Unternehmensführung -

Psychische Probleme am Arbeitsplatz Stress und dessen Folgen: Immer noch ein Tabuthema

Vier von fünf Arbeitnehmern spüren die Folgen von Stress am Arbeitsplatz. Darüber offen mit dem Vorgesetzten zu sprechen, ist jedoch vielerorts noch immer Tabu – auch aus Angst vor möglichen Benachteiligungen. Was die Folgen sind und wie Arbeitgeber ihre Mitarbeiter schützen können.

Die Auswirkungen von Stress und andere psychische Probleme sind in Deutschland weiterhin ein Tabuthema. In einer von LinkedIn in Auftrag gegebene YouGov-Studie gaben lediglich 34 Prozent der Befragten an, dass sie mit Kollegen offen über ihr mentales Wohlbefinden sprechen können – mit dem Arbeitgeber kann das sogar nur ein Viertel (25 Prozent). Ein Grund für die Zurückhaltung bei diesem Thema ist mitunter die Angst vor möglichen Folgen. 17 Prozent geben an, dass Kollegen benachteiligt wurden, weil sie offen über psychische Krankheiten gesprochen haben.

Jochen Doppelhammer, Country Manager bei LinkedIn, ermuntert Arbeitgeber und Arbeitnehmer daher zu einem offeneren Umgang. "Wir sollten uns gegenseitig ermutigen, Probleme – etwa eine ungesunde Stressbelastung – klar anzusprechen", rät er. Dies sei aus ethischen, genauso wie aus wirtschaftlichen Gründen wünschenswert. "Letztendlich sind glückliche und gesunde Mitarbeiter auch immer die besten Mitarbeiter."

Stress im Job raubt 40 Prozent der Arbeitnehmer den Schlaf

Wie weit das Problem in der Arbeitswelt verbreitet ist, hat die Studie ebenfalls untersucht. 82 Prozent der 1.056 Befragten gaben an, dass sich die Folgen von Stress am Arbeitsplatz bei ihnen bemerkbar machen. Mehr als jeder Zweite verspürt demnach eine hohe Anspannung (57 Prozent), 44 Prozent klagen über innere Unruhe und 40 Prozent leiden unter Schlafstörungen.

Auswirkungen von Stress im Job

Frauen scheinen dabei stärker unter dem Einfluss von Stress zu leiden als Männer. Während sich 30 Prozent der Männer häufig oder immer gestresst fühlen, sind es bei den Frauen 37 Prozent. Bei 20 Prozent von ihnen löst darüber hinaus der bloße Gedanke an den Arbeitsplatz bereits Unwohlsein aus – unter den männlichen Kollegen haben nur 14 Prozent dieses Problem.

Ebenfalls eklatant ist der Unterschied bei Diskriminierung und Mobbing: Knapp ein Drittel (31 Prozent) der Frauen beklagt negative Auswirkungen durch Diskriminierung oder Mobbing im Job, unter den Männern ist es nur jeder Fünfte (21 Prozent).

Entsprechende Präventionsmaßnahmen scheinen vielerorts Mangelware: Nur 21 Prozent der Arbeitnehmer gaben an, dass ihr Arbeitgeber Angebote zur Stressbewältigung bieten, weniger als ein Fünftel (18 Prozent) hat einen festen Ansprechpartner für Diskriminierung oder Mobbing und lediglich elf Prozent der Unternehmen verfügen über einen festgeschriebenen Verhaltenskodex.

Arbeitgeber müssten hier zwingend nachlegen, fordert Doppelhammer: "Angefangen bei Ausgleichsmöglichkeiten, über Beratungs- und Coaching-Angebote bis hin zu Sucht- und Mobbingprävention."

Stress in Maßen kann sich positiv auswirken

Dass Stress alleine gar nicht krank macht und unter Umständen sogar beflügelnd wirken kann, darauf weist Martin Keck, Chefarzt und Direktor der Klinik des Max-Planck-Instituts für Psychiatrie in München, hin. Wie so häufig komme es jedoch auf das Maß an. "Entscheidend ist, dass sich Phasen der Anspannung und Entspannung abwechseln und mittelfristig im Gleichgewicht stehen", sagt Keck.

Die Alarmglocken sollten dann läuten, wenn Arbeitnehmer die Fähigkeit zur Regeneration verlieren, sich also beispielsweise nicht einmal mehr im Urlaub erholen können, ohne an die Arbeit zu denken. Damit entsprechende Signale zum Arbeitgeber vordringen, müssten Vorgesetzte Gesprächsbereitschaft kommunizieren. Arbeitgeber und Arbeitnehmer seien zudem gefordert,die eigenen Abläufe regelmäßig zu hinterfragen. "Zeitdruck, Arbeitsklima, dauernde Verfügbarkeit aber auch eigene, überhöhte Ansprüche müssen auf den Prüfstand", so Keck. fre

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