12 Fragen und Antworten Siezen oder duzen? Das hilft bei der Entscheidung

In vielen Handwerksbetrieben ist das "Du" Standard. Doch kann eine zu persönliche Anrede auch Nachteile haben? Wer sollte wem das "Du" anbieten? Und ist es in Ordnung, Kunden zu duzen? Eine Trainerin für Business-Etikette gibt Antworten.

Collage: Münder, Sprechblasen, Lautsprecher mit Augen.
Duzen oder siezen? Wenn gewünscht, sollte der Chef das "Du" anbieten, unter gleichgestellten Kollegen der Ältere bzw. Dienstältere. - © Tierney - stock.adobe.com

Die Mehrheit der Deutschen will lieber gesiezt werden – zumindest in Stellenanzeigen. Rund 52 Prozent bevorzugen die förmliche Ansprache. Nur rund 48 Prozent möchten dagegen bei der Jobsuche geduzt werden. Diese Präferenz zeigt sich unabhängig von Alter oder Bildungsstand. Das ergab eine Umfrage des Marktforschungsinstituts Trendence unter mehr als 8.500 Personen.

Anders verhält es sich im Job selbst. So ist es in vielen Handwerksbetrieben gang und gäbe, dass Chef und Team per Du sind. Diese Erfahrung hat auch Ilona Kühnel gemacht. Sie ist zertifizierte Trainerin für Business-Etikette und schult Führungskräfte, Mitarbeiter und Auszubildende aus dem Handwerk in Sachen Umgangsformen. Ob man sich siezt oder duzt, hängt ihrer Meinung nach nicht unbedingt von der Branche oder der Betriebsgröße ab: "Entscheidend ist eher die Unternehmenskultur", sagt die Unternehmensberaterin.

Duzen oder siezen?

Worauf sollten Arbeitgeberinnen und Arbeitgeber achten, wenn sie im Team vom "Sie" zum "Du" wechseln wollen? Und ist es ratsam, als Mitarbeiter das Angebot des Chefs abzulehnen? Dieses FAQ hilft, die Entscheidung für eine Ansprache zu erleichtern – mit nützlichen Tipps der Expertin:

1. Sie oder Du? Was ist bei der Wahl der Ansprache im Betrieb zu beachten?

"Wer siezt, bewahrt eine respektvolle, höfliche Distanz", erklärt Ilona Kühnel. "Das Duzen hingegen steht eher für Vertrautheit." Unabhängig davon, für welche Anrede man sich letztlich entscheidet, sollten Handwerkschefs ein paar grundsätzliche Überlegungen anstellen, rät sie. So sei immer darauf zu achten, ob der Gesprächspartner Wert auf Etikette lege und in welchem Kontext das "Du" vorgeschlagen wird. "Hier ist Fingerspitzengefühl angesagt", so Kühnel. Darüber hinaus ist es wichtig, dass der Chef seine Mitarbeiter und Auszubildenden über die Umgangsformen im Betrieb sowie mit Geschäftspartnern und Kunden aufklärt. "Eine große Gefahr ist es zum Beispiel, wenn ungefragt geduzt wird. Deshalb ist es wichtig, dass Chefs ihrem Team hier Sicherheit geben. Gerade für Azubis sind die richtigen Umgangsformen ein wichtiges Thema, weil sie hier noch kaum Erfahrung gemacht haben", sagt die Knigge-Trainerin.

2. Gibt es Nachteile beim Duzen?

Bei Konflikten im Team oder in kritischen Mitarbeitergesprächen – kann die persönliche Anrede dazu verleiten, kommunikative Grenzen zu überschreiten? Kühnel glaubt nicht, dass mit dem "Du" automatisch eine Hemmschwelle überschritten wird. Voraussetzung ist allerdings, dass jeder im Team genau weiß, auf welche Umgangsformen im Handwerksbetrieb Wert gelegt wird.

3. Wer darf im Betrieb wem das "Du" zuerst anbieten?

Da der Chef die höchste Position im Unternehmen innehat, ist er derjenige, der seinen Mitarbeitern als erster das "Du" anbieten kann. Denn im Beruf ist der Rang entscheidend. Der Abteilungsleiter wiederum ist der erste, der den Mitarbeitern in seinem Team die persönliche Anrede anbieten darf. So geht es immer weiter – ganz am Ende stehen im Handwerksbetrieb die Auszubildenden. Haben zum Beispiel zwei Mitarbeiter die gleiche berufliche Position, entscheidet das Alter. Das heißt: Der Ältere bietet das Du an. "Fragen Sie Ihr Gegenüber aber nicht direkt nach seinem Geburtsjahr, sondern orientieren Sie sich an der Generation, der sie beide jeweils angehörigen", lautet der Tipp der Expertin.

Ein Sonderfall kann vorliegen, wenn ein neuer Mitarbeiter im Handwerksbetrieb anfängt und er älter ist als sein künftiger Kollege, dieser aber schon länger im Betrieb arbeitet. Hier gilt: Der "jüngere Dienstältere" darf dem Jobanfänger das Du zuerst anbieten, wenn dies die bevorzugte Anrede im Betrieb ist.

4. Sollte der Chef beim Wechsel der Ansprache einen bestimmten Zeitraum abwarten?

Auf diese Frage gibt es keine allgemeingültige Antwort. Es gibt Unternehmen, in denen man sich sofort duzt. In anderen Firmen wartet der Chef zum Beispiel, bis die Probezeit des Mitarbeiters vorbei ist. Ilona Kühnel findet aber, dass das Onboarding – also die Zeit, in der ein neuer Mitarbeiter in das Unternehmen eingeführt wird – eine gute Gelegenheit für Führungskräfte ist, darüber zu informieren, wie die Anrede im Unternehmen und auch außerhalb gehandhabt wird.

5. Was kann ein guter Zeitpunkt sein, um das "Du" anzubieten?

Das "Du" einfach so anzubieten, ist zwar theoretisch möglich. "Besser ist aber, eine passende Situation dafür zu finden. Das kann zum Beispiel im Rahmen eines Projekts sein, an dem gemeinsam gearbeitet wird, oder bei einem guten Gespräch."

6. Sollte die Führungskraft allen Mitarbeitern das "Du" anbieten? Auch den Azubis?

Auch hier gibt es keine feste Regel. Chefs sollten aber folgende Fragen klären, damit sich niemand im Team übervorteilt fühlt: Welche Signale sende ich an andere Mitarbeiter, wenn ich diesen Mitarbeiter jetzt duze? Gibt es Mitarbeiter, die schon länger dabei sind und die ich immer noch sieze – und könnten die sich übergangen fühlen?

7. Darf der Mitarbeiter das "Du" auch ablehnen?

Der Mitarbeiter ist nicht verpflichtet, das Du-Angebot des Chefs anzunehmen. Deshalb sollten Führungskräfte darauf achten, wie sie ihrem Gegenüber das "Du" anbieten. Wird das Angebot offen kommuniziert, hat der Mitarbeiter die Möglichkeit, höflich abzulehnen. Eine mögliche Formulierung des Chefs könnte sein: "Ich würde Ihnen gerne das 'Du' anbieten, aber wenn Sie weiterhin das 'Sie' bevorzugen, ist das für mich absolut in Ordnung."

8. Gibt es einen Weg zurück vom "Du" zum "Sie"?

"Einmal du, immer du", lautet eine gängige Redensart. Und sie stimmt: Wer einmal das "Du" anbietet, kommt in der Regel nicht mehr zum "Sie" zurück, erklärt Kühnel. Doch es gibt Ausnahmen. So kann es zum Beispiel vorkommen, dass der Chef bei einer Betriebsfeier in lockerer Stimmung einem Mitarbeiter vorschnell das Du anbietet. Der Rat der Expertin: "Mitarbeiter sollten nach der Betriebsfeier lieber abwarten, mit welcher Ansprache der Chef sie das nächste Mal anspricht und dementsprechend ihre Ansprache wählen."

9. Wenn man schon beim Du ist – darf man dann auch Spitznamen verwenden?

Tobi, Steffi, Tine – wenn man schon beim "Du" ist, kann man doch auch gleich den Spitznamen des anderen verwenden, oder? Grundsätzlich spricht nichts dagegen, aber: "Als Chef ist es immer wichtig zu schauen, welchen Eindruck ich bei meinem Gegenüber hinterlasse", sagt Kühnel. Denn manche Spitznamen sind selbst gewählt, andere wiederum sind fremd vergeben. Das heißt, der Träger muss seinen Spitznamen nicht unbedingt mögen. "Bei sehr kreativen Spitznamen wäre ich vorsichtig und würde sie im beruflichen Kontext nicht verwenden."

10. Unabhängig vom Chef: Dürfen Mitarbeiter selbst entscheiden, ob sie sich untereinander duzen oder siezen?

Es gibt wohl kaum einen Chef, der seinen Mitarbeitern verbietet, sich zu duzen. Aber: Was für den Chef gilt, gilt auch für die Mitarbeiter. Auch sie sollten darauf achten, ob und wann die persönliche Anrede unter Kollegen angebracht ist und das Angebot zum "Du" möglichst offen formulieren.

11. Darf auch Kunden das "Du" angeboten werden?

Viele Handwerksbetriebe haben Stammkunden, mit denen sie auch einen persönlicheren Umgang pflegen. Der Chef ist in der Regel aber nicht in der Position zu entscheiden, ob er seine Kunden duzt oder nicht. Die Entscheidung liegt in der Regel beim Kunden.

12. Lieber duzen oder siezen in der Stellenanzeige?

Die eingangs erwähnte Trendence-Studie zeigt, dass die Mehrheit das "Sie" in Stellenanzeigen bevorzugt. "Ich denke, bei der Besetzung von Führungspositionen ist das auch eher angebracht. Mit dem 'Sie' gehen Sie zudem immer auf Nummer sicher", so Kühnel. Entscheidet man sich dennoch für die Du-Ansprache, gilt für die Stellenanzeige: Die Anrede muss authentisch sein und zur Unternehmenskultur passen. "Der Eindruck, der in der Stellenanzeige vermittelt wird, muss auch in der Realität passen", lautet das Fazit von Kühnel.