Statt globaler Streuung Renditeverlust und Risiken: Gefährliche Heimatliebe bei Aktien

Deutsche Anleger investieren häufig überwiegend in heimische Aktien. Das birgt nicht nur Risiken, wie die aktuelle Energieproblematik zeigt, sondern kostet langfristig auch Rendite.

DAx, Börse, Bulle und Bär
Im Falle einer Rezession in Deutschland entstehen Anlegern Verluste, wenn sie ausschließlich in den heimischen Aktienmarkt investieren. - © peterschreiber.media - stock.adobe.com

Es ist eine verhängnisvolle Abhängigkeit. Sollte infolge des russischen Einmarsches in der Ukraine kein Gas mehr von Russland nach Deutschland fließen, dann droht hierzulande eine Rezession. "Deutschland ist von dieser Gefahr punktuell betroffen", sagt Claus Walter von der FVM Vermögensmanagement GmbH in Freiburg, "und das ist für mich ein perfektes Beispiel für die Risiken, die man eingeht, wenn man sich bei seiner Geldanlage zu stark auf den heimischen Markt fokussiert."

Gefühl von Vertrautheit

Tatsächlich ist dieses Phänomen keine Seltenheit. Laut einer Auswertung der Consorsbank aus dem vergangenen Jahr waren bei den über 66-jährigen deutschen Anlegern die größten zehn Positionen im Portfolio allesamt deutsche Werte. Und nach Angaben der Bundesbank und des Robo Advisors Whitebox sind 58 Prozent der deutschen Aktienbestände in heimischen Aktien investiert.

Etwas, was Uwe Wiesner von der Vermögensverwaltung Hansen & Heinrich in Berlin bestätigt. "Das hat seine Ursache häufig darin, dass man das subjektive Gefühl hat, die Unternehmen im eigenen Land besser zu kennen, man sich besser informiert fühlt und die Beziehung zu heimischen Firmen einfach enger ist", sagt er.

Regionale Begrenzung birgt Klumpenrisiko

Doch auch unabhängig von aktuellen Risiken wie der derzeitigen Energieproblematik in Deutschland und Europa ist eine regional begrenzte Anlage eigentlich nie ratsam. "Wer vor allem auf deutsche Werte setzt, holt sich zum Beispiel überwiegend bestimmte Branchen und damit Klumpenrisiken in sein Portfolio", erklärt Wiesner. "So haben wir in Deutschland viele Auto- und Industrietitel, dagegen fehlen Nahrungsmittel, Energie oder Pharmakonzerne."

Zudem haben deutsche Unternehmen in den vergangenen Jahrzehnten in starkem Maße von der Globalisierung profitiert. "Da wir jetzt aber eine Tendenz Richtung De-Globalisierung sehen, besteht auch das Risiko, dass der deutsche Markt besonders leidet", warnt Walter. 

Wichtige Titel sind nicht auf dem deutschen Aktienmarkt

Gleichzeitig lassen sich Anleger dadurch Renditechancen entgehen. "Zukunftsträchtige Titel sind zum Beispiel die großen Plattform-Unternehmen oder Chip-Hersteller", sagt Walter. "Um dort zu investieren, reicht selbst der europäische Aktienmarkt nicht, da müssen Sie schon Titel aus dem Silicon Valley oder aus Asien beimischen."

Wie viel Rendite der Fokus auf heimische Aktien kosten kann, hat Nomura Asset Management bei institutionellen Investoren untersucht. Das Ergebnis: Der Minderertrag liegt bei rund 2,50 Prozentpunkten pro Jahr.

Globale Streuung über viele Branchen

Wer breit streut, hat noch einen weiteren Vorteil: nämlich die Währungsdiversifikation. "Aufgrund des starken Dollars im ersten Halbjahr fielen die Kursverluste für deutsche Anleger, die dort investiert waren, im ersten Halbjahr nicht ganz so schmerzhaft", erklärt Wiesner. Aus all diesen Gründen heraus ist es wichtig und wird auch immer wichtiger, ein Portfolio weltweit auszurichten.

"Wir empfehlen unseren Kunden in der Regel eine breite Diversifizierung nach Branchen, global gestreut, was wir maßgeblich über Einzeltitel, aber auch über Fonds abbilden", sagt Walter. Dazu rät er zur aktiven Streuung über verschiedene Regionen den Einsatz passive ETFs und die Abbildung bestimmter Wachstumstrends über Themenfonds.

"Auf diese Weise lassen sich im Vergleich zu einem überwiegend auf den Heimatmarkt ausgerichteten Portfolio die Risiken reduzieren und gleichzeitig das Renditepotenzial erhöhen", so das Fazit des Experten.