Der Tradition verpflichtet Ein Tischlermeister als Bewahrer des Kegelbillards

Tischlermeister Marco Lohmann schreibt in Chemnitz die Geschichte des handwerklichen Billardbaus fort. Sein Unternehmen Billard-Krausse genießt unter den Sportfreunden einen erstklassigen Ruf und ist offizieller Ausrüster der Deutschen Meisterschaften.

Billard Krausse in Chemnitz
Drei Generationen Billardbauer: Marco Lohmann (r.), Inhaber von Billard-Krausse in Chemnitz, mit seinem Lehrling Franz Müller (l.) und seinem Vorgänger Hans-Jörg Ritscher, der den Traditionsbetrieb 32 Jahre lang leitete. - © Detlev Müller

Eine Zahlenkombination hütet Marco Lohmann wie seinen Augapfel. Hinter der Ziffernfolge verbirgt sich sein wohl wichtigstes Kapital – die Bestellnummer für ein Gummiprofil. Dabei fertigt der Tischlermeister weder Fenster noch Türen, sondern Tische. Als Inhaber von Billard-Krausse in Chemnitz führt Lohmann den wohl ältesten handwerklichen Billardbaubetrieb Deutschlands, wenn nicht sogar Europas. Der Gummi für die Bande gilt als Herzstück der Billard­tische. Ist er zu weich oder zu hart, verlieren versierte Spieler ihre Treffsicherheit. Und Billard-Krausse womöglich seine Kunden.

Aber die halten dem Traditionsbetrieb nun schon seit 135 Jahren die Treue. Marco Lohmann hat die Werkstatt in der Carolastraße nahe dem Bahnhof 2007 übernommen – als vierter Inhaber in der Firmengeschichte. Und wie seine beiden Vorgänger hält auch er am Namen Billard-Krausse fest, der an den Firmengründer Robert Krausse erinnert und speziell unter den Freunden des Kegelbillards als Qualitätsmarke etabliert ist.

Lockdown legt Vereinsleben lahm

Dabei hatte der Betrieb schon öfter schwierige Zeiten zu überstehen. Aktuell sorgt sich Marco Lohmann um den Nachwuchs an Billardspielern. Wegen der Corona-Krise lag das Vereinsleben lange brach, schon zwei Jahre gab es keine Meisterschaften mehr. "Das wird sich langfristig auswirken", fürchtet Lohmann. Er hat die Zeit genutzt, um den Billardkegelverband mit neuen Tischen für die Deutsche Meisterschaft zu versorgen.

Und auch sonst mangelt es nicht an Arbeit, wie ein Blick in die Werkstatt verrät. Gerade schiebt Lohmann zwei polierte Holzplatten beiseite, unter denen sich eine mit dem typischen grünen Tuch bespannte Billardspielfläche versteckt. Ein Spezialauftrag. "Das ist eigentlich ein Esstisch fürs Wohnzimmer, der sich in ein Billard verwandeln lässt", erklärt Lohmann. Er fertigt seine Billardtische noch weitgehend in Handarbeit und kann individuell auf jeden Kundenwunsch eingehen. Modernes Design gibt es ebenso wie rustikales, das an Barock erinnert. Oder er fertigt für seine Tische austauschbare Banden, sodass sich ein Kegel mit wenigen Handgriffen zu einem Poolbillard umbauen lässt.

Sport mit vielen Spielarten

Billard ist eben nicht gleich Billard. Laut Wikipedia gibt es 35 Spielarten. Am verbreitetsten sind Poolbillard, Snooker, Lochbillard, Karambolage und Kegelbillard. Letzteres bestimmt das Kerngeschäft bei Billard-Krausse, weil Brandenburg und Sachsen traditionell als Hochburgen des Kegelbillards gelten. Gespielt wird mit drei Karambolage-Bällen auf einer Fläche von 90 mal 180 Zentimeter, in deren Mitte fünf Kegel stehen. Die Spiel­regeln sind kompliziert. Vereinfacht gesagt, muss mit dem roten Anspielball ein weißer Ball so angestoßen werden, dass er zunächst eine Bande berührt und dann möglichst viele Kegel trifft.

"Früher stand in jeder Kneipe ein Billard als Anziehungspunkt für die Gäste. Heute hat die Speisekarte diese Funktion übernommen", sagt Marco Lohmann, der nur noch selten Aufträge aus dem Gastgewerbe bekommt. Die Zeiten mögen sich geändert haben, aber Billard-Krausse hat sie alle überlebt: Weltkriege und Wirtschaftskrisen, den Mangel in der DDR und deren Ende, als wichtige Absatzmärkte plötzlich verloren gingen. Besonders schwierig gestaltete sich für die jeweiligen Inhaber die Suche nach einem Nachfolger.

Privatbetrieb gerettet

Paul Schürer, der Schwiegersohn des Firmengründers, hatte sich im Alter von 78 Jahren schon mit dem Gedanken angefreundet, den Traditionsbetrieb 1972 ins Volkseigentum zu überführen, als sich doch noch ein Nachfolger fand. In einer Zeit, in der die Verstaatlichungswelle in der DDR einen Höhepunkt erlebte, durfte Hans-Jörg Ritscher als junger Tischlermeister einen Privatbetrieb übernehmen.

"Das ging ohne großes Trara. Schließlich waren die FDGB-Ferienheime, Polizei und Armee, ja sogar die Stasi gute Kunden. Wenn das Sportgerätewerk die Billard-Produktion übernommen hätte, wären die Tische viel teurer geworden, weil der VEB einen deutlich höheren Unkostensatz hatte als ein kleiner Handwerksbetrieb mit drei Gesellen", erinnert sich Ritscher, der Billard-Krausse mehr als drei Jahrzehnte leitete und dabei die ganze DDR bereiste. Sogar beim owjetischen Geheimdienst KGB in Berlin hat er ein Billard aufgebaut. Die "Russische Pyramide" hält er für die schwierigste Billardvariante der Welt, weil die Taschen nur wenige Millimeter größer sind als die zu versenkenden Bälle. "Dagegen sind die Taschen beim Poolbillard so groß wie Scheunentore", scherzt Ritscher.

Neue Bande entwickelt

Hans-Jörg Ritscher
Hans-Jörg Ritscher leitete 32 Jahre lang den Traditionsbetrieb Billard-Krausse in Chemnitz. - © Detlev Müller

Von der Mangelwirtschaft in der ersten Hälfte seines Unternehmer­daseins kann er ebenfalls ein Lied singen. "Den Gummi für die Bande haben wir vom Gummikombinat Waltershausen be­zogen, aber hergestellt wurde er von Häftlingen in Gotha. Denen war die Qualität natürlich Schnuppe", erzählt Ritscher. Nach der Wende sollte der Bandengummi aber erst recht zum Problem werden. Mit dem von der Treuhand abgewickelten Kombinat waren auch Form und Rezept für den Gummi verloren gegangen. In mehreren hundert Versuchsreihen und unterstützt von den Billardspielern der Region wurde eine neue Bande entwickelt und in Hannover ein neuer Hersteller für das Gummiprofil gefunden.

"Heute sind die meisten Spieler wieder sehr zufrieden mit unserer Bande", sagt Marco Lohmann, der ebenso wie sein Vorgänger nur selten zum Queue greift. "Wäre ich ein leidenschaftlicher Billardspieler, würde ich womöglich gar nicht zum Arbeiten kommen. Für mich steht aber das Handwerk im Vordergrund." Das hat der 39-Jährige von der Pike auf gelernt in einer Tischlerei in Ottendorf. Gesellenstück: ein ausziehbarer Kulissentisch mit gedrechselten Füßen in Eiche. Da wusste er noch nicht, dass auch sein Meisterstück einmal vier Beine haben würde.

Mit Meisterstück zum Nachfolger

2006 feierte Billard-Krausse sein 120-jähriges Bestehen und Hans-Jörg Ritscher suchte nach 32 Jahren als Chef des Traditionsunternehmens einen Nachfolger, der bereit war, den Billardbau zu erhalten. Bei einem Fachabend der Tischlerinnung erfuhr er von Marco Lohmann, der seinerseits einen Betrieb für sein Meisterstück suchte. Die Chemie stimmte und so baute der Meisterschüler Lohmann unter Anleitung des Innungsobermeisters Ritscher ein Poolbillard mit integrierter Whiskey- und Cognac-Bar sowie einer Zubehörablage. Kurz darauf folgte der Generationswechsel. 

Ein gutes Jahrzehnt später ist Marco Lohmann zu einem Billardexperten gereift. Pro Jahr verlassen im Schnitt zwölf neue Billards seine Werkstatt. Nach jeder Saison klappert er zudem die Vereine ab und bringt die lädierten Tische wieder auf Vordermann oder restauriert alte Billards, die er dann günstiger als neue anbieten kann. Seit einem Jahr beschäftigt er einen Lehrling, dem er gute Perspektiven als Geselle einräumt. Zweimal pro Woche schaut auch Hans-Jörg Ritscher noch vorbei und hilft, wo er kann, obwohl er schon auf die 80 zugeht. Und wie beurteilt er die Arbeit seines Nachfolgers? Die knappe Antwort lautet: exquisit.