Vom Museumsbau bis zum Corona-Schutz Seiwo rückt "Tante Ju" ins rechte Licht

Unter dem Dach der Museums-, Bühnen- und Kulissenbauer aus dem Erzgebirge arbeiten Handwerker der verschiedensten Gewerke an komplexen Aufträgen wie für das Deutsche Museum oder das ZDF – selbst zum Schutz vor Corona steuert das Unternehmen Lösungen bei.

Tischler-Azubis bei Seiwo
Hamid Hamidili und Florian Lorenz, Tischler-Azubis im dritten Lehrjahr, fertigen Sitzgelegenheiten für die Besucher des Deutschen Museums, das nach mehrjähriger Modernisierung im Sommer 2022 wieder öffnet. - © Detlev Müller

Die Früchte ihres Schaffens können die Mitarbeiter der Seiwo Technik GmbH jeden Abend im Fernsehen bewundern. Wenn im ZDF die Nachrichten beginnen, dann setzen tausende LEDs den Moderatorentisch ins rechte Licht. Das organisch geformte Möbel ist so etwas wie ein Aushängeschild von Seiwo. Aber das Portfolio des Handwerksbetriebs aus dem erzgebirgischen Scharfenstein reicht weit darüber hinaus. Gerade befindet sich der bisher umfangreichste Auftrag der Firmengeschichte in seiner finalen Phase.

Wenn im Sommer das Deutsche Museum in München nach grund­legender Modernisierung 19 Ausstellungen auf 20.000 Quadratmeter wiedereröffnet, dann wurde rund die Hälfte der Fläche von Seiwo ausgebaut. Das Spektrum an Themen ist so breit gefächert wie die Anzahl an Gewerken, die bei Seiwo an den komplexen Projekten zusammenarbeiten. "Wir beschäftigen Tischler, Metallbauer, Glaser, Elektriker, Lackierer, Schilder- und Lichtreklamehersteller, aber auch Bühnen- und Medientechniker", zählt Ge­schäftsführer Jan Wabst auf. Ein Viertel der gewerb­lichen Mitarbeiter unter der 74-köpfigen Belegschaft seien Meister oder Techniker.

Attraktive Aufträge, keine Nachwuchsprobleme

Nachwuchsprobleme kennt das Unternehmen kaum, das aktuell sieben Lehrlinge ausbildet. "Durch attraktive Aufträge können wir unseren Mitarbeitern einen ab­­wechslungsreichen Job bieten. Das spricht sich rum", sagt Wabst, der zu­­dem auf einen partnerschaftlichen Umgang im Betrieb Wert legt. "Ein autoritärer Führungsstil funktioniert heute nicht mehr", meint der Chef.

Für das Deutsche Museum haben die Seiwo-Mitarbeiter den raumbildenden Ausbau für ganz unterschiedliche Ausstellungen erledigt: Chemie, Foucaultsches Pendel, Kraftmaschinen, Brücken- und Wasserbau, Kinderreich, Raumfahrt sowie moderne und historische Luftfahrt. Allein das Schwerlastpodest für die Ju 52 von Junkers stellte höchste Anforderungen an die Tüftler aus dem Erzgebirge. Das 14 Meter lange und 2,5 Tonnen schwere Flugzeug, besser be­kannt als "Tante Ju", wird das größte Objekt in den neuen Ausstellungen auf der Münchener Museumsinsel sein – und ein weiteres Aushängeschild von Seiwo.

Museums- und Ausstellungsbau als Hauptstandbein

Der Name der Firma geht auf die Gründer Seidel und Wohlgemuth zurück, die 1990 auf dem Areal des ehemaligen Kühlschrankherstellers dkk mit dem Bau von Außenwerbeanlagen starteten. Heute steuert dieser Geschäftsbereich noch etwa ein Zehntel zum Umsatz bei. 70 Prozent erwirtschaftet Seiwo mit dem Museums- und Ausstellungsbau, der vor allem von Karsten Wabst vorangetrieben wurde.

Seiwo-Geschäftsführer Jan Wabst
Seiwo-Geschäftsführer Jan Wabst. - © Detlev Müller

Der Bruder des heutigen Geschäftsführers hatte Seiwo im Jahr 2003 übernommen und bis zu seinem plötzlichen Tod 2013 immer an­spruchsvollere Objekte wie die Arche Nebra in Angriff genommen. Seit 2014 setzt Jan Wabst das Werk seines Bruders fort. Seither ist die Zahl der Mitarbeiter weiter gestiegen, ebenso die Liste der Referenzobjekte. Sie reicht quer durch die Bundesrepublik vom Planetarium und Besucherzentrum ESO Supernova in Garching über das Landesmuseum Württemberg in Stuttgart, das Haus der Bayerischen Geschichte in Regensburg und den Leipziger Zoo bis hin zum Erlebniszentrum Naturgewalten Sylt.

Auf der Nordseeinsel haben die Erzgebirger im vergangenen Jahr einen 15 Meter langen Wind-Wellen-Simulationskanal modernisiert, den sie bereits 2010 installiert hatten. Ein Projekt, das beispielhaft für die große Bandbreite im Leistungskatalog von Seiwo steht. Über Turbinen lässt sich der Wind regulieren, ein Pumpensystem und ein Wellenpaddel übersetzen die Windstärke in den entsprechenden Wellengang. Moderne Me­dientechnik plus Steuerung visualisieren dazu ein passendes Ambiente, damit die Besucher die Zusammenhänge in der Natur möglichst realistisch nachempfinden können. Ver­arbeitet wurden Stahl, mitteldichte Holzfaserplatten (MDF), Glas sowie glasfaserverstärkter Kunststoff (GFK).

Bühnen- und Kulissenbau in Hohenstein-Ernstthal

Als drittes Standbein steuert der Bühnen- und Kulissenbau weitere 20 Prozent zum Umsatz bei. Dafür hatte Seiwo im Jahr 2019 das Unternehmen Bühnenconcept in Hohenstein-Ernstthal übernommen. Hier wurden auch die beiden Moderatorentische für das ZDF nach dem Entwurf des Fernsehsenders gebaut. Rund 4.000 Arbeitsstunden stecken in jedem der L-förmigen Tische für zwei der drei Nachrichtenstudios auf dem Mainzer Lerchenberg. Der Materialmix und die speziellen Anforderungen eines Fernsehstudios verlangten den Mitarbeitern höchste handwerkliche Fertigkeiten ab.

Als Unterkonstruktion dient ein Spantenbau aus gefrästem Aluminium. Um Spannungsrisse bei der markanten Holzoberfläche zu vermeiden, wurde amerikanischer Nussbaum in ein mal ein Zentimeter messende Stäbe geschnitten. Anschließend wurden sie zu Blöcken verleimt, an der Fünf-Achs-Fräsmaschine in Form gebracht, mehrfach von Hand ge­schliffen und geölt. Jede der LEDs zur Beleuchtung der weißen Corian-Front, einem gut formbaren Acryl­mineralwerkstoff, lässt sich separat steuern und ist so kalibriert, dass während der Sendung kein Flimmern oder störende Reflektionen von den Nachrichten ablenken.

Selbststeuerndes Lichtsystem als ZIM-Projekt des Jahres

Wichtigster Geschäftsbereich bei Seiwo bleibt aber der Museumsbau. Dem Schutz der Exponate widmet das Unternehmen dabei genauso viel Aufmerksamkeit wie ihrer Präsentation. Denn Gefahr droht nicht nur durch Einbrecher oder unvorsichtige Besucher. Um lichtempfindliche Kulturgüter ohne Schaden zeigen zu können, müssen Museen ihre Be­­leuchtung entsprechend ertüchtigen. Weil das oft zu teuer ist, bleiben viele Objekte in den Depots. Seiwo möchte sie an die Öffentlichkeit holen.

Dafür hat die Firma, unterstützt durch das Zentrale Innovationsprogramm Mittelstand (ZIM), ein selbststeuerndes Lichtsystem entwickelt. Es lässt sich leicht und kostengünstig in die bestehende Beleuchtung integrieren, überwacht Lichtfrequenz und Bescheindauer an sensiblen Exponaten und steuert unter Vorgabe konservatorischer Parameter Lampen oder Ja­­lousien.

Neues Produkt zum Schutz vor Corona

Die Corona-Pandemie hat der Be­­trieb, der zu 80 Prozent von der öffentlichen Hand lebt, bisher besser überstanden als befürchtet. Dennoch wollte Geschäftsführer Jan Wabst nicht warten, bis eventuell Aufträge wegbrechen, weil bei der Kultur ge­­spart werden muss. Vielmehr haben er und seine Mitarbeiter die Krise als Chance verstanden und ein neues Produkt entwickelt – den Protect-Cube. "Wir wollen soziale Kontakte ermöglichen, nicht vermeiden", erklärt Wabst das Ansinnen.

Beim Protect-Cube handelt es sich um ein modulares Stellwandsystem für virenfreien Geschäftsverkehr und Kundenkontakt. Die Sicherheitswürfel ermöglichen den kontaktlosen Zugang über QR-Code oder RFID-Chip und nach jedem Besuch macht UVC-Licht eventuellen Viren den Garaus. Zudem wird die Luft permanent ausgetauscht. Griffe, Tisch- und Sitzflächen besitzen antibakterielle Oberflächen. "Im Februar 2020 haben wir den Protect-Cube zum Patent angemeldet und schon Ende Mai war unser Produkt geschützt. Das schafft in dieser Geschwindigkeit dank seiner flachen Hierarchien nur das Handwerk", betont Wabst.

Smartwatch erkennt Infektionen

Protect-Watch
Über Veränderungen der Körpertemperatur kann die Protect-Watch über eine App vor Infektionen warnen. - © Protect Concepts & Systems

Inzwischen treibt er zusammen mit Partnern bereits die nächste Entwicklung voran – die Protect-Watch. Als erste Smartwatch kann die Uhr neben Vitalwerten wie Blutdruck, Herzfrequenz oder die Sauerstoffsättigung im Blut auch die Körpertemperatur messen, ein wichtiger Parameter zur Erkennung von Infektionen. Seit Jahresbeginn gibt es die Gesundheitsuhr zu kaufen. Bald soll die zu­gehörige Smartphone-App auch vor Virus- oder bakteriellen Infektionen warnen.

Anfang April stellte Seiwo bei einer Pressekonferenz in der Handwerkskammer Chemnitz eine Studie vor, die den Nutzen des Frühwarnsystems bei einer Corona-Infektion untermauert. In dem vierwöchigen Test mit 38 Probanden traten vier Corona-Fälle auf. Alle wurden von der Uhr und im Schnitt zwei Tage früher erkannt als durch herkömmliche Tests.

Die Uhr hat das Potenzial, bei künftigen Corona-Wellen eine Ausbreitung der Infektionen früher zu unterbinden. Es müssten allerdings weitere Untersuchungen durchgeführt werden, meint der medizinische Leiter der Studie, Prof. Dr. med. habil. Lutz Mirow, Facharzt für Allgemein- und Viszeralchirurgie. Seiwo-Chef Wabst und der Entwickler des Algorithmus hinter dem Frühwarnsystem, Thomas Krause, sind jedoch optimistisch, dass mit der Protect-Watch ein neues und zukunftsfähiges Geschäftsfeld erschlossen werden kann.