Brauereien in der Dauerkrise Kohlensäure fehlt: Brauer fordern staatlichen Eingriff

Unterbrochene Lieferketten, schlechte Konsumstimmung, absurd hohe Energiepreise und nun fehlt auch noch die Kohlensäure: Brauereien in Deutschland haben es immer schwerer, ihre Produktion aufrechtzuerhalten. Holger Eichele, der Hauptgeschäftsführer des Deutschen Brauer-Bunds, erklärt im Interview, wie bedrohlich die aktuelle Lage wirklich ist.

Brauern fehlt die Kohlensäure.
Es gibt einen Engpass bei der Kohlensäure: Brauereien brauchen diese nicht fürs Bierbrauen, sondern im Abfüllprozess. - © Love the wind - stock.adobe.com

Gerade ist es der Mangel an Kohlensäure, der die deutschen Brauer dazu bringt, ihre Produktion herunterzufahren. Einige Betriebe werden nicht mehr und andere nur noch in geringen Mengen beliefert, weil einfach viel zu wenig Kohlensäure verfügbar ist. Gleichzeitig belasten die Energiekrise, die sich nahtlos an die Pandemie anreiht, und die Inflation die Brauereien so stark, dass der Begriff der Existenzbedrohung plötzlich für viele real wird.

Herr Eichele, wie ist die Stimmung bei den Brauereien – ist die Dauerkrise spürbar?

Zuerst ein großes Kompliment: Es ist unglaublich, was unsere Betriebe leisten, um in der Krise zu bestehen. Die Herausforderungen sind riesig und machen es nötig, dass zum Beispiel Anlagen schnellstmöglich umgerüstet oder Produktionslinien angepasst werden. Seit Beginn der Corona-Pandemie sind die Brauereien im permanenten Krisenmodus und versuchen, sich mit aller Kraft gegen die Krise zu stemmen.

Ein Vorteil ist, dass sich unsere Betriebe schon seit vielen Jahren auf eine effizientere und nachhaltigere Energieversorgung umstellen. Viele haben hohe Summen in modernste Technik investiert und diese Resilienz zahlt sich jetzt aus. Aber noch ist es nur in seltenen Fällen möglich, ganz auf fossile Energien zu verzichten. Die Abhängigkeit unserer Branche von Gas ist nach wie vor groß und auch der Strombedarf ist nicht zu unterschätzen für den Brauprozess, für die Abfüllung und Kühlung. Die derzeit absurd hohen Kosten für Gas und Strom sind natürlich eine enorme Belastung für die Unternehmen. Aber dennoch kämpfen die Brauereien sehr entschlossen gegen die Krise an und versuchen sich durch ständige Anpassung am Markt zu behaupten.

Engpass bei der Kohlensäure: Brauer und Lebensmittelindustrie betroffen

Wie sind die aktuellen Probleme durch die fehlende Kohlensäure einzuschätzen? Brauchen Brauereien zum Bierbrauen unbedingt Kohlensäure?

Holger Eichele ist Hauptgeschäftsführer des Deutschen Brauer Bunds
Holger Eichele ist der Hauptgeschäftsführer des Deutschen Brauer Bunds (DBB). - © DBB

Zum Brauen an sich ist keine externe Kohlensäure nötig. Das CO2 entsteht im Brauprozess auf natürliche Weise. Wenn Brauereien Kohlensäure zukaufen, dann vor allem zum Abfüllen des Bieres in Flaschen, Fässer und Tanks. So wird vermieden, dass das Bier beim Abfüllen nicht mit Luft in Kontakt kommt und es nicht schäumt. Bier wäre ohne dieses Verfahren nicht lange haltbar. Kohlensäure wird aber auch für die Herstellung von Wasser, Limonaden oder alkoholfreien Bieren gebraucht. Und sie wird in der gesamten Lebensmittelindustrie eingesetzt, beim Verpacken von Wurst und Käse etwa. Auch diese Prozesse sind nun akut gefährdet.

Wir müssen davon ausgehen, dass sich die Lage auf dem CO2-Markt in naher Zukunft eher noch verschärft. Verursacht wird das Problem durch die hohen Energiekosten – viele  Düngemittelhersteller haben deshalb ihre Produktion zurückgefahren. Kohlensäure entsteht aber genau bei diesen Prozessen als wichtiges Nebenprodukt. Vor allem kleinere Brauereien sind darauf angewiesen, Kohlensäure geliefert zu bekommen, weil sie anders als große Betriebe keine Rückgewinnungsanlagen betreiben und die natürliche Kohlensäure, die beim Brauen entsteht, nicht auffangen und speichern können. Derartige Anlagen sind sehr teuer und rentieren sich nur ab einer bestimmten Betriebsgröße.

Wie lässt sich die Kohlensäure-Knappheit beenden? Kann man die Kohlensäure nicht aus importieren oder aus anderen Quellen bekommen?

Es ist ein Problem, das den gesamten europäischen Markt betrifft. Wir können die fehlende Kohlensäure nicht einfach mal schnell aus Nachbarländern holen. Kohlensäure ist durch den Engpass außerdem sehr teurer geworden. Aber das größte Problem bleibt die eingeschränkte Verfügbarkeit.

Die einzige Lösung ist, schnell an der Ursache anzusetzen und der Düngemittelindustrie in der Energiekrise wieder auf die Beine zu helfen. Die Bundesregierung sollte prüfen, die Energiekosten für die Düngemittelherstellung zu subventionieren. Als Voraussetzung müsste es dann aber eine staatliche Anweisung geben, die Produktion von Kohlensäure sicherzustellen. Mir ist bewusst: Das wären drastische Eingriffe in den Markt, aber die aktuelle Notlage machen sie notwendig.

Brauern fehlt Kohlensäure: Ursache liegt in den Energiekosten

Die hohen Energiepreise wirken sich auch im Brauprozess und bei allen anderen Betriebsabläufe aus. Wie stark ist die Belastung aktuell? Und welche Schritte sind aus Ihrer Sicht jetzt nötig, um diese Belastung zu senken?

Brauereien brauchen viel Energie und sind in hohem Maße abhängig von Gas. Die hohen Energiekosten schlagen im Betrieb an vielen Stellen zu Buche. Wie stark eine Brauerei aktuell von Kostensteigerungen betroffen ist, hängt von vielen Faktoren ab – etwa den hergestellten Produkten, den verwendeten Herstellungsverfahren und Anlagen sowie den Vertragskonditionen mit dem regionalen Versorger. Im Schnitt entfallen bei kleinen und mittelständischen Brauereien drei bis sechs Prozent der Produktionskosten auf Energie – je nach Energiepreis und Betriebsgröße. Auf den ersten Blick wirkt das vielleicht nicht dramatisch, aber die aktuellen Kostensteigerungen stellen jede Kalkulation völlig auf den Kopf! Man muss klar sagen, dass bei den aktuellen Kosten und noch zu erwartenden Steigerungen kaum ein Unternehmen der deutschen Getränkewirtschaft noch in der Lage sein kann, kostendeckend zu produzieren. Viele Brauereien sind deshalb dringend auf staatliche Hilfen angewiesen.

Wir fordern, dass Deutschland dem Beispiel anderer EU-Staaten folgt und die Preise für Strom und Gas endlich deckelt. Im ersten Schritt ist es überfällig, dass die Bundesregierung das Energiekostendämpfungsprogramm auf weitere Branchen ausdehnt. Dabei ist unbedingt zu beachten, dass auch Betriebe in den Lieferketten, die Vorprodukte an andere weitergeben, die Preise anheben, weil sie ebenfalls hohe Energiekosten haben. Auch das muss mit berücksichtigt werden, wenn eine Einstufung der Unternehmen erfolgt, die Hilfen bekommen sollen.

Neben den Sofortmaßnahmen zur Rettung der Betriebe brauchen wir dringend auch Reformen auf europäischer Ebene: Ich begrüße die Ankündigungen der EU-Kommission, eine Reform des Strommarktes in die Wege zu leiten und bin gespannt, was daraus wird. Dringend notwendig wäre in Europa ein schnelles und abgestimmtes Handeln. Sonst kommt es zu einer nie dagewesenen Welle von Pleiten.

Welche Kosten machen den Brauereien noch zu schaffen?

Ich weiß nicht, wo ich anfangen soll… Es ist ein Kosten-Tsunami, den die Brauereien gerade erleben. Ob Gas und Strom, ob Braumalz oder Gerste, ob Etiketten, Bierdeckel oder Glasflaschen – die Kosten sind auf breiter Front gestiegen und es ist nicht absehbar, wann sich das wieder ändert. Die Situation ist grotesk, weil wirklich in allen Bereichen die Kosten durch die Decke gehen. Ich möchte bewusst keine Beispiele nennen, aber ehrlich gesagt hat man da an der ein oder anderen Stelle schon den Eindruck, dass einige wenige Branchen auch auf Mitnahmeeffekte setzen und sich ziemlich dreist die Taschen vollmachen.

"Es ist ein Kosten-Tsunami, den die Brauereien gerade erleben"

Was ist aus dem Mangel an Pfandflaschen geworden, der in den vergangenen Sommern stark diskutiert wurde?

Seit der Corona-Pandemie spüren wir, dass der Leergut-Kreislauf immer wieder gefährlich nah an seine Kapazitätsgrenzen kommt. Verständlich: Die Leute gehen nicht mehr so oft einkaufen, decken sich oft auf Vorrat ein und sammeln dann entsprechend länger Kisten und Flaschen zu Hause. Das deutsche Mehrwegsystem ist weltweit einmalig und es funktioniert. Aber trotzdem schadet es nicht, die Verbraucher immer wieder darauf hinzuweisen: Je schneller die leeren Flaschen in die Brauerei zurückkommen, desto schneller können wir frisches Bier abfüllen.  

Auch im Mehrwegsystem spiegeln sich die aktuellen Kostensteigerungen. So steht der gesamte Glasmarkt unter massivem Druck – einerseits, weil große Glasproduzenten aus der Ukraine und aus Russland ausgefallen sind, andererseits, weil die Glasherstellung extrem energieaufwendig ist. Die Preise für neue Flaschen sind hier zwischen 80 und 100 Prozent gestiegen. Deshalb wird von Brauereien auch nur dann Neuglas in den Kreislauf eingespeist, wenn es unbedingt erforderlich ist.

Wird Bier teurer werden oder bald gar weniger verfügbar sein? Wie geht es weiter und droht nun wirklich eine große Pleitewelle?

Was Preise betrifft, muss jeder Betrieb und jede Marke für sich selbst entscheiden. Aber klar ist, dass derart immense Preissteigerungen, wie wir sie gerade in den Brauereien erleben, irgendwann an die Kunden weitergegeben werden müssen. Immer mehr Betriebe stehen mit dem Rücken zur Wand und wissen nicht mehr, wie sie die Kostenlawine auffangen sollen. In dieser Situation erwarte ich übrigens auch Verständnis von Seiten des Handels.  

Einige Brauereien mussten bereits schließen, weil die schweren Verluste in der Corona-Pandemie und nun die Kostensteigerungen bei Energie und Rohstoffen nicht mehr zu tragen waren. Unternehmen, die bereits durch die Corona-Krise angeschlagen sind, kommen jetzt in schweres Fahrwasser und sind schnell am Limit.  Wenn das so weiter geht, werden immer mehr Lebensmittelhersteller aufgeben müssen, die Vielfalt an regionalen Lebensmitteln wird drastisch abnehmen und Supermarktregale bleiben leer. Noch aber ist Zeit, eine große Pleitewelle abzuwenden – wenn die Politik endlich handelt.

Wird es ein Oktoberfest ohne Bier? Wird die Krise der Brauereien ein Thema sein in den Bierzelten?

Keine Sorge, das Bier fürs Münchner Oktoberfest ist längst gebraut und die Versorgung in den Bierzelten ist gesichert. Nach zwei Jahren Pandemie sind die Menschen froh, dass ein so traditionsreiches Fest wie die Wiesn endlich wieder stattfinden kann. Wir leben in unsicheren und harten Zeiten. Die Leute freuen sich, mit Familie und Freunden ein paar unbeschwerte Stunden auf der Theresienwiese verbringen zu können.

Aufgrund der aktuellen Probleme hat der Deutsche Brauer-Bund gemeinsam mit anderen Verbänden der Getränkewirtschaft eine umfangreiche Stellungnahme verfasst unter dem Titel "Handeln, bevor es zu spät ist". Sie bezieht sich auf die Energiekrise genauso wie auf den Kohlensäure-Engpass und auf weitere aktuelle Themen. Die Stellungnahme kann hier nachgelesen werden.>>>

Kohlensäure fehlt: Warum? Mit welchen Folgen? Wer ist betroffen?

Kohlensäure ist sozusagen ein Abfallprodukt, aber eben ein sehr bedeutendes. Sie entsteht bei der Düngemittelproduktion und wird von der kompletten Lebensmittelindustrie und auch bei der Getränkeherstellung genutzt – weniger als man denkt allerdings für die Blubberbläschen in den Getränken selbst. Stattdessen wird sie bei Abfüllen der Getränke benötigt, damit keine Luft bzw. kein Sauerstoff mit in die Flaschen kommt. Dieses Verfahren wird auch beim Verpacken von Lebensmitteln genutzt und auch hier wird die Knappheit an Kohlensäure Folgen zeigen. Außerdem wird sie in der Gastronomie benötigt, um Bier und andere Getränke beim Zapfen aus den Fässern zu drücken. 

Derzeit seien aber nach Schätzungen der Bundesvereinigung der Deutschen Ernährungsindustrie nur noch 30 bis 40 Prozent der üblichen CO2-Liefermengen verfügbar. Und immer mehr Unternehmen der Getränkewirtschaft, die auf Kohlensäure angewiesen sind, müssen ihre Produktion erheblich einschränken.

Kohlensäure entsteht durch die Reaktion von Kohlendioxid und Wasser. Brauereien brauchen sie vor allem, um Tanks, Flaschen und Fässer „vorzuspannen“, damit das Bier beim Füllen nicht mit Luft in Kontakt kommt und beim Abfüllen nicht schäumt. Viele Brauereien stellen auch alkoholfreie Getränke her, für die umso mehr Kohlensäure nötig ist. Nicht zuletzt die Mineralwasserhersteller haben ernsthafte Probleme. Viele Hersteller bekommen zurzeit weniger CO2, als sie bestellt haben.

Das liegt an der Düngemittelbranche. Denn diese hat, als die Gaspreise extrem gestiegen sind, ihre energieintensive Produktion zurückgefahren. Ein Nebenprodukt der Herstellung ist CO2. Der Zusammenhang ist also: weniger Düngemittel gleich weniger Kohlendioxid gleich weniger Kohlensäure. Wie stark einzelne Hersteller die Produktion nun zurückfahren oder ob sie sie komplett einstellen müssten, lässt sich nicht vorhersagen. Doch der Kohlensäuremangel trifft nicht alle gleich: Große Brauereien verfügen oftmals über CO2-Rückgewinnungsanlagen, da beim Bierbrauen Kohlensäure entsteht. Diese sogenannte Gärungskohlensäure können sie nutzen. Derartige Techniken kommen bei kleinen Betrieben allerdings selten zum Einsatz und so ist die Abhängigkeit hier größer. Auch bei den Mineralwasserherstellern müssen sich manche weniger Sorgen machen. Das ist dann der Fall, wenn vor allem natürliche Quellkohlensäure zum Einsatz kommt. Doch auch dann wird zusätzliches CO2 beim Abfüllen benötigt. jtw/dpa