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TV-Kritik: rbb - "Der Nachwuchs fehlt, Handwerk in Not" Maurermeister macht sich über Pseudo-Akademisierung lustig

Kein Nachwuchs in Sicht, der Fachkräftemangel als ständiger Begleiter, Termine erst in einigen Wochen. Oft nehmen sich TV-Formate dieser Probleme im Handwerk aus Sicht der Verbraucher an. Die "rbb-Reporter" stellten nun die Ansichten der Handwerker in den Mittelpunkt - und bekamen auf diese Weise erfrischend klare Aussagen.

Der Satz sitzt. "Die Gesellschaft ist leider so, dass das Handwerk heutzutage weder die Achtung, noch die Akzeptanz und schon gar nicht die Wertschätzung erfährt, die ihm eigentlich gebührt." Er stammt aus dem Munde von Andreas Mikulcak, dem Inhaber eines Heizungs- und Lüftungsbaubetrieb in Berlin, der mit seinen Angestellten oft komplexe Probleme in Heizungssystemen löst und sich dann teils despektierliche Kommentare über seinen Beruf und das Handwerk generell anhören darf. Der Satz bringt den Frust, der sich bei so manchem Handwerker über die Reputation seiner Branche angestaut haben dürfte, auf den Punkt - und er zeigt wie durch ein Brennglas, worum es bei der Dokumentation "Der Nachwuchs fehlt, Handwerk in Not" im rbb ging.

Von der Stimme aus dem Off als "leidenschaftlicher Überzeugungstäter" bezeichnet, der immer wieder für einen Beruf werbe, der "Kraft und Köpfchen" braucht, geht Mikulcak engagiert seinem Tagwerk nach und erlebt doch immer wieder, dass die Prioritäten der Gesellschaft und der Politik offenbar anders gesetzt sind, beispielsweise bei der zunehmenden  Akademisierung, die ihm Azubis kostet. Das klingt dann so: "Wer heute fehlerfrei seinen Namen schreiben kann und ohne zu stocken bis zehn zählen kann, macht Abitur, weil die Einstiegsbedingungen fürs Abitur ja runter gesetzt wurden. Und wenn sie sich dann irgendwie durchs Abitur gemogelt haben, mache sie eines nicht mehr: Sich die Finger dreckig", ätzt Mikulcak.

Lächerliche Pseudo-Akademisierung

Und er ist nicht alleine. Auch bei den Maurern ist die Stimmung nicht nur gut, was die aktuelle Situation auf dem Arbeitsmarkt und in der Branche angeht. Über Angebote wie den Berufsbachelor kann Maurermeister Axel Böger nur lachen. Pseudo-Akademisierung bringe keinen einzigen Meister hervor, sagt er - und haut wie sein Mikulcak so einen Satz raus, der frontal gegen den Zeitgeist steht.

"Ich kann mir einfach nicht vorstellen, dass ein Fleischermeister schlussendlich Bachelor of Hackepeter oder Fleischwurst sein möchte, oder eine F riseurmeistern Bachelor of Hairdressing. Das ist eigentlich albern, in meinen Augen ist das lächerlich." Vielmehr müsse der Meisterzwang wieder her, das Duale Studium gehöre gefördert, genau wie die Abitur mit Berufsausbildung.

Böger hat die Sache deshalb schon vor Jahren selbst in die Hand genommen fast alle seine Mitarbeiter deshalb selbst ausgebildet - und ganz nebenbei über die Jahre die Ausrichtung seines gesamten Betriebs verändert. Maurermeister Axel Böger produziert in Bad Freienwalde an der deutsch-polnischen Grenze Systemklinker für den Hausbau. Doch angestellt hat er hauptsächlich Produktionswerker oder Maschinenführer, da er aufgrund des Mangels an Maurern in dem vormals agrarisch geprägten Gebiet vom Mauern auf die Produktion von Klinker. "Wir haben aktuell das Problem, dass wir Fachkräfte wie Monteure oder Anwendungstechniker kaum noch auf dem Markt finden", sagt Böger.

Sätze gegen den Zeitgeist in der Bildung

Deshalb muss er seinen Leuten etwas bieten: Betriebliche Altersvorsorge und die Sicherheit, nicht gleich entlassen zu werden, wenn es mal nicht so gut läuft, das gehört bei Böger dazu. Doch auch er, der nach Maurerausbildung und dem Meister noch ein Ingenieursstudium dranhängte, muss sich mit den gesellschaftlichen Trends und Gegebenheiten herumschlagen. Und dann fallen sie wieder, die Sätze, die tiefen Widerspruch zum aktuellen Zeitgeist in der Bildung offenbaren. "Viele Eltern, die in die Kinderwiege gucken, glauben, das sei der künftige DAX-Vorstand, der da jetzt drin liegen müsste. Das heißt wiederum, die Eltern wollen ungeachtet der Talente nur das Beste, in Anführungszeichen, für ihre Kinder. Und die, die dem Druck nicht gewachsen sind, bleiben dann möglicherweise auf der Strecke."

Es fehlt am Nachwuchs, es fehlt an Wertschätzung - auch in Berlin-Köpenick, doch hier spielt sich Besonderes ab. Bei "Energie- und Umwelttechnik Matern" lässt sich allerdings die Chefin und Wirtschaftsjuristin Anja Matern, die bisher das Finanzielle im Betrieb regelte, sich von ihrem Mann Roland nun zur Elektrotechnikerin ausbilden - und das dürfte ziemlich einmalig in der Handwerkslandschaft sein. Anja Matern appelliert vor allem an Mädchen, sich im Handwerk zu versuchen. "Ein Schraubenschlüssel beißt nicht", ist ihre Devise.

Und ihr Mann Roland, der besonders am Wochenende und in der Nacht bei Notfällen seine "Rentnertruppe" anruft und um Hilfe bittet, wenn personelle Engpässe herrschen, der aber seinen "absoluten Traumberuf" lebt und liebt, ist sich bei allen Schwierigkeiten auf dem Bewerbermarkt sicher, dass "die schon wieder kommen. Das ist jetzt mein neuer Weg, dass ich Geduld habe."

"Hochwertigen Abschluss freigegeben"

Mit Geduld hat es Maurermeister Böger offenbar nicht so. Die Abschaffung des Meisterzwangs ist ihm nach wie vor ein Dorn im Auge, und für ihn ein Grund, warum das Image des Handwerks leidet. Weil in der Folge der Liberalisierung in zahlreichen Gewerken auch Fachfremde ohne Meistertitel, geschweige denn einer Ausbildung im jeweiligen Handwerk einen Betrieb eröffnen durften, habe sich der Markt verändert. "Man hat diesen hochwertigen Abschluss freigegeben", kritisiert Böger, und skizziert, wie es dann weiter ging. "Gestandene Meisterbetriebe konnten etwa dem Kosten- und Wettbewerbsdruck am Markt durch die zahlreichen Ich-AGs nicht mehr standhalten, und dann haben sich aus einem Betrieb zehn oder mehr Ich-AGs herausgebildet und die sind dann möglicherweise durch Schlechtleistung aufgefallen und haben das Bild des gesamten Handwerks negativ belastet." Die Debatte darüber läuft ja derzeit in der Politik, für Böger kann es nur eine Richtung geben: Zurück zum Meisterzwang.

Weitere Herausforderungen wie lange, unbezahlte Anfahrten, ständige finanzielle Vorleistung, Zeitdruck, hohe Verantwortung für die Sicherheit der Menschen, schweißtreibende Arbeit an gefährlichen Orten und Unverständnis seitens der Kunden wurden in der umfassend angelegten, halbstündigen Reportage noch kurz thematisiert, und der Zuschauer bekam den Eindruck, dass das Material auch für eine Stunde Sendezeit locker gereicht hätte - so intensiv waren die Einblicke in die Berufsrealität abseits der üblichen Klischees. Denn es sind auch immer wieder die Kunden, die sich bestimmt auch aufgrund fehlender Einblicke in die Branche im Ton vergreifen.

Heizungstechniker Mikulcak brachte es jedenfalls auf den Punkt, was viele Handwerker sich in einem solchen Fall wohl schon gedacht haben - und solche Momente werden neben den vielen schönen Situationen am Ende doch auch immer ein Teil des Berufs bleiben: "Sagen Sie mir einen Grund, warum ich hier weiter bleiben sollte. Meine Heizung geht. Schönen Tag noch."

Die komplette Sendung können Sie sich hier ansehen .

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