Ein Schreiner aus dem Schwarzwald erfindet eine neuartige Sitzfläche. Das patentierte Produkt soll den Verkauf eigener Sitzbänke und Stühle wieder richtig ankurbeln.
Melanie Höhn

Es sind 480 Holzklötzchen, die dafür sorgen, dass die Nussbaumholzbank von Edgar Seckinger für viele zu einem unerwarteten Sitzerlebnis wird. Der Schreinermeister aus der 6.000-Seelen-Gemeinde Königsfeld im Schwarzwald wollte neue Wege im Sitzmöbelsegment gehen und seine eigene Produktion vorantreiben. Deshalb entwickelte er "Wood Balance": Eine glatte Holzfläche, auf der man wie auf einem weichen Kissen sitzt.
Inzwischen hat er nach zwei Jahren Entwicklung die Erfindung zum Patent angemeldet. "Wenn die Konstruktion jemand anderes aufgreift, würde es mir wehtun", gesteht der Schreinermeister. Sogar ein Patent-Anwalt steht ihm schon zur Seite.
Zunächst begann Seckinger, die ausgefallenen Bänke und Stühle im Freundeskreis auszutesten. Seit einem Jahr verkauft er sie nun offiziell. "Meine Bekannten waren auf Anhieb begeistert. Sobald sie sich setzten, waren sie überrascht, erschraken teilweise sogar, weil es so unerwartet war", erzählt er. Denn eigentlich ist Holz ein harter Werkstoff – doch Edgar Seckinger macht ihn weich.

Für den Schreinermeister wird es immer schwieriger, selbstgefertigte Produkte zu verkaufen. Konkurrenz kommt vor allem von den Möbelhäusern. "Möbel werden immer seltener direkt beim Schreiner gekauft. Aber durch unseren Kundenstamm haben wir unser Auskommen", wie er sagt. 50 Prozent Montage, 50 Prozent eigene Produktion – so sieht der Arbeitsalltag des 53-Jährigen aus. Doch sein Fokus lag schon immer auf der eigenen Herstellung: "Wenn ich selbst produziere, bleibt die Wertschöpfung im Betrieb und ich brauche weniger Aufträge."
Mit zwei Mitarbeitern fertigt Seckinger in seiner universellen Möbelschreinerei maßgeschneiderte Eckbänke, Tische, Küchenmöbel und Holzböden. Früher hat die Firma vor allem Haustüren hergestellt, heute kommen dafür keine Aufträge mehr. Um diesen Abwärtstrend aufzuhalten, könnte "Wood Balance" dem Schreiner, der 1985 die Meisterschule absolvierte, eine neue Chance bieten, wieder richtig zu produzieren.
Inspiriert für seine Idee hatten den Schreiner verschiedene Designermessen, die ähnliche Holzkonstruktionen zeigten. "Alle ausgestellten Stücke waren entweder zu schwer oder hatten zu viel Material oder lose Stäbe. Deshalb waren sie nie in Produktion gekommen", sagt er. "Ich wusste, ich will eine flache Konstruktion im Gegensatz zu den anderen Konstruktionen. An dem Unterbau habe ich lange getüftelt." Die neuen Produkte sollten sich äußerlich nicht von herkömmlichen Möbeln unterscheiden, aber für einen Überraschungseffekt sorgen.
"Da steckt viel Know-how drin und es hat seine Kniffe"
Für eine Sitzbank mit weicher Holzoberfläche braucht Seckinger etwa 30 bis 40 Arbeitsstunden, preislich liegt das "Wood-Balance"-Produkt etwa 15 Prozent höher als ein gewöhnliches Erzeugnis von ihm. Stolz war er, als vor einem Jahr die erste Bestellung für eine Eckbank kam. "Bänke habe ich schon immer gerne gemacht", freut er sich. Doch auch die Stühle mit der besonderen Sitzfläche sind inzwischen beliebt: 700 Euro kostet ein Exemplar.
Um die außergewöhnlichen Bänke und Stühle herzustellen, verklebt er die kleinen drei Zentimenter großen Holzquadrate erst mit einem speziellen Fleece und danach mit einem besonders stabilen Schaumstoff. Den ließ er sich extra entwickeln, damit die Verankerung robust ist – das Endergebnis ist damit nicht höher als ein Stoffpolster. Die Klötzchen müssen exakt im Winkel stehen, sonst funktioniert die Konstruktion nicht mehr. Am Ende sind die kleinen Quadrate nahtlos verbunden, sodass es auch möglich ist, Krümel abzuwischen.
Sauberes, exaktes Arbeiten sei bei diesen Möbeln wichtig, da viele kleine Teile zusammengesetzt werden. Beim Zuschneiden dürfen sie zudem nicht durcheinandergeraten, weil sonst die Struktur des Holzes nicht mehr richtig abgebildet wird, erklärt der Schreiner. "Da steckt viel Know-how drin und es hat seine Kniffe." Bisher ist seine Idee fast nur in seinen Kundenkreis im Raum Freiburg durchgedrungen.
Doch er nutzt auch Fachmessen, um seine Produkte einem breiteren Publikum zu präsentieren. Im Juni bekam der Handwerker auf der Südwest-Messe in Villingen-Schwenningen, wo sich etwa 1.000 Schreiner tummeln, sechs neue Aufträge für Stühle und Bänke: "Die Leute sind begeistert, wenn sie sich erst einmal hingesetzt haben."
Um ihm bei der Verbreitung seiner Erfindung zu helfen, stellt ein befreundeter Kollege nahe Stuttgart Seckingers Produkte in seiner Möbelausstellung aus. "Das hilft enorm viel", sagt Seckinger. Er ist aber auch an der Zusammenarbeit mit anderen Betrieben interessiert, um seine Innovation noch weiter voranzutreiben: "Ich bin für alles offen, was Lizenzen und Ähnliches angeht."
"Ich habe Spaß daran, eine tolle Arbeit zu machen"
Der Schreinermeister bildet in seiner 700 Quadratmeter großen Werkstatt im Schwarzwald auch regelmäßig Jugendliche aus. Doch auch vor ihm macht das Lehrlingsproblem nicht Halt. "Es kommen so gut wie keine Bewerbungen mehr. Jugendliche gehen lieber in größere Betriebe. Außerdem ist unser Bildungswesen auf Bildungswahn ausgelegt", moniert er.
Seckinger selbst begann seine Schreinerlehre mit 15 Jahren, doch er wusste schon als Kind, dass er einmal Schreiner werden würde. Zunächst war er in einem Schreinerbetrieb angestellt, gründete er dann 1993 seine eigene Firma. "Ich wollte meine eigenen Ideen umsetzen, eigene Aufträge bearbeiten", erzählt er. "Es ist viel Arbeit als Selbstständiger, aber ich habe es nie bereut." Das Wichtigste ist für ihn die Freude an der Arbeit: "Ich habe Spaß an meinem Beruf und daran, eine tolle Arbeit zu machen. "
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