Die Sanktionen gegenüber Russland zeigen Wirkung und treffen in erster Linie die russische Wirtschaft. Allerdings bleibt das nicht ohne Folgen, wie Klaus-Jürgen Gern im DHZ-Interview erläutert.
Karin Birk

DHZ: Herr Gern, im Osten der Ukraine wird weiter geschossen. Sind die Sanktionen gegen Russland wirkungslos?
Klaus-Jürgen Gern: Politisch gesehen sind sie bisher nicht wirksam gewesen. Sie haben eher eine Wagenburgmentalität gefördert. Der politische Rückhalt Putins im Land ist eher größer geworden. Ökonomisch sind aber Wirkungen erkennbar. Die Wirtschaft wächst nicht mehr. Das liegt zwar nicht nur an den Sanktionen, wird durch sie aber befördert. Nicht zuletzt ist die Finanzierung russischer Unternehmenskonglomerate durch die Sanktionen schwieriger geworden ist. All das kann mittelfristig Wirkung zeigen.
DHZ: Inwiefern macht der niedrige Ölpreis Russland zu schaffen?
Gern: Der Rückgang des Ölpreises ist ein wichtiger Faktor. Allerdings befand sich die russische Wirtschaft schon in einer schwierigen Situation, als der Ölpreis noch höher war. Russland hat sich in der Vergangenheit zu sehr auf seinen Rohstoffeinnahmen ausgeruht und zu wenig außerhalb des Rohstoffsektors investiert. Folge ist eine schwache Produktivitätsentwicklung. Das Land bräuchte beträchtliche Auslandsinvestitionen. Doch die Bedingungen dafür sind immer schlechter geworden.
DHZ: Putin hat dem Westen vorgeworfen, den Ölpreis zu manipulieren, um Russland zu schaden. Ist dies realistisch?
Gern: Diese Einschätzung ist sehr spekulativ. Der zentrale Akteur beim Ölpreis ist Saudi-Arabien. Und die Saudis haben bei den letzten OPEC-Verhandlungen eben nicht am Ölhahn gedreht, um den Preis zu stabilisieren. Vielmehr haben sie die Produktion ganz bewusst nicht eingeschränkt, und zwar aus eigenem Interesse. Ausschlaggebend ist wohl das Ziel, die Anreize für die sehr aufwändige Exploration von Öl aus Schieferformationen oder aus der Arktis zu schmälern, die bei den hohen Ölpreisen der vergangenen Jahre zunehmend attraktiv geworden war. Auf diese Weise will das Land seinen Marktanteil mittelfristig stabilisieren.
DHZ: Könnte Russland uns den Gashahn zudrehen?
Gern: Die Gaswaffe ist tatsächlich vorhanden, aber es ist sehr unwahrscheinlich, dass sie eingesetzt wird. Die Russen würden sich selbst sehr stark schädigen. Sie brauchen die Einnahmen aus dem Öl- und Gasgeschäft. Ansonsten können sie den Staatshaushalt nicht finanzieren. Darüber hinaus müssen sie darauf achten, dass sie bei einem kurzfristigen Lieferstopp auf mittlere Sicht nicht massiv Marktanteile verlieren. Anders sähe es aus, wenn sich die politische Lage nochmals erheblich zuspitzte. Davon gehe ich aktuell aber nicht aus.
DHZ: Wie ist Deutschland von den Sanktionen betroffen?
Gern: Das Exportgeschäft mit Russland ist um ein Viertel gesunken. Davon geht zwar nur ein kleinerer Teil direkt auf die Sanktionen zurück. Doch die gesamte Schwäche des Russlandgeschäfts schlägt ins Kontor. Es macht schließlich rund 1,5 Prozent des deutschen Bruttoinlandsprodukts aus. Ohne die Russlandkrise fiele das Wirtschaftswachstum in Deutschland dieses Jahr vermutlich 0,2 bis 0,3 Prozentpunkte höher aus. Betroffen sind vor allem die exportstarken Branchen. Indirekt ist damit auch das Handwerk betroffen. Auch die Nahrungsmittelwirtschaft klagt. Sanktionen Russlands und der schwache Rubel haben zu einem massiven Überangebot an landwirtschaftlichen Produkten in Deutschland geführt.