicher. Überall wächst der Druck auf den motorisierten Individual- und Wirtschaftsverkehr – erst recht, wenn Verbrennungsmotoren die Fahrzeuge antreiben. Stefan Burger befürchtet, dass die Versorgungssicherheit der Stadtbevölkerung in Gefahr gerät, wenn die Handwerker aus den Innenstädten vergrault werden.

"Die Lage ist verfahren. Was bei der Entwicklung der ­Infrastruktur in Jahrzehnten ­versäumt wurde, lässt sich heute nicht im Eiltempo lösen."

Stefan Burger, Verkehrsexperte der Handwerkskammer für München und Oberbayern

Laut einer Umfrage der Handwerkskammer für München und Oberbayern lehnen inzwischen mehr als 60 Prozent ihrer Mitgliedsbetriebe Aufträge im Stadtgebiet München wegen der aktuellen Verkehrs­situation ab. 84 Prozent der reichlich 370 teilnehmenden Unternehmen gaben an, dass sie Anfahrtskosten und Zeitverlust durch Stau nicht an die Kunden weitergeben könnten. Die Parkplatzsituation bewerteten die Handwerker mit mangelhaft. In Summe führe das zu einem Rückgang der Wertschöpfung in der bayerischen Landeshauptstadt und könne sogar die Energiewende behindern, wenn etwa kleinere energetische Sanierungen nicht mehr ausgeführt werden können, befürchtet man in der Handwerkskammer.

Grüne Wiese als Fluchtpunkt

Derweil verlagert sich das Ver­kehrsaufkommen auf einen immer größeren Umkreis. Viele Gesellen im Handwerk können sich die Mieten im Stadtgebiet nicht leisten und pendeln wochentags mit ihren Transportern viele Kilometer in die Innenstadt. Am Wochenende kehrt sich das Geschehen um und die Stadtbewohner entfliehen mit ihren privaten Fahrzeugen aus München und parken die Erholungsgebiete an Seen und in den Bergen zu. „Die Lage ist verfahren“, klagt Stefan Burger. „Was bei der Entwicklung der Infrastruktur in Jahrzehnten versäumt wurde, lässt sich heute nicht im Eiltempo lösen“, sagt der Verkehrsexperte der Handwerkskammer.

Beim Schlüsseldienst Kilian denkt man inzwischen sogar über ein Thema nach, das lange Zeit tabu war. „Wenn sich die Situation weiter verschärft, müssen wir womöglich für unsere Firma auf der grünen Wiese einen neuen Standort suchen, nichtzuletzt weil dort auch die Gewerbesteuer deutlich niedriger wäre. Aber wir wollen natürlich lieber in der Stadt bleiben“, sagt Marion Kilian. Immerhin befindet sich der Familienbetrieb, der unter anderem die Schließanlagen im bayerischen Landtag oder den Stadtwerken München betreut, seit seiner Gründung 1949 in der Fraunhoferstraße.