Ob verbissene Rechthaber, selbstgerechte Weltverbesserer oder schlaffe Zögerer: Fast jeder kennt aus seinem beruflichen Umfeld Persönlichkeiten, an denen man sich hin und wieder reibt. Attila Albert hat in seinem Buch sieben Typen von Nervensägen identifiziert. Das sind seine Strategien für klärende Gespräche. Plus: Selbsttest – sind Sie ein guter Konfliktlöser?

1. Ewige Opfer: Behutsam ansprechen und ermutigen
Da sich dieser Typ ohnehin schon ständig eingeschüchtert und bedrängt fühlt, sollten Chefs und Kollegen hier besonders feinfühlig vorgehen. Kritik sollte behutsam vorgetragen, Drohungen und persönliche Angriffe vermieden werden. Coach und Buchautor Attila Albert rät, der Person eine praktische Empfehlung zu geben und das Gespräch pragmatisch und aufmunternd zu beenden.
Beispiel: "Ich habe bemerkt, dass du sehr oft darüber sprichst, was alles ein Problem ist. Das zieht dich und alle anderen noch mehr runter. Versuche doch einmal, vor allem das zu betonen, was gut funktioniert. Das motiviert alle. Du hast schon so viel geschafft. Zusammen kriegen wir das hin."
2. Verbissene Rechthaber: Grenze setzen und dann versöhnlich werden
Diese angriffslustige Nervensäge hat keine Angst vor Konfrontationen, sondern sucht sie geradezu. Aber es ist nicht in dem Interesse der anderen, sich auf einen Streit einzulassen. Albert empfiehlt hier zuerst eine Grenze zu setzten. Er rät ebenfalls, auf lange Erklärungen oder Drohungen zu verzichten. Stattdessen sollte ein versöhnlicher Ton angeschlagen werden. Das erwartet der Gegenüber überhaupt nicht – und ist damit entwaffnet.
Beispiel: "Mir passt nicht, in welchem Ton du mit mir sprichst. Bitte lass das, ich nehme das nicht hin. Bei dir scheint ja auch wirklich viel los zu sein, erzähl mal."
3. Schlaffe Zögerer: Einfach bleiben und mit Vorteilen locken
Dieser Nervensägen-Typ ist nur schwer durch Kritik zu ändern, weil er wenig ambitioniert und träge ist. Auch der Appell an höhere Ideale verpufft bei ihr. Der Coach erklärt: "Sagen Sie einfach, was Sie stört und warum. Es kann auch mit Vorteilen gelockt werden, wenn die Person ihr Verhalten ändert." Ein Zögerer vergleicht – überwiegen seine Vorteile, stimmt er zu und hält sich auch daran.
Beispiel: "Leider kommt deine Zuarbeit häufig zu spät. Das führt bei uns dazu, dass wir auch regelmäßig verspätet abliefert. Schau doch darauf, dass du pünktlich zulieferst. Dann muss ich nicht mehr mit einem Gespräch auf dich zukommen und unsere Mitarbeiter-Prämie am Jahresende ist nicht gefährdet."
4. Fürsorgliche Helferseelen: Bemühungen würdigen und Wunsch ausdrücken
Bei dieser Nervensäge ist Kritik nicht einfach, weil sie immer auf ihre uneigennützigen Motive verweisen kann: "Ich meine es doch nur gut". Der Buchautor empfiehlt daher zuerst die Bemühungen anzuerkennen. Wenn der Gegenüber das annehme – beispielsweise durch unmerkliches Nicken – sollte der Wunsch freundlich, aber klar ausgedrückt werden.
Beispiel: "Ich sehe, wie sehr du dich dafür einsetzt, dass alle als Team gut zusammenarbeiten und die Atmosphäre für jeden angenehm ist. Mir wäre es lieb, wenn du zuerst deine Aufgaben erledigen könntest. Dadurch können alle pünktlich zum Mittagessen, dort könnt ihr euch dann alle ausführlich unterhalten."
Selbsttest: Wie gut löse ich Konflikte mit anderen?
Der Selbsttest von Coach und Buchautor Attila Albert verrät, wie gut Sie bereits Konflikte lösen und was Sie noch besser machen könnten. Beantworten Sie die zehn Fragen mit "Ja" oder "Nein". Am Ende müssen dann die Ja-Stimmen zusammengezählt werden, die Auflösung steht am Ende.
- Haben Sie einige Freundschaften, die Sie schon seit langem begleiten?
- Kommen Sie mit den meisten Menschen, die Sie kennenlernen, gut aus?
- Ist Ihr Freundeskreis in Bezug auf Herkunft, Hintergrund und Alter gemischt?
- Denken Sie, dass die Menschen am Ende gar nicht so verschieden sind?
- Können Sie über zwischenmenschliche Konflikte auch mal lachen?
- Glauben Sie, dass auch schwierige Menschen es meist nicht böse meinen?
- Fragen andere Sie regelmäßig nach Ihrem Rat oder Unterstützung?
- Konnten Sie schon einmal einen Streit zwischen zwei Menschen schlichten?
- Fühlen Sie sich stark genug, um Ihren Alltag gut zu bewältigen?
- Erholen Sie sich nach stressigen Zeiten regelmäßig wieder?
Auflösung
Bis dreimal "Ja": Andere besser verstehen lernen
Sie kommen vor allem mit Menschen gut zurecht, die Ihre Ansichten teilen und Ihnen im Wesen ähnlich sind. Das kann zu sehr schönen, engen Freundschaften führen. Aber Sie beschränken damit ihre Möglichkeiten und isolieren sich unnötig.
Tipp: Wenn Ihnen ein schnelles Urteil über jemanden durch den Kopf geht, sprechen Sie es nicht aus. Stellen Sie stattdessen offene, interessierte Fragen, um Ihr Gegenüber besser zu verstehen.
Vier bis sechs Mal "Ja": Neue Freunde finden
Bei Ihnen hängt es sehr von der jeweiligen Person ab, wie gut sie mit anderen auskommen. Das ist schon privat nicht immer einfach. In der Arbeitswelt kann man es sich noch weniger aussuchen.
Tipp: Achten Sie auf einen vielfältigen Freundes- und Bekanntenkreis (z. B. Verein, Sportgruppe), in dem ganz unterschiedliche Meinungen vertreten sind. Das erweitert Ihren Horizont und zeigt auf schöne Art, einander gerade dafür zu schätzen.
Siebenmal oder öfter "Ja": Geben Sie Ihr Wissen weiter
Sie kommen sehr gut mit anderen aus, auch wenn Sie deren Ansichten und Wünsche oft gar nicht teilen. Große Konflikte sind bei Ihnen selten. Sie leben viel harmonischer als andere.
Tipp: Sie könnten erwägen, Ihr psychologisches und kommunikatives Erfahrungswissen professionell zu erweitern und andere damit zu unterstützen, z.B. als Mentor, Mediator oder Kommunikationsberater.
5. Übermotivierte Problemlöser: Sachlich und konkret bleiben
Dieser Typ nimmt wenig persönlich und ist offen für konstruktive Kritik. Albert würde hier umständliche Beschreibungen, emotionale Geständnisse ("das hat mich sehr traurig gemacht") oder laute Worte vermeiden. Stattdessen sollten Chefs und Kollegen sachlich beschreiben, was sie stört und warum. Für den Abschluss rät der Coach: "Sagen Sie konkret, was Sie sich wünschen und wieso das für alle vorteilhaft wäre."
Beispiel: "Wenn wir über ein Problem sprechen, fühlen sich manche nicht mitgenommen, weil sie mehr Zeit brauchen und sich ausdrücken wollen. Wenn du ihnen das erlaubst, haben wir alle an Bord und holen die Zeit schnell wieder auf."
6. Selbstgerechte Weltverbesserer: Auf die eigenen Ideale verpflichten
Diese Nervensäge hat idealistische Ziele, wie zum Beispiel Gerechtigkeit – hier kann der Chef nichts sagen, ohne als Egoist oder Zyniker dazustehen. Der Coach rät daher, diesem Typ zuzustimmen. Danach sollte sich auf die eigenen Ansprüche bezogen und dafür Signalworte verwendet werden. Das Gespräch kann dann mit einem Vorschlag für die Zukunft beendet werden.
Beispiel: "Ich finde es total gut, dass dir Gerechtigkeit so wichtig ist. Das beginnt schon damit, dass Überstunden gerecht abgegolten werden. Das ist nur fair für alle Angestellten und es ist mir wichtig, dass alle gleich behandelt werden. Lass uns eine Lösung finden, etwa Bezahlung oder Freizeitausgleich im laufenden Monat, wenn das Budget nicht reicht."
7. Abgehobene Welterklärer: Mit einem Lösungsvorschlag interessieren
Dieser Typ ist inhaltlich schnell zu überzeugen, wenn die Argumente des Gegenübers schlüssig und ohne Schuldzuweisungen sind. Alberts Tipp: Zuerst das Problem erläutern und danach direkt eine Lösung vorschlagen. Dadurch wird diese Nervensäge selbst kreativ und wird einen eigenen Vorschlag einbringen.
Beispiel: "Wir erhalten Beschwerden, weil wir dringende Kundenanfragen zu spät beantworten. Das liegt daran, dass wir sie teilweise erst nach Feierabend erhalten, wenn unser Service nicht mehr besetzt ist. Eine Möglichkeit wäre ein freier Mitarbeiter für einen Spätdienst. Ob wir dafür ein Budget bekommen?" tb
In seinem Buch "Sorry, ihr nervt mich jetzt alle!" gibt Attila Albert Tipps, wie Sie mit Nervensägen im Job umgehen, ohne selbst den Verstand zu verlieren.