TV-Comeback mit Schönheitsfehler Hurra, hurra: Der Pumuckl ist wieder da

Die Geschichten von Schreinermeister Eder und dem rothaarigen Kobold Pumuckl begeisterten einst eine ganze Generation. Nun erweckt RTL den Zeichentrick-Klassiker zu neuem Leben. Aber erreichen die "Neuen Geschichten vom Pumuckl" wirklich den Charme der 80er-Jahre?

Haben sich kaum verändert: Der kultige Kobold Pumuckl und der berühmte Holzhammer, den in den 80er-Jahren schon Meister Eder nach ihm warf. - © RTL/NEUE SUPER

Die Sorge war groß, dass in der Fortsetzung "Neue Geschichten vom Pumuckl" (abrufbar auf RTL+) wenig vom zeitlosen Charme der alten Folgen erhalten bleibt. Schließlich hat sich die Film- und Fernsehwelt in den letzten 40 Jahren erheblich verändert: Moderne CGI-Technik und präzise Computer-Animationen für vergleichsweise schmales Budget ermöglichen dem Publikum ganz andere visuelle Erlebnisse als noch in den 80er-Jahren, in denen die Kultserie "Meister Eder und sein Pumuckl" sowie ein gleichnamiger Kinofilm auf Sendung gingen. Damals wurde der Zeichentrick-Kobold recht auffällig in Realaufnahmen montiert, was den Unterhaltungswert der vom Bayerischen Rundfunk für die ARD in Auftrag gegebenen Kinderserie aber nicht im Geringsten schmälerte.

Doch erfreulicherweise ist das Gegenteil der Fall. Statt eine seelenlose Neuadaption in 3D oder mit anderem technischen Schnickschnack ins Rennen um die Gunst des jungen Publikums zu schicken, hat der Privatsender RTL keine Kosten und Mühen gescheut, um den Zauber vergangener Tage zu bewahren. Den Filmemachern gelingt das Kunststück, dem Pumuckl-Format einen modernen Anstrich zu verleihen und dennoch auch all jene abzuholen, die heute selbst Eltern sind und sich in den 80er-Jahren als Kinder über Pumuckl amüsiert haben.

Werkstatt von Meister Eder originalgetreu wieder aufgebaut

Für die 2023 veröffentlichten Folgen wurde die berühmte Schreinerwerkstatt von Meister Eder, in der der Großteil der 52 TV-Folgen der 80er-Jahre-Serie spielt, originalgetreu wieder aufgebaut. Das tatsächliche Gebäude in einem Münchner Hinterhof wurde schließlich schon 1985 abgerissen. Der Holzhammer, den der versierte Handwerker einst nach dem unsichtbaren Pumuckl warf und diesen durch dessen unvorsichtigen Tritt in den Leim erstmalig sichtbar machte, die Werkbank, die Geranienkästen vorm Fenster und nicht zuletzt Pumuckls winziges Bett: All das erwacht in "Neue Geschichten vom Pumuckl" mit wunderbarer Detailverliebtheit zu neuem Leben.

Bild des modernen Schreiners wird in neuen Pumuckl-Folgen nicht vermittelt

Hier liegt allerdings auch ein Schönheitsfehler der Serie. So mancher Schreinereibetrieb ärgert sich über das Meister-Eder-Image, das dem Handwerk bis heute anhaftet. Die Arbeit in Schreinereien ist längst nicht mehr so traditionell, wie sie auch in den neuen Folgen dargestellt wird. Das Schreinerhandwerk hat sich technologisch stark weiterentwickelt. Eine Entwicklung, die das Comeback des Pumuckl kaum berücksichtigt. Zur Wahrheit gehört aber auch: Dass Hightech und Digitalisierung weitestgehend ausgeklammert wurden, ist dem Charme der Serie zuträglich.

Pumuckl vor Zeitungsausschnitt des "alten" Meister Eders
Nostalgischer Moment: Pumuckl entdeckt einen alten Zeitungsartikel über den verstorbenen Schreinermeister Franz Eder, der nun in der Werkstatt seines Neffen hängt. - © RTL/NEUE SUPER

Auch bei der Tonspur setzen die Macher auf Bewährtes – und das in bemerkenswerter Weise: Die markante, schrille Stimme des 2005 verstorbenen Sprechers Hans Clarin dürfte jeder sofort im Ohr haben, der schon einmal eine Pumuckl-Folge gesehen hat. Mittels künstlicher Intelligenz wurde nun die Stimme des bayrischen Comedians Maxi Schafroth, der die neuen Folgen eingesprochen hat, in die unverkennbare Stimme Clarins abgewandelt. Authentischer geht es kaum. Auf RTL+ steht dem Publikum neben dieser KI-Stimmversion auch eine unbearbeitete Tonspur mit Schafroths echter Stimme zur Auswahl, die der Clarin-Variante beinahe das Wasser reichen kann. Kompliment!

Betriebsnachfolger mit Anlaufschwierigkeiten

Der größte Unterschied zu den Pumuckl-Folgen aus den 80er Jahren, die auf der 1962 erschienenen Kinderreihe von Ellis Kaut basieren, ist die neue Hauptfigur. Der 1993 verstorbene Gustl Bayrhammer, der neben seiner Rolle als Meister Eder auch als Münchner "Tatort"-Kommissar Melchior Veigl Bekanntheit erlangte, wird in den neuen Folgen vom ebenfalls gebürtigen Münchner Florian Brückner beerbt. Er spielt Eders Neffen Florian, ebenfalls Schreiner und nun der Betriebsübernehmer. Eine tolle Hommage an den charismatischen urbayrischen Vorgänger, dessen Gesicht in der neuen Serie sogar in einem Zeitungsartikel an der Wand hängt. Auch seine runde Brille liegt noch auf der Werkbank: Pumuckl entdeckt sie und hat natürlich seine Freude damit.

Brückner macht seine Sache als neuer Gegenpart zum Kobold hervorragend, die Chemie mit dem nur für Eder (aber natürlich nicht für den Schauspieler) sichtbaren, nachträglich digital eingeflochtenen Kobold ist grandios. Wie in der Originalserie muss Eder Pumuckl erst einmal "entdecken" und vor allem seinen wenig erfüllenden Job im Baumarkt aufgeben: Er erbt die seit Jahrzehnten leerstehende Schreinerei seines Onkels gemeinsam mit seiner Schwester Bärbel (Ina Meling) und willigt nach anfänglichem Zögern in die Betriebsübernahme ein. Ein besonderes Schmankerl für Kenner der alten Folgen ist auch der Auftritt von Ilse Neubauer, die in der Serie erneut in ihre Rolle als Frau Stürtzlinger schlüpft und Eder zur Übernahme der Tischlerei ermutigt. Zugleich zieht sie posthum ihren Hut vor dem verstorbenen Handwerksmeister: "Solche Kaliber gibt‘s heute gar nicht mehr!"

Pumuckl und Florian Eder in Schreinerei
Wunderbar warmherzige Animationen: Florian Eder (Florian Brückner) ist immer für seinen rothaarigen Mitbewohner Pumuckl da – auch wenn’s manchmal schwerfällt. - © RTL/NEUE SUPER

Wenn Slapstick auf große Gefühle trifft

Die spaßigen Dialoge, Pumuckls köstlicher Schabernack und die alltäglichen Kuriositäten sind für Jung und Alt gleichermaßen unterhaltsam. "Neue Geschichten vom Pumuckl" bietet Unterhaltung für die ganze Familie. Für Erwachsene sind manche Szenen vielleicht etwas albern – wenn etwa eine Sahnetorte auf dem Tisch steht, weiß man gleich, dass früher oder später in Slapstick-Manier ein Gesicht darin landet. Wenn Pumuckl sich aber im Hochsommer schwitzend an einen Ventilator krallt, um sich durch die Frischluft abzukühlen, und dabei wie ein Fähnchen durch den Wind schlackert, sind das einfach entwaffnend süße Momente, denen man sich auch im Erwachsenenalter kaum entziehen kann. Die vielen Lacher sind nicht zuletzt den wundervollen Retro-Animationen des in Ludwigsburg bei Stuttgart ansässigen Studio Soi zu verdanken.

Zugleich gelingt der Serie ein äußerst respektabler Spagat zwischen unbeschwerter Heiterkeit und tiefsinnig-tragischen Momenten: In der überragenden dritte Folge besuchen Pumuckl und Florian Eder gemeinsam das Grab des verstorbenen Onkels und tauschen sich ernst und kindgerecht, aber nie verklärend über den Tod von Meister Eder und den Umgang damit aus. Nicht nur hier haben die Headautoren Korbinian Dufter und Matthias Pacht einen erstklassigen Job gemacht. In einer späteren Episode werden der Klimawandel und das Plastikproblem verhandelt. Auch hier treffen die Filmemacher den richtigen Ton, ohne dass das Thematisieren globaler Herausforderungen die Gagdichte zu stark reduzieren oder der Stoff ihr junges Publikum überfordern würde.