Konjunkturrückblick So lief das Jahr 2015 im Handwerk

In wirtschaftlicher Hinsicht bot das Jahr 2015 den meisten Branchen genügend Anlass zur Zufriedenheit. Vor allem das Kfz-Handwerk und die Lebensmittelgewerbe drückten ordentlich auf die Tube. Dagegen fehlten im Baugewerbe die Impulse gewerblicher Auftraggeber.

Marco Wenz und Lothar Semper

Das Jahr 2015 neigt sich dem Ende zu. Das Fazit der Handwerksbranchen fällt unterschiedlich aus. - © Foto: industrieblick/Fotolia.com

Ausgestattet mit großer Zuversicht und gut gefüllten Auftragsbüchern startete das deutsche Handwerk aus einer komfortablen Position heraus ins Jahr 2015. Nach dem Winter wurden die Kapazitäten rasch hochgefahren, der mittlere Auslastungsgrad erreichte 79 Prozent. Zudem stieg auch die Auftragsreichweite im Vorjahresvergleich auf 1,7 Monate an – eine Folge der kräftigen Nachfrage. Die vorläufigen Schätzungen gehen davon aus, dass die Umsätze der statistisch erfassten Unternehmen 2015 nominal um zwei Prozent auf 531 Milliarden Euro zugelegt haben.

Derart verwöhnt von der Konjunktur waren sehr viele Handwerker bestens aufgelegt. Der Geschäftsklima-Index, den die DHZ vierteljährlich veröffentlicht, verharrte bei durchschnittlich 88 Punkten und damit auf einem Topniveau .

Ausschlaggebend für die Erfolgsbilanz war das günstige binnenwirtschaftliche Klima in Deutschland. Dazu trugen bei:
  • der Beschäftigungsaufbau,
  • steigende Einkommen bei minimaler Preissteigerung,
  • niedrige Zinsen und
  • mehr Zuwanderung.

Kfz-Gewerbe

Das Kraftfahrzeuggewerbe verbuchte im Jahr 2015 eine spürbare Belebung des Handels sowie besser ausgelastete Werkstätten. Ersten Schätzungen zufolge ist die Zahl aller neu angemeldeten PKWs um gut fünf Prozent auf 3,2 Millionen gewachsen. Ebenfalls zugelegt hat die Zahl der Besitzumschreibungen, und zwar um knapp vier Prozent auf 7,3 Millionen. Geprägt war der Gebrauchtwagenhandel vom zunehmenden Wettbewerbsdruck durch Internetportale .

Hinter den Zahlen steht eine Entwicklung, die so manchen Autohändler mit Sorge erfüllt. Während sich die privaten Käufer über weite Strecken des Jahres kaum blicken ließen, trieben Firmen- und Eigenzulassungen die Statistik nach oben.

Am meisten zu schaffen machen dem Kraftfahrzeuggewerbe jedoch die mageren Gewinne. Schon seit vielen Jahren lassen sich Neuwagen nur mit hohen Abschlägen absetzen. Die Durchschnittsrendite von Neuwagen liegt bei gut einem Prozent.

Baugewerbe

Umfassender Sanierungsbedarf sowie eine hohe Nachfrage nach neuen Wohnungen kennzeichnen den Immobilienmarkt. Da die meisten Haushalte über sichere Einkommen verfügen und die Finanzierung günstig zu realisieren ist, wächst der Wunsch nach den eigenen vier Wänden. Besonders gefragt sind Wohnungen in Ballungsräumen. Laut Herbstgutachten der Forschungsinstitute schlossen die realen Investitionen im Wohnungsbau 2015 um 2,7 Prozent über dem Vorjahresniveau.

Der Bau neuer Fabriken, Lagerhallen und Büros schrumpfte demgegenüber um 1,7 Prozent. Dieser Rückgang war Ausdruck der Unsicherheit, die heimische Unternehmen angesichts der weltwirtschaftlichen Entwicklung befallen hatte. Ebenfalls in die roten Zahlen rutschte der öffentliche Bau (minus 1,0 Prozent). Immerhin stellte der Bund den Kommunen zusätzliche Mittel in Aussicht, um Straßen, Brücken und Schulen instandzusetzen.

Neben dem anziehenden Neubauvolumen profitierte das Baugewerbe vom Wunsch nach Modernisierung. Das Badezimmer als Wohlfühloase – mit diesem Schlagwort lässt sich der Dauerbrenner unter den SHK-Trends beschreiben. Außerdem sorgt die demografische Entwicklung für Aufträge: Nur fünf Prozent der Seniorenhaushalte gelten als barrierearm.

Handwerk für gewerblichen Bedarf

Große Firmen lagern Tätigkeiten aus, wenn das "Outsourcing" niedrigere Kosten oder mehr Flexibilität verspricht. Das Handwerk ist hierbei ein gefragter Geschäftspartner. Von klassischen Reinigungsdiensten über Modellbau, Ausrüstung und Wartung bis hin zur Veredelung oder Fertigung von Teilkomponenten reicht das Spektrum.

2015 konnte sich die Branche nicht richtig in Szene setzen. Vor allem Zulieferer litten unter der weltweiten Zurückhaltung in puncto Investitionen. Eine Fülle von Risiken hemmte den Kauf neuer ­Maschinen und agrartechnischer Produkte: Der Preisverfall bei den ­Rohstoffen, die Russlandkrise, die Abschwächung des chinesischen Dauer­booms. Im letzten Jahresdrittel kam auch noch der VW-Abgasskandal hinzu.

Lebensmittelhandwerke

Für Bäcker, Metzger und Konditoren dreht sich alles um guten Service, um ein angenehmes Ambiente und um die Qualität der Produkte. Im zu Ende gehenden Jahr waren die Lebensmittelhandwerke extrem zufrieden. Dazu trugen gesunkene Energiepreise und eine wachsende Nachfrage nach Imbissen und "heißer Theke" bei. Die Brauer erlebten trotz eines heißen Sommers leichte Einbußen im Vergleich zum "WM-Jahr" 2014. Abgesehen von Sondereinflüssen gilt: Die Kunden werden immer älter, trinken immer weniger Bier und legen Wert auf regionale Vielfalt.

Ein Thema, das alle Lebensmittelhandwerke umtreibt, ist das Nachfolgeproblem. Es speist sich zum größten Teil aus dem Fachkräftemangel. Speziell im Fleischergewerbe scheitern viele Firmenübernahmen an den Maschinenparks. Diese sind so teuer, dass sich ein externer Gründer die Übernahme gar nicht leisten kann. Nur große Filialisten kommen dann noch zum Zuge.

Gewerbe für privaten Bedarf

Im Friseurhandwerk spürt man die Wirkung des 2013 eingeführten und stufenweise angehobenen Mindestlohnes. Die Branche versucht, das Kostenplus an die Kunden weiterzureichen; 2015 stiegen die Preise im Mittel um über drei Prozent. Da die Umsätze nicht in dieser Höhe zulegten, muss die Nachfrage eingeschränkt worden sein. Zugleich kam der Betriebszuwachs weitgehend zum Stillstand.

Im Gesundheitshandwerk ist die Lage uneinheitlich. Nachdem die Anhebung der Festbeträge durch die Krankenkassen 2014 die Nachfrage nach Hörgeräten auf ein höheres Level brachte, dürften die Verkaufszahlen auch im Berichtsjahr mindestens 1,2 Millionen erreicht haben. Im Gegensatz dazu kämpfen Zahntechniker mit den Preisen der Billiganbieter aus Fernost. In Deutschland sind die Kosten aufgrund der beträchtlichen Anforderungen an die Fertigung erheblich höher.

Zusätzliche Konkurrenz beschert der technische Fortschritt. Mit Hilfe von 3D-Scannern und -schleifern können Zahnarztpraxen zumindest Teilprothesen ohne großen Aufwand selbst herstellen. Augenoptiker blicken mit Sorge auf das zunehmende Handelsvolumen im Internet. Sie umwerben die Kunden mit stationärer Beratung in Wohlfühlatmosphäre und intensiver Betreuung nach dem Kauf.