Der Kohlensäure-Engpass setzt die Getränkehersteller unter Druck. Keiner weiß derzeit, wann der Mangel endet. Ein Brauer aus Bayern hat eine Lösung fürs Abfüllen seines Biers gefunden: Er ersetzt Kohlensäure mit Stickstoff. Wäre das auch in anderen Brauereien möglich? Wenn ja, wie?

Kohlensäure ist für Getränkehersteller elementar. Limo und sprudelndes Wasser können sie nicht ohne herstellen. Bier schon, denn beim Brauen entsteht Kohlensäure, die dann darin enthalten bleibt und das Bier prickeln lässt. Dennoch brauchen die Brauereien auch fürs Bier – genauer gesagt zum Abfüllen des Biers – Kohlensäure. Sie verdrängt die Luft beim Abfüllen und sorgt dafür, dass das Bier damit länger haltbar ist. Außerdem erhält das Abfüllen ohne Lufteinschluss auch den Geschmack des Biers länger und intensiver.
Brauerei nutzt Stickstoff statt Kohlensäure
Da die meisten Brauereien für die Produktion anderer karbonisierter Getränke normalerweise sowieso CO2 vorrätig haben, nutzen sie diese in den Abfüllmaschinen der Bierflaschen und Bierfässer. Das Verdrängen der Luft funktioniert allerdings auch mit anderen Gasen – etwa mit Stickstoff. Genau das hat sich auch der Braumeister des Storchenbräu aus Pfaffenhausen im Allgäu gedacht und so trotzt die kleine Brauerei nun dem Kohlensäure-Engpass.
Noch ist es eine Batterie aus Stickstoffflaschen, die über Schläuche provisorisch an die Abfüllung angeschlossen ist und die Zuleitung des CO2 aus dem großen Tank ersetzt. Brauereichef Hans Roth könnte sich auch vorstellen, dass der Stickstoff langfristig zum Einsatz kommt. Abhängig ist das sowohl von der Entwicklung der Verfügbarkeit der Kohlensäure, als auch vom Preis. "Für die Gasflaschenbatterie bezahle ich gerade mehr als wenn ich Kohlensäure wie bisher nutzen würde, aber immerhin kann ich so weiter alle Getränke herstellen", sagt er.
Stickstoff statt Kohlensäure: Langsameres Bierabfüllen nötig
Roth verwendet die Kohlensäure, die er jetzt noch vorrätig hat, nun nur noch für das Karbonisieren von Wasser und Limonaden und berichtet, dass er damit über den Winter kommt. Andere Getränkehersteller mussten wegen des Kohlensäure-Engpasses bereits das Produzieren einstellen. Keiner weiß, wie lange der Mangel noch anhält und wie sich der Preis entwickelt.
Hans Roth und sein Braumeister Armin Lutz tüfteln deshalb weiter an Lösungen. Wenn er den Stickstoff auch als ganze Tankfüllung bestellen würde, wäre der Preis – außerhalb der Mangelzeiten – eigentlich mit dem des CO2 vergleichbar. In der Produktionsstraße und bei den Maschinen wäre außerdem kein Umbau nötig, erzählt er. Er könnte hier alles Vorhandene nutzen. Dafür, dass er jetzt gerade weiter Bier abfüllen kann und dabei Kohlensäure einspart, musste er dennoch an den Abfüllmaschinen gut austarieren.
"Wir laufen mit einer niedrigeren Geschwindigkeit und schaffen so nur 80 Prozent dessen, was wir sonst produzieren", erklärt er. Würde er das Bier in der selben Geschwindigkeit in die Flaschen füllen wie bei der Nutzung von CO2, würde das Bier überschäumen. Hans Roth betont, dass er dies ganz individuell für seine Abfüllung ausprobiert hätte und dass er keine universelle Anleitung für jede Brauerei liefern könne. Für die Storchenbräu kann er aber sagen "Es funktioniert." Das präsentiert Hans Roth auch in einem Video auf Instagram.>>>>
Stickstoff und CO2: Brauereien können unabhängig werden
Eine grundsätzliche Bestätigung, dass er mit seinem Ansatz richtig liegt, bekommt Hans Roth auch vom Verband Private Brauereien Bayern. Mario Schäfer, der dort Geschäftsführer und unter anderem für die Technische Beratung zuständig ist, sagt, dass die Nutzung von Stickstoff eine gute Möglichkeit sei, CO2 einzusparen. Es geht schließlich darum, die Luft beim Abfüllen zu verdrängen und dafür kann man verschiedene Gase verwenden.
Was Schäfers Aussage zufolge aber ein noch wichtigeres Thema sei, das sich nun durch den Kohlensäure-Engpass zeigt, ist die große Abhängigkeit der Getränkehersteller von den Gaslieferanten. Auch sie sind an bestehende Lieferketten gebunden. So kommt die Kohlensäure als Nebenprodukt aus der Düngemittelindustrie, die jetzt wegen der hohen Energiekosten, ihre Produktion heruntergefahren hat. Das ist der Grund für den aktuellen Mangel.
"Jede Brauerei hat einen Druckluftkompressor und daran kann man problemlos einen Stickstoffgenerator anschließen und so den Stickstoff selbst produzieren", erklärt der Technische Berater. Damit wäre der Zukauf des Gases nicht mehr nötig. Ähnliches können Brauereien aber auch erreichen, wenn sie auf eine CO2-Rückgewinnung setzen. Das haben bereits viele große Braubetriebe gemacht und das macht sie nun in Mangelzeiten unabhängig. Die Gärkohlensäure, die beim Brauen entsteht, nimmt das Bier nicht komplett auf. Was übrig ist, kann man auffangen und weiter nutzen. Doch dafür benötigt man spezielle Anlagen und diese sind teuer.
Bisher haben vor allem kleine Brauereien sich diese Investitionen erspart, da der Einkauf von CO2 sich eher rentiert hat. "Aber jetzt in Zeiten des Engpasses zahlt es sich aus als Betrieb unabhängig zu sein. Keiner weiß, wie lange der Mangel anhält und was danach kommt", sagt Mario Schäfer. Grundsätzlich sollten Betriebe aus seiner Sicht langfristig denken und auf Unabhängigkeit setzen. Er nennt dabei den Klimaschutz, der so oder so ein wichtiges Thema bleibt und die Reduzierung des Carbon Footprint.
Stickstoff im großflächigen Einsatz: Es fehlen Erfahrungswerte aus Brauereien
Welche Bedeutung der Stickstoff als Ersatz für CO2 in den Abfüllprozessen der Getränkehersteller langfristig bekommen wird, bleibt noch abzuwarten. Einfluss haben darauf sicherlich der Preis und die technische Entwicklung. Denn diese müsste dann noch ausgereifter werden. Kurzfristig scheint Stickstoff einzelnen Brauern wie Hans Roth aushelfen zu können, wenn sie es schaffen, ihre Produktion individuell daran anzupassen.
Ein großflächiger Einsatz von Stickstoff wäre aber nach Angaben des Deutschen Brauer-Bundes (DBB) noch mit vielen Fragezeichen verbunden. "Es gibt hier keine Erfahrungswerte", teilt dieser auf Anfrage mit. Nach den dem DBB vorliegenden Informationen könne Stickstoff in den Bereichen Gär- und Lagerkeller und bei der Fassabfüllung CO2 ersetzen. Bei der Flaschenabfüllung gehe das jedoch nur bedingt. Erforderlich seien eine Anpassung von Fülldruck, Temperatur und Füllerleistung. So weist der DBB auch auf die stärkere Schaumbildung hin, die dann entstehen könne und mit der auch die Storchenbräu konfrontiert war. Hans Roth füllt nun dennoch weiter Bier ab. Auch wenn das nun etwas langsamer vorangeht, stehen seine Maschinen nicht still – nicht fürs Bier, aber auch nicht für Wasser und Limo.