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Teil 1 der Serie: "Azubis finden" So machen Sie Ihren Betrieb für Azubis attraktiv

Wer heutzutage als Handwerker gute Azubis sucht, muss sich etwas einfallen lassen. Die Unternehmenskultur, das Team- und Wir-Gefühl spielen eine zunehmende Rolle. Und die sozialen Medien werden für die Ansprache immer wichtiger.

Der Glasermeister lässt eine Glasscheibe in Millionen Scherben zersplittern. "Moin, ich habe zwei Ausbildungsplätze zu vergeben", sagt er dazu in dem Facebook-Video. Herkunft und Schulabschluss seien egal, Zuverlässigkeit dagegen sehr wichtig, erklärt er trocken mit typisch norddeutschem Akzent. Er habe ein Angebot zu machen, das er selbst kaum glauben könne: Er biete 100 Euro mehr Gehalt im Monat als für die Ausbildung üblich. Auch die Fahrtkosten zur Berufsschule würden übernommen, außerdem gebe es eine finanzielle Unterstützung für den Führerschein. Für eine Drei in der Zwischenprüfung zahle er 300 Euro extra und wer bei der Gesellenprüfung ein Befriedigend schaffe, bekomme sogar einen Bonus von 500 Euro und eine Festanstellung. Die Ausbildung vorzeitig abzubrechen, sei aber keine Option.

Das Facebook-Video ging viral und wurde von mehr als vier Millionen Nutzern angeklickt. Dutzende Bewerbungen trudelten daraufhin in der Glaserei Sterz in Cuxhaven ein. 15 Kandidaten lud Glasermeister Sven Sterz zum Vorstellungsgespräch ein. Statt der ursprünglich geplanten zwei Stellen stellte er drei Bewerber ein – zwei junge Männer und eine junge Frau.

Wer heutzutage als Handwerker gute Azubis sucht, muss sich etwas einfallen lassen. Vor allem für kleinere Betriebe ist die Suche nach passenden Kandidaten eine wachsende Herausforderung, weil sich die Rahmenbedingungen für das duale Ausbildungssystem verändert haben. Die Zeiten, in denen man auf einen ausgeschriebenen Ausbildungsplatz eine Vielzahl an Bewerbungen erhalten hat, sind längst vorbei. Denn in Deutschland nimmt die Zahl der Schulabgänger ab und zugleich die Tendenz zu akademischen Ausbildungsgängen zu. Dadurch sinkt die Anzahl der Bewerber um eine betriebliche Ausbildung und damit auch die Zahl der neu abgeschlossenen Ausbildungsverträge.

Kleinere Betriebe haben die größten Probleme

Rechnerisch standen dem Berufsbildungsbericht 2017 zufolge 100 ausbildungsplatzsuchenden Schulabgängern 104,2 Ausbildungsangebote gegenüber. Die Zahlen für 2018 liegen noch nicht vor, der Trend dürfte sich aber verstetigt haben. Dadurch ist es schon rein rechnerisch unmöglich, alle Ausbildungsplätze zu besetzen. Das zeigt sich auch in der Statistik: Bei der Bundesagentur für Arbeit waren 2017 43.500 unbesetzte Ausbildungsstellen gemeldet. Dem standen rund 20.600 unversorgte Jugendliche gegenüber.

Kleinere Betriebe sind von dieser Entwicklung besonders stark betroffen – sie stehen in einem harten Wettbewerb mit mittleren und größeren Unternehmen um die sinkende Zahl der Schulabgänger und haben weniger Möglichkeiten, durch Anzeigen oder Messeauftritte auf sich aufmerksam zu machen. "In den am stärksten betroffenen Ausbildungsberufen können Unternehmen mehr als ein Drittel der Ausbildungsplätze nicht besetzen, beispielsweise bei Klempnern – trotz ausgezeichneter Beschäftigungschancen nach dem Abschluss", sagt Paula Risius vom Kompetenzzentrum Fachkräftesicherung (KOFA) am Institut der deutschen Wirtschaft in Köln. "Kleine und mittlere Unternehmen haben bei der Suche nach Auszubildenden größere Herausforderungen zu bewältigen als große Unternehmen."

Attraktivität hat nicht nur mit dem Gehalt zu tun

Mit Förderprogrammen wie beispielsweise "Jobstarter" versucht die Politik zwar, gegenzusteuern. Doch auch die Betriebe müssen etwas tun, um sich von der breiten Masse abzuheben und potenzielle Azubis auf sich aufmerksam zu machen. "Um sich bei Bewerbern gegen die Konkurrenz durchzusetzen, ist es für kleine und mittlere Unternehmen unerlässlich in ihre eigene Arbeitgebermarke zu investieren", sagt KOFA-Expertin Risius. "Es ist wichtig als Ausbildungsbetrieb attraktiv zu bleiben und die eigene Ausbildungsaktivität aufrechtzuerhalten.”

Attraktiv bleiben – das heißt heutzutage mehr als ein ordentliches Gehalt zu zahlen und ausreichend Urlaubstage zu gewähren. "Kultur, das Team- und Wir-Gefühl und das Image des Unternehmens, sowie die Vereinbarkeit von Beruf und Familie sind viel wichtiger und nehmen einen besonders hohen Stellenwert ein", sagt Josef Bolz, Geschäftsführer der Autowelt Bolz in Pulheim bei Köln. "Ein unwiderstehliches Angebot ist daher ein gesunder Mix aus Gehalt, Work-Life Balance, Aufstiegschancen und Teamspirit."

Azubis als vollwertige Mitarbeiter betrachten

Aufmerksamkeit erreicht man dabei heutzutage grundsätzlich genau so, wie es der Cuxhavener Glasermeister Sven Sterz vorgemacht hat: über die sozialen Medien. "Hier sind die Digital Natives zu Hause", betont Bolz. "Wer sich hier authentisch und sympathisch zeigt, hat bei der Mitarbeitergewinnung durchaus bessere Chancen." Authentizität sei aber auch im klassischen Vorstellungsgespräch wichtig: "Es bringt nichts, dem Azubi etwas vorzugaukeln oder sich zu verstellen", so Bolz. "Ehrlichkeit währt hier auch auf Unternehmensseite am längsten." Zudem wisse der junge Mensch dann ganz konkret, was er zu erwarten hat, welche Möglichkeiten es gibt und welche eventuell auch nicht. "Fair Play im Gespräch ist das A und O, damit eine Zusammenarbeit von Beginn an transparent und ehrlich starten kann", sagt Bolz.

Wichtig sei es insbesondere, den jungen Menschen zu zeigen, dass sie "nach der Ausbildung die Chance haben, sich im Betrieb weiterzuentwickeln und Verantwortung zu übernehmen. Dass sie ein wichtiger Teil des Teams sind", sagt Bolz. "Man sollte sie als vollwertigen Mitarbeiter sehen." Natürlich seien Lehrjahre keine Herrenjahre und leider gebe es auch immer mal wieder Azubis, die ihren Job nicht Ernst nehmen. Eine Ecke weiter finden sie bei der derzeitigen Situation auf dem Ausbildungsmarkt schließlich wieder einen neuen Ausbildungsplatz. Dennoch, so Bolz, sollte man als Unternehmer vor allem eines haben: Vertrauen in die Fähigkeiten und guten Absichten der potenziellen Fachkräfte von morgen.

So machen Sie Ihren Betrieb für Azubis attraktiv

Junge Leute lassen sich längst nicht mehr nur von kreativen Stellenausschreibungen und gutem Gehalt überzeugen. Sie wollen regelrecht umworben werden. Vier Tipps, wie es Arbeitgebern gelingen kann, für die Azubis von heute attraktiv zu sein:

Tipp 1: Präsent sein

Zunächst muss man kommunizieren, dass es freie Ausbildungsplätze gibt. Der kostengünstigste Schritt ist ein prominent auf der eigenen Internetseite platziertes Stellenangebot. Auch die sozialen Medien sind gut geeignet, um Stellenangebote zu präsentieren. Daneben bieten Lehrstellen- und Jobbörsen der Handwerkskammern und der Arbeitsagenturen die Möglichkeit, kostenlos freie Ausbildungs- sowie Praktikumsplätze zu inserieren.

Tipp 2: Kontakt suchen

Messen eignen sich gut, um Kontakte zu knüpfen. Ein einladender Auftritt des Unternehmens schafft Vertrauen und Interesse bei den Nachwuchskräften und nicht zuletzt auch bei deren Eltern – denn die sind meist an der Entscheidung für oder gegen ein Unternehmen beteiligt. Oder man besucht die potenziellen Nachwuchskräfte dort in ihrem direkten Lebensumfeld: der Schule. Sponsor des Schulfestes zu sein, kann beispielsweise für relativ wenig Geld ziemlich viel Aufmerksamkeit bei der Zielgruppe erzeugen.

Tipp 3: Soziales Engagement

Gerade für junge Leute ist es wichtig, dass ihr künftiger Arbeitgeber ein gutes Image hat und sich sozial engagiert. Das geht ganz einfach: Man kann zum Beispiel Praktika für Flüchtlinge anbieten oder leistungsschwächeren Schülern mit einem Langzeitpraktikum helfen, fit für den Berufseinstieg zu werden. Derartiges Engagement spricht sich herum – und trägt dazu bei, ein positives Image aufzubauen.

Tipp 4: Auslandsaufenthalte anbieten

In jungen Jahren ins Ausland zu gehen, gehört fast schon zum guten Ton. Ein Auslandsaufenthalt geht prinzipiell auch während der Ausbildung: Vielleicht kann man seinen Azubi ja für ein Praktikum ins Ausland schicken, um dort Erfahrungen zu sammeln. Einige Handwerkskammern helfen bei der Vermittlung. Dass diese Möglichkeit besteht, muss natürlich auch kommuniziert werden – dafür bieten sich Homepage und soziale Medien an.

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