Stress und Burn-out gelten als Folge von zu viel Arbeit. Doch es gibt weitere Ursachen. Nur weniger zu arbeiten macht noch nicht gesund. Was Chefs für sich und ihr Team daraus lernen können.

Die Zahl der Krankheitstage wegen psychischer Probleme steigt seit Jahren. Dafür gibt es viele Erklärungen. "Das Leben ist stressiger geworden. Gefühlt laufen wir mit hängender Zunge den Entwicklungen hinterher", nennt Prof. Andreas Hillert den offensichtlichsten Grund. Der Facharzt für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatische Medizin in Prien warnt aber davor, die heutige Beschleunigung allein als Ursache zu sehen.
Wahlfreiheit macht Jugend orientierungslos
Je nach sozialem Hintergrund und Generation sind die Auslöser für Stress und Burn-out sehr unterschiedlich. Angehörige der Babyboomer-Generation (50er- und 60er-Jahre) setzen sich mit Gedanken wie "Nur wer etwas leistet, ist etwas wert" unter Druck.
Die Generation Z (Mitte 90er-Jahre bis 2010) dagegen ist gestresst durch Orientierungslosigkeit. "Ihre Eltern sagen ihnen, sie können jeden Beruf wählen, Hauptsache, sie sind glücklich. Aber mit solchen Freiheiten muss man auch umgehen können", erklärt Hillert. Sich für einen Beruf zu entscheiden heiße gleichzeitig, 1.000 andere Möglichkeiten nicht zu ergreifen. "Wer das nicht für sich klärt, bekommt ein Problem."
Mangelnde Berufsorientierung löst Stress aus
Studien zeigen, dass junge Menschen dann besonders gestresst sind, wenn sie noch keine Vorstellung über ihre Zukunft haben. "Ein zweiwöchiges Berufspraktikum reicht bei den meisten absolut nicht aus", dringt der Arzt auf zielgerichtetere Berufsorientierung – auch um der psychischen Gesundheit willen.
Allerdings ist nicht jeder, der sich gestresst fühlt auch körperlich messbar gestresst. Untersuchungen aus den USA und England zeigen, dass Stressmarker wie Herzratenvarianz, Kortisol oder Muskelspannung bei Probanden normal waren, obwohl diese sich unter Druck fühlten. Allein die Sorge, aus Stress krank zu werden, verschlechterte bereits die Gesundheit und erhöhte das Sterberisiko. Auffällig war auch hier, dass sich die 18- bis 34-Jährigen als deutlich gestresster einschätzten, als sie es objektiv waren.
Arbeitszufriedenheit und Stress und Burn-out hängen zusammen

Eine große Rolle könnte dabei die Arbeitszufriedenheit spielen. Jede Arbeit bedeutet eine bestimmte Menge an Anforderungen und Verpflichtungen, für die sich der Beschäftigte verausgabt. Er bleibt entspannt, so lange er für seine Leistungen ausreichend belohnt wird, sei es finanziell oder durch Wertschätzung, Aufstiegsmöglichkeiten und Sicherheit. Stress entsteht, wenn er das Gefühl hat, nicht genug zurückzubekommen. "Ein solches Gratifikationsungleichgewicht bedeutet chronischen Stress und damit ein Risiko für erhöhten Blutdruck, erhöhten Blutzucker, schlechteren Schlaf oder Depressionen", erläutert Hillert. Beschäftigte suchen sich dann eine andere Arbeit oder sind unmotiviert und werden krank.
4-Tage-Woche allein schützt nicht vor Burn-out
Der Umstieg auf eine Vier-Tage-Woche allein kann dieses Problem aber nicht lösen. "Wer an fünf Tagen von seiner Arbeit gestresst ist, wird es auch an vier Tagen sein", ist Hillert überzeugt. Wichtiger sei, die Gratifikationskrise zu beenden und die Menschen in einen "Flow“ zu bringen, wo sie ihre Arbeit als sinnerfüllt wahrnehmen.
Das Handwerk sieht Hillert da im Vorteil, weil man das Ergebnis seiner Arbeit sieht und Menschen hilft. "Ob man dann vier oder fünf Tage arbeitet, wird sekundär.
Arbeitszeit, Gesundheit und Familie
Lange Arbeitszeiten, Überstunden und verkürzte Ruhezeiten beeinträchtigen die Gesundheit. Das zeigt der Arbeitszeitreport Deutschland der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin. Je belasteter Beschäftigte sind, zum Beispiel durch (unbezahlte) Überstunden, desto häufiger wollen sie ihre Arbeitszeit reduzieren. Umgekehrt sind Personen besonders zufrieden mit Arbeit und Gesundheit, wenn sie viel Belohnung aus ihrer Tätigkeit ziehen und ihre Wünsche hinsichtlich der Arbeitszeit erfüllt werden, so das Wirtschafts- und Sozialwissenschaftliche Institut der Hans-Böckler Stiftung.
De facto haben viele Menschen ihre Arbeitszeit bereits reduziert, so Clemens Fuest vom Ifo-Institut. Denn obwohl die Zahl der Erwerbstätigen seit 1992 von rund 40 auf 45 Millionen zugenommen hat, ist die Zahl der geleisteten Arbeitsstunden gleich geblieben.
Grund für die reduzierte Arbeitszeit ist nicht nur das Bedürfnis nach mehr Freizeit. Auch Familien funktionieren heute anders. In der heutigen Elterngeneration teilen sich beide Partner sowohl Erwerbs- als auch Sorgearbeit, zeigt der Forschungsbericht zu Trends in der Arbeitszeit des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung. Deswegen seien mehr Gestaltungsspielräume bei der Arbeitszeit nötig. Auch Jörg Dittrich, Präsident des Zentralverbands des Deutschen Handwerks, empfiehlt eine Umstellung von einer täglichen auf eine wöchentliche Höchstarbeitszeit.