Willi Herrler hat die Weimarer Republik, den Zweiten Weltkrieg und die DDR überlebt. Anfang März hat der Zimmerer- und Maurermeister seinen 100. Geburtstag gefeiert.
Ulrich Steudel
Was ist ein Jahrhundert? In der Erdgeschichte nicht mehr als ein Augenblick. Als Leben eine kleine Ewigkeit, vollgepackt mit Erinnerungen. Erinnerungen, die Willi Herrler aus seinem Gedächtnis hervorkramt. Anfang März hat der Zimmerer- und Maurermeister aus Kropstädt bei Wittenberg seinen 100. Geburtstag gefeiert.
Rund 130 Gratulanten waren zur großen Geburtstagsfeier gekommen, ein Chor stimmte das Lied "Man müsste nochmal zwanzig sein" an. Als Willi Herrler zwanzig war, begann das dunkelste Kapitel deutscher Geschichte, das auch sein Leben prägen sollte. Als Soldat erlebte er die Schrecken des Zweiten Weltkrieges vom ersten bis zum letzten Tag, verlor zwei seiner Brüder, kam aber selbst nahezu unbeschadet davon.
"Ich habe in meinem Leben viele Schutzengel gehabt", sagt Willi Herrler, der am 2. März 1913 als Sohn eines Zimmerermeisters geboren wurde in jenem Haus, in dem er heute noch im Hochparterre wohnt. Damals betrieben seine Großeltern hier ein Baugeschäft und einen kleinen Laden.
ste Herrler, Lebenswege 2Willi Herrler wirkt konzentriert, der Geist hellwach, während er sein Leben Revue passieren lässt. Ab und zu steht der Senior vom Sofa auf, um in einem Nebenzimmer eine alte Zeitung oder Fotos zu suchen, die das Gesagte untermauern sollen. Wer das Alter von Willi Herrler schätzen müsste, würde mit Sicherheit daneben liegen. "Das kann ich nur bestätigen. Als ich ihn vor gut zwei Jahren zum ersten Mal besuchte, war ich mir längst nicht sicher, ob Herr Herrler oder sein Sohn vor mir steht", sagt Heidemarie Haberland, die als Archivarin der Handwerkskammer Halle Willi Herrler den Diamantenen Meisterbrief überreichte.
Meisterbriefe und Studium vor dem Krieg
Dabei hätte sein Leben schon früh zu Ende sein können. Als Fünfjähriger kam er unter die Räder eines Pferdefuhrwerks, die damals noch zum Straßenbild gehörten. Bei dem schweren Unfall riss sich der Junge den Arm auf, die zurückgebliebene große Narbe sollte ihm Jahrzehnte später allerdings noch nützlich sein.
Acht Jahre besuchte Willi Herrler die Volksschule in Kropstädt. Der Weg ins Handwerk war vorgezeichnet durch das elterliche Baugeschäft mit angeschlossenem Sägewerk, das in seinen besten Zeiten 64 Mitarbeiter zählte. 1927 begann der Sohn dort seine dreijährige Zimmererlehre, um gleich im Anschluss an der Ingenieurschule für Bauwesen in Zerbst ein Studium aufzunehmen. Das schafften nicht viele Volksschüler, aber der berufliche Ehrgeiz von Willi Herrler sollte immer wieder gebremst werden in einer Zeit, da die Faschisten Deutschland in seine schlimmste Katastrophe führten.
Seite 2: Wie Willi Herrler zu seinen Meistertiteln kam. >>>
Dennoch gelang es dem studierten Zimmerergesellen, nach seinem Wehrdienst 1934/35 noch zwei Meisterprüfungen zu bestehen, ehe der Krieg ausbrach. 1937 fertigt er in einem Wittenberger Baugeschäft eine viertelgewendelte Holztreppe, für die er den Meisterbrief im Zimmererhandwerk bekommt. Kurz vor seiner Einberufung im August 1939 hält er die Urkunde als Maurermeister in den Händen.
Berufslaufbahn vom Krieg jäh unterbrochen
Doch wie in so viele Biografien seiner Altersgenossen, so reißt der Krieg auch in die Berufslaufbahn von Willi Herrler ein Loch. So muss er als Pionier im Polenfeldzug mitmarschieren, die schreckliche Schlacht von Moskau überstehen und in Frankreich kämpfen. Nach einer Verwundung verbringt er das letzte Kriegsjahr, inzwischen im Range eines Oberfeldwebels, als Ausbilder in Brandenburg.
Wie die meisten Wehrmachtssoldaten versucht auch Willi Herrler gegen Kriegsende, sich nach Westen durchzuschlagen, um in amerikanische Gefangenschaft zu kommen. "Am 9. Mai haben wir zu viert aus alten Ölfässern ein Floß gebaut und sind bei Stendal über die Elbe geschippert." Aber schon am nächsten Tag werden sie zurückgeschickt.
"Über eine Ponton-Brücke ging es dann doch zu den Russen. Am nächsten Tag setzten sie einen Gefangenenzug in Marsch, Richtung Osten. Wohin es ging, weiß ich bis heute nicht", erinnert sich Willi Herrler. Denn schon in der ersten Nacht ist er in einem Wald mit zwei Kameraden getürmt. Nach zehn entbehrungsreichen Tagen und viel Glück steht er wieder vor seinem Geburtshaus. Ehefrau Irmgard, die er 1943 geheiratet hatte, wohnt mit der gemeinsamen Tochter im 15 Kilometer entfernten Blönsdorf.
Narbe aus Kindheit rettet vor schlimmen Folgen
In beiden Orten bleibt der Heimkehrer nicht unentdeckt, muss sich bei der russischen Kommandantur melden. "Bei den Verhören habe ich gesagt, dass ich gleich in Polen schwer verletzt worden bin. Zum Beweis habe ich die Narbe an meinem Arm gezeigt. Das haben die mir abgenommen", erzählt Herrler, der auf diese Weise vor einer möglichen Deportation verschont blieb. Und so kann er wieder ins väterliche Geschäft einsteigen, das zunächst Bahnschwellen für die Besatzungsmacht liefern muss.
Seite 3: Willi Herrler bringt den Familienbetrieb wieder in Schwung. >>>
"Der Krieg war ein mächtiger Einschnitt ins Berufsleben", sagt Willi Herrler mit dem Abstand von mehr als einem halben Jahrhundert. Der für sein hohes Alter ausgesprochen vitale Rentner bewältigt sein Leben noch weitgehend ohne fremde Hilfe, weiß aber die Familie des Sohnes im selben Haus. Einkaufsmöglichkeiten gibt es im 1.000-Seelen-Ort Kropstädt längst nicht mehr, nur ein Bäckerwagen macht täglich Station. Sein Frühstück bereitet Willi Herrler selbst, das ist dem 100-Jährigen wichtig. Später geht er dann zu seiner 82-jährigen Lebensgefährtin, die ebenfalls im Ort wohnt. "Da machen wir es uns gemütlich."
Familienbetrieb wird in der DDR verstaatlicht
In seinem Arbeitsleben hat er es sich nie gemütlich gemacht. Gemeinsam mit seinem Bruder half er dem Vater, den Familienbetrieb nach dem Krieg wieder in Schwung zu bringen. Doch 1958 kamen "die Nötiger", wie Herrler die kommunistischen Parteibonzen nennt, die den letzten verbliebenen Privatbetrieb im Ort in die Verstaatlichung zwingen wollten. Zwei Jahre später mussten die Herrlers dem Druck nachgeben.
Zusammen mit einem Dachdeckerbetrieb ging ihre Firma in die PGH des Bauhandwerks Kropstädt auf. In solche staatlich gesteuerten Produktionsgenossenschaften des Handwerks wurden alle größeren Handwerksunternehmen gezwungen, lediglich Betriebe mit weniger als zehn Beschäftigten wurden in der DDR als Privatfirmen geduldet.
"Aber unser Vater meinte damals schon, das bleibt nicht so", sagt Willi Herrler, der in der PGH bis zum Alter von 67 Jahren als Betriebsleiter arbeitete. Als die Wende kam, war Willi Herrler längst im Ruhestand. Dass der Betrieb danach aufgelöst wurde, ärgert ihn trotzdem. Deshalb arbeitet er an einer Chronik, damit wenigstens etwas bleibt vom Baugeschäft Herrler in Kropstädt.
